Tag 2
Es ist nachmittags am zweiten Tag genauso leer wie tags zuvor. Ich bin aber auch etwas früher da und die Kilians versammeln trotzdem locker 300 Menschen an der Main-Stage. Das ist absurd, denn nachdem ich mich draußen sonnte und Menschenmassen aus dem Hangar strömen sah, begab ich mich dort rein und saß dann drinnen schon wieder so verloren rum wie tags zuvor.
Das Konzert von Oneida, einer meiner heißeren Kandidaten des Festivals, sahen anfangs vielleicht 50, später rund 150 Menschen. Sie erlebten leider ein Debakel. Der Sound war eine einzige Soße. Und das ist mehr als schade, denn die Mitglieder der Noise-Band spielten das zu erwartende Programm von hypnotischen Monstern mit einer jeweiligen Lauflänge von zwischen 6 und 12 Minuten. Hilfreich wäre es gewesen, wenn das Publikum auch etwas von den Gitarren oder dem Keyboard unter dem wiederhallend dröhnenden Drum-Teppich hätte hören können. So konnte das Publikum nur zuschauen, wie sich die Band in Hypnose spielte und bestenfalls zum repetitiven Schlagzeug mitwippen. Ich habe selten einen dermaßen grauenhaften Live-Sound gehört. Ich laste ihn nicht der Band an. Ich hab mir später ein Band-T-Shirt gekauft.
Später bei den Thermals aber waren die Gitarren auf einmal deutlich zu hören und die Halle wieder halbvoll. Zu Beginn spielten sie “100%” von “Sonic Youth”. Eine deutlich sichtbare Fanbase sprang anschließend zu den eigenen Hits der Band herum.
Ich war dann schon unterwegs zu 1000 Robota. Und das war wirklich eine der positivsten Überraschungen des Festivals für mich. Ich kannte nichts von der Band bislang, und obwohl ich die Monologe des Frontmanns zunächst unerwartet und auch etwas ziellos fand (hinter mir rief ein Proll: “Halt’s Maul!”), später insgesamt allerdings durchaus charmant und witzig, und ich außerdem so Bühnen-Animation, wie zu Anfang im nachfolgenden Video zu sehen, eher uncool finde, hat mich der Auftritt der jungen Hamburger letztlich doch sehr beeindruckt. Laut, berechtigt, charismatisch und mehr als bloß ausbaufähig.
Tendenziell geht mir Solidarität mit deutschen Bands eher ab. Es gibt keinen Lokalbonus.
Aber ja, das da hat mir gefallen. Die Dissidenz, die Anarchie, die zur Sinnhaftigkeit einladenden Texte, die bei genauerem Hinsehen vielleicht nur Gestammel sind, keine Ahnung. Aber live war all das sehr druckvoll, sehr erfreulich.
1000 Robota Video:
Und dann: Mein persönlicher Höhepunkt. Einer der Hauptgründe für mich, dieses Festival überhaupt besuchen zu wollen. Der Sänger von 1000 Robota hatte zuletzt das Publikum zur Main-Stage und den Rifles geschickt, obgleich der letzte Song der Band für deren Verhältnisse gerade sehr experimentell und psychedelisch klang und somit die beste Voraussetzung dafür war, an der Second-Stage zu bleiben und Health anzugucken.
Soundcheck? Bei Health hat der länger gedauert als bei allen anderen Bands, die ich dabei beobachten konnte. Der Noise der kalifornischen Band, die von Trent Reznor als Vorgruppe zu den Abschiedskonzerten der Nine Inch Nails eingeladen wurde, ist berechnet und präzise.
Für mich war die Show definitiv eine der besten des ganzen Festivals. Extrem, laut, perfektioniert und auch überraschend musikalisch. Das meine ich vor allem bezüglich der neuen Songs, die auf dem zweiten Album “Get Color” enthalten sein werden, welches im September erscheint. Die Vorab-Single “Die Slow” war trotz lärmiger Produktion bereits eine Rückkehr in traditionelle Song-Dramaturgie. Einige der neuen Songs haben genau das auch. Es scheint, als wäre “Get Color” ein Album, dass das selbstbetitelte Debütalbum als Chorprobe erscheinen lassen könnte. Ich bin gespannt.
Health Video:
(Perfect Skin, Die Slow, neues Material)
Das Konzert hatte mich ziemlich umgeblasen. Trotzdem begab ich mich dann wieder zur Main-Stage… aber irgendwas war anders. Ich merkte es konkret auch an den Getränkeständen. Ich brauchte fast 15 min. für ein neues Bier. Überall Menschen mit “Yippie Yippie Yeah!”-T-Shirts. Die Schlange am China-Wok-Stand war ca. 15 Leute lang. Im Vorgarten des “White Trash Fast Food”-Stands kein Platz mehr frei. Und dann der Hangar. Voller als bei Peter Doherty nachts zuvor.
Deichkind Video:
Zoot Woman lieferten an diesem Abend, standesgemäß als Intro-Titelhelden des Monats, für die Verhältnisse des Berlin-Festivals Stadion-Pop. Da wo ich einige Stunden zuvor noch einsam auf dem Boden saß, um auf Oneida zu warten, erdrückten sich jetzt Hunderte gegenseitig. Als ich nach “We won’t break” die Halle verließ, strömten mir immer noch Hunderte entgegen. Der Hangar dürfte diesmal komplett voll gewesen sein.
Mir war das, mir war inzwischen eigentlich alles etwas zu viel. Erstmals hatte das Berlin-Festival “Rock am Ring”-Feeling bekommen. Es stürmten die Remmidemmi-Partymenschen das Gelände, die, im Gegensatz zu mir, scheinbar gerade erst frisch und munter angekommen zu sein schienen. Saturday Night Fever. Sorry, Jarvis Cocker, da ich wollte nach Hause.
Fazit
Cornelius Opper, einer der beiden Festival Directors, hatte das Festival in einem Clip auf freshmilk.tv richtig angekündigt: Als Festival für Menschen, die Festivals eigentlich nicht so mögen (Zitat FAZ). Das mag den Nachteil haben, dass sich der Großteil der Aktivität in die Nacht verlagert hat und das Gelände tagsüber richtig leer war. Natürlich geht einem solch “urbanen Festival” auch etwas der Charakter des apokalyptischen Ausnahmezustandes ab. Keine schlammgebadeten Menschen, keine umgefallenen Dixi-Klos und wenig Alkohol-Leichen. Aber das kann man ja auch gut finden.
Die Getränkepreise auf dem Gelände waren wie zu erwarten (3,50€ für 0,4l Bier), die Toilettenwägen recht schweinegrippe-freundlich, am Waschbecken floss das Wasser nur tröpfchenweise. Aber das Tollste: Für 16 Euro ging es mit dem Taxi bequem nach Hause, anstatt auf einem dunklen Campingplatz das Zelt suchen zu müssen.
Bonustrack
Der Berliner “Offene Kanal” namens “Alex” war (zumindest an der Main-Stage) mit Kameras vor Ort. Im Berliner Kabelnetz gelten folgende Sendetermine:
10. August 2009, 23:00 Uhr (Teil 1), Wdh. am 11.08. um 15:00 Uhr
14. August 2009, 15:00 Uhr (Teil 2), Wdh. am 15.08. um 15:00 Uhr
An sich hat die Website auch einen Live-Stream, der im Moment allerdings außer Betrieb ist.






Für mich persönlich leider kein gutes Festival.
Die Akustik in der Haupthalle war nich auszuhalten. Alles war ein Ton, und dazu die erwartungsgemäß hohen Bierpreise, und das man nicht rauskam aus dem Flughafen war für mich persönlich pure Abzocke.
Drinnen wurde man mit Werbung von StudiVz, Apple etc. noch zugemüllt.
Ne, Berlin Festival geb ich mir nich mehr. Lieber ein paar kleine, unkommerzialisierte Festivals mit guter Akustik.