Quo vadis Torstraße


Die Straße und ihr Festival – eine Betrachtung zum 3. September 2011

August 31st, 2011 | 0 Kommentare ...  

Quo vadis Torstraße

Von Benjamin Cries

Blöde Frage! Torstraße, wohin führst du? Natürlich von Friedrichshain bis Mitte, etwa 2 Kilometer lang. Aber so leicht wollen wir es uns gar nicht machen.

Verschiedene verdiente Berliner VeranstalterInnen haben auf und an der Straße ein Festival an den Start gebracht. Es gibt einen grünen Strauss von Bands, Events und Orten von 12 – 21 Uhr über den ganzen Tag. Zu empfehlen ist eine genaue Orientierung unter www.torstrassenfestival.de.

Die Veranstalter künden von der Dynamik der Straße. Sie schreiben aber auch: „Der rohe Charme der Wendezeit und auch der ersten Jahre des neuen Jahrzehnts weicht immer mehr dem nerd-bio-chic Zeitgeist. Die Club- und Livemusikkultur wird mehr und mehr verdrängt.

Viele Fragen stellen sich hierzu. Dorfdisco hat hier bereits darüber nachgedacht, ob dies eigentlich „unser Festival“ ist. Ich wiederum, 12 Jahre im Kiez ansässig, rätsele noch immer, warum diese Torstraße eigentlich funktioniert. Ein Ort einst gigantischer gastronomischer Ödnis, der vor 10 Jahren zwischen Rosenthaler Platz und Oranienburger Tor noch mit gerade zwei Dönerbuden, einem Italiener und dem ewigen „Tucholsky“ mittendrin vollkommen auskam. Nicht zu vergessen: das legendäre Abziehbild eines Burger King am Rosenthaler.

Wo fing das an und wann? Eine Initialzündung zum Aufbruch in die heutige Beliebtheit war sicher das erste „White Trash Fast Food“ an der Ecke Borsigstraße. Dies brachte die Straße selbst auf die Karte des Ausgehvolks. Deswegen ist die Einbindung des heutigen WTFF – wiewohl etwas abseits der Torstraße gelegen – in das aktuell Festivalprogramm auch nur folgerichtig. Danach waren es in erster Linie Galerien, die zum großen Sprung nach vorn ansetzen, aus dem teuren Scheunenviertel über die Torstraße, ihnen folgten Hostels, die in Geschäfts-, mitunter aber eben auch Wohnbereiche hineingesetzt wurden. Da mochten nun nicht einmal die Schlapphüte vom BND abseits stehen und bauen sich eine Residenz nahe bei.

Doch bleibt vieles erklärungsbedürftig: Warum sitzen Leute eigentlich gern in nicht eben günstigen Restaurants an der Straße – die doch laut ist wie vor 10, 15 Jahren? Und das Stichwort „Torsteherstraße“ aufgegriffen und mit Fingern auf „Soho House“ oder „Trust“ gezeigt: wie kann ermöglicht werden, dass Kultur und Musik nicht nur einem abgegrenzten Teil – mag man ihn “Elite” nennen oder auch nicht – zur Verfügung stehen? In jedem Fall: Lokales unterstützen. Z-Bar, Schokoladen, King-Kong-Club mögen als Beispiele dienen.

Klar: die 90er mit Eimer, Boudoir, brauchbarem Tacheles oder Speicheldrüse zurückzufordern, wäre so idiotisch, wie über die „gute alte Zeiten“ zu sinnieren, in der sich auf den Straßenschildern noch Wilhelm Pieck breit machte. Früher war auch nicht alles gut. Aber Veränderungen zu reflektieren, sich nicht mit allem zu arrangieren und dort, wo nötig, auch mal ein Ausrufezeichen zu setzen, sollte drin sein: Für Sanierungsgebiete, für Milieuschutz, für den Erhalt von Wohnraum und alternativer Clubkultur. In diesem Sinne: Bis Samstag!



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