Zwischen Mensch und Musik


Xiu Xiu live bei brut im Künstlerhaus, Wien, 24.10.2008

Oktober 30th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Zwischen Mensch und Musik

Von Philipp Brugner

Dass Xiu Xiu um keinen Ton verlegen sind, weiß man schon seit fünf Platten – jenen fünf Platten nämlich, die die Band aus San Jose in den USA bereits veröffentlicht hat. Mit dem unlängst erschienenen sechsten Album „Women as Lovers” bekam die – wohl zerreißendste – Musik auf unserem musikalischen Planeten namens Erde ein weiteres, vielleicht noch stärker für das eintretend, was Xiu Xiu unter Musik verstehen, Werk dazu.

Zerreißend im Sinne von hin- und herreißen, stoßen, schreien, zerren – zerreißend im Sinne von musikalischem Ausdruck.

Es reicht schon irgendwie ganz nah an die Grenze unserer Vorstellung, was die Band rund um ihren Mimen Jamie Stewart während ihrer Bühnenpräsenz macht. Hier lässt sich kein Ton voraussagen, keine Melodie erdenken, geschweige denn eine Prognose für das weitere Verhalten der Musiker abgeben.

Sanftheit geht in Brachialgewalt über, als ob es nie eine Grenze zwischen ruhigem Gitarrenzupfen und torpedisierenden Drums gegeben hätte. Melancholie und Übermut gehen Hand in Hand, als wäre nichts einfacher auf dieser Welt, als diese zwei krassen Gegensätze brüderlich zu vereinen. Querflöte fügt sich Drumcomputer, Hi-Hats stehlen dem Bass die Show und ein mehr als selbstbewusstes Glockenspiel weist mit dem Finger auf das Publikum: “Ja, seht ihr, wir können und dürfen alles!”

Es gibt sie nicht mehr, die Einteilung in Genres – alles ist eins. Ob die Musik von Xiu Xiu nun als Artpunk, Experimental oder doch als – auf ihre Grundzüge reduziert – folkloristisches Wandern über die endloses Weiten mittelamerikanischer Wüsten gesehen werden mag, ist ihnen selbst wahrscheinlich ziemlich egal. Wobei für Letzteres hätten wir ja ohnehin schon die sechs Wüstenkakteen von Calexico, und mit denen könnten sich Xiu Xiu sicher nicht anfreunden, viel zu leise!

Die ruhigeren Passagen des Konzertes dienten – so hatte man den Eindruck – nur dem Wiederaufbereiten der Instrumente, dem Heißlaufen sozusagen. So geschehen, als der weibliche Part der Band, Caralee McElroy, dem Glockenspiel ein paar verquickte Melodien entlockte und dazu sang, während Jamie Stewart schon nervös an den Saiten seiner Gitarre herumschraubte. In Liedfassung heißt das dann „Hello from Eau Claire”.

Wenn man geschraubt hat, sollte es ja sitzen und das tat es auch. Jamies dramatische Gitarre, Ches Smith und sein – wie es den Anschein hatte – liebstes Spielzeug, das Schlagzeug, neben den Zulagen von Caralee. Das funktionierte einwandfrei.

Als dann während des Songs „I Luv the Valley, OH” immer wieder mal laut geschrieen wurde, blieb auch das Publikum nicht stumm. Auch wenn Jamie nicht wirklich dazu anstimmte, er verpackte lediglich seine charakteristischen Anwandlungen und Gefühlslagen in den kurz aufbrandenden Schreien, nahmen es sich einige aus den Leuten im Saal doch heraus, seinem Beispiel zu folgen. Geschrei auf Geschrei und niemand wusste so genau, was er daran hatte.

War es der eigene Gefühlsaubruch, oder doch nur die reizende Verlockung des Nachahmens? Jamie Stewart und Xiu Xiu gaben die Anleitung dazu, sich mal ordentlich nach außen zu öffnen. Sie kehrten sich ohnehin so weit wie möglich Richtung Zuhörer, wirkten damit auch natürlicher und angreifbarer.

Übertriebene Gesten wären hier mehr als unpassend gewesen. Die Band lief in keiner Phase des Konzertes Gefahr, den Fans solche hinzuwerfen.

Dafür gaben sie sich von ihrer menschlicheren Seite, persönliche Zurufe inklusive – „Jamie!”, kam da gegen Ende aus der ersten Reihe. Jener erwiderte mit einem Schmunzeln und einer kurzen Handbewegung. Gleichzeitig auch so etwas wie das Signal zum schnellen Weitermachen an seine Bandkollegen, man wollte deswegen ja nicht die durch die Musik erzeugte atmosphärische Tiefe verlieren.

Es war ein Abend voller Stimmungen, ein wirksames Anschauungsbeispiel für das weite Feld der menschlichen Psyche. Wäre ein Psychologe unter den Anwesenden gewesen, er hätte seine helle Freude daran gehabt. Meine Aufmerksamkeit galt daneben auch noch der musikalischen Leistung – Xiu Xiu spielten ein sehr gelungenes Konzert und schafften es, uns immer wieder kleine Entscheidungen aufzubürden. Sanftmut oder doch ein bisschen Wut – das musste man für sich selbst beantworten, sie stellten nur die Frage.

http://www.myspace.com/xiuxiuforlife



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