Zwischen Ankunft und Abflug


Das Berlin Festival 2009 auf dem Flughafen Tempelhof

August 9th, 2009 | 1 Kommentar ...  

Zwischen Ankunft und Abflug
Peter Doherty auf dem Berlin Festival 2009, Foto: Mike Menzel

Von Stefan Kullmann

Der Relaunch des Berlin-Festival kann als geglückt bezeichnet werden. Gefühlte 10.000 Menschen drängten sich zumindest am zweiten Abend im Abfertigungsbereich des ehemaligen Flughafen Tempelhof. Die Rollbahnen konnten nicht betreten werden. Tagsüber hingegen war das Gelände ziemlich leer.

Aber lieber chronologisch:

Tag 1

Bin ich zu früh? Die Schalterhalle des ehemaligen Flughafen Tempelhof ist gespenstisch leer. Dafür werde ich innerhalb von Sekunden abgefertigt. Ich betrete das urbane Festivalgelände, darf auch nicht mehr raus. Es gibt kein Bändchen und keinen Stempel, auch die Eintrittskarte wird nicht weiter angerührt, ich muss die morgen wieder mitbringen. Gleich hinter den ersten Treppenstufen sehe ich eine weiß ummantelte Bühne, von der Elektromusik herabschallt. Niemand steht davor, ich halte sie für eine kleine Nebenbühne, die erst nachts mit DJing zum Einsatz kommt. Später finde ich heraus, es ist die Second-Stage.

Es ist schon halb sechs. In einer halben Stunde sollen die Crystal Antlers auf der Hauptbühne spielen. Verlaufen auf dem Weg dorthin kann ich mich nicht. Es gibt im Prinzip nur eine Richtung: Am Rosinenbomber und den Food-Ständen vorbei in den Hangar, der die Main-Stage beherbergt. Als ich dort ankomme, spielen Humanzi gerade ihren letzten Song. Höchstens 30 Menschen hören aktiv zu. Der Sound verliert sich vollkommen in dem Hangar. Die Architektur produziert einen penetranten Wiederhall.

Ich kaufe ein Bier und setze mich auf den Hangarboden, kann die Crystal Antlers bei einem rudimentären Soundcheck beobachten. Als sie anfangen, zu spielen, ist es 18 Uhr. Im Laufe des 45minütigen Konzerts werden etwa 100 Zuschauer eintreffen. Ich kannte die Band bis vor kurzem nicht, sie wurde mir, dem Fan von “Deerhunter”, “Liars” und solchen Sachen, dringend empfohlen und in der Tat, ich mochte deren Debütalbum “Tentacles” sehr. Dies soll ihr erstes Konzert in Berlin sein und der Sänger sagt an, es sei auch sein erstes auf einem Flughafen. Von der Tatsache, vor einem recht überschaubaren Publikum in einem recht leer wirkenden Hangar zu spielen, lässt sich die Band nicht irritieren und liefert eine sehr gute Show.

Crystal Antlers Video, Finaler Song:

Im Anschluss bewege ich mich zurück zur Second-Stage, die ich via Handout inzwischen als solche identifiziert habe. Ich frage mich, wo wohl der “Club Berlin Floor” ist oder die “Airbase 1”. Diese Extra-Bühnen kommen erst nach Mitternacht zum Einsatz.

Auf der Second-Stage spielen gerade die Errors. Diese britische Band kannte ich bislang nicht. Sie klingen auf meinen ersten Eindruck ein bisschen wie die “Foals” in instrumental. Die gleiche Menge Zuschauer wie bei den Crystal Antlers sieht bei der Second-Stage gleich nach wesentlich mehr aus.

Etwas mehr Menschen sind schließlich zu Telepathe da. Auch hier ein knapp zehnminütiger Soundcheck – mit Melissa Livaudais und einer hin und wieder gähnenden Busy Ganges. Live wird dann die Idee Song als Konzept des Duos aus Brooklyn, die bis 2006 zusammen in einer Garagerockband namens “Wicked” spielten, wesentlich deutlicher. Livaudais steckt teilweise auch viel Energie in die Präsentation ihrer Lyrics, Wut und Desorientierung inklusive. Alles wirkt für mich auf der Bühne sehr viel plastischer. Auf dem von David Sitek (TV On The Radio) produzierten Debütalbum “Dance Mother” sind die Texte einfacher zu überhören.

Dass einige Tracks des Albums sozusagen gar etwas “sperrig” sind, hatte auch einige Musikredakteure irritiert. In der Berliner “Zitty” sprach man nur noch von “Klobigen Synthieflächen” und “schiefem Gesang”. Einen der Titel, “Devil’s Trident”, habe ich aber auch erst mittels Live-Performance so richtig schätzen gelernt. Wenn Livaudais da ihren Monolog energisch vorträgt, erinnert mich das fast etwas an “Our Darkness” von Anne Clark.

Die beiden Süßen von Telepathe sind auch insgesamt eher düster, auch wenn das Publikum schließlich und endlich zum letzten und zugänglichsten Song, “So fine”, endlich feiernd auftaute. Die beiden jungen Frauen hinter ihren Maschinen waren jetzt nicht gerade die faszinierendste Bühnenshow, aber ich war doch recht angetan.

Telepathe Video:

Um danach These New Puritans zu sehen, musste ich mich etwas beeilen, die spielten schon, wiederum im Hangar, der diesmal wesentlich besser gefüllt war. Ich hatte die Band erstmals letztes Jahr im “Magnet” gesehen. Damals als 3-Mann-Band ohne Keyboarderin. In knapp 45 Minuten hatten die damals ihr Album “Beat Pyramid” auf gitarrenlastigste Weise gespielt, ergänzt durch die atemberaubende “Elvis”-B-Seite “FFF”. Diesmal hatte die Band eine Stunde Zeit und ihre Keyboarderin dabei.

Der leicht esoterische Hang des Sängers und Songwriters Jack Barnett, der sich bei “Beat Pyramid” und den dazugehörigen Promo-Inszenierungen und Videoclips mittels Numerologie und Ägyptologie bereits erahnen ließ, scheint die Band, die derzeit in den Arbeiten des Nachfolgeralbums steckt, noch mehr auf einen Trip gesteigert zu haben. Das Set auf dem Berlin-Festival bestand mindestens zur Hälfte aus neuem Material, das nicht schlecht, aber teilweise obskur, tendenziell monoton und meditativ klang.

These New Puritans Video:

(Numerology a.k.a. Numbers / neue Tracks)

Der Hit “Elvis” wurde zuletzt gespielt. Der unfreiwillige Hall des Hangars machte sich bei These New Puritans sogar eher gut.

Mit diesen 3 Bands war mein Wunschprogramm des Tages absolviert, und so verbrachte ich den Rest des Abends recht impulsgesteuert.

Zurück bei der Second-Stage sah ich kurz Bodi Bill, die ein nun mehr richtig großes Publikum zum Tanzen brachten und mich nicht so.

In der Zwischenzeit spielten auf der Main-Stage Saint Etienne, von denen ich die zweite Hälfte mitbekam. Eine Band wie ein antidepressiver Portishead. Zwei alternde Herren an den Elektroreglern, eine gestandene Frau, Sängerin, Entertainerin mit Fake-Federboa unterhält einen sehr gut gefüllten Hangar.

Dann wieder zurück zur Second-Stage: Die Junior Boys unterhalten ein Melt!-artiges Publikum. Auch die Junior Boys sind ein Hybrid zwischen Band und Elektro-Act. Spärlicher Gitarreneinsatz, Gesang und vor allem treibende Beats. Einiges finde ich anfangs etwas zäh, bewundernswert aber das gefühlt fünfzehnminütige, hypnotische Outro des Auftritts. Das war groß!

Zu den pausenfüllenden House-DJ’s tanzen im Anschluss im Publikum dutzendfach knapp volljährige Mädchen in Flip-Flop’s mit Dauergrinsen. Eventuell entgegen derer Erwartungen legen WhoMadeWho als nächstes aber regelrecht eine “Rockshow” hin. Das Publikum ist begeistert, die Second-Stage hat ihre Kapazität erreicht. Hier findet einer der Höhepunkte des Festivals statt. Die Band wird gefeiert, auch wenn sie (2. Track im Videoclip) stellenweise wie Queens Of The Stone Age klingt.

WhoMadeWho Video:

Schließlich machen WhoMadeWho ihren Namensgebern AC/DC alle Ehre, als ein Gitarrero die Verstärkerboxen erklimmt. Die zweite Hälfte des Auftritts wird dann aber wieder elektronisch und nach dem Auftritt grinsen die Flip Flop-Mädchen noch immer.

Ich gehe dann noch mal schnell zur Main-Stage gucken, ob Peter Doherty, als Babyshambles-Frontman ja bekannt für spektakuläre Verspätungen oder Konzertabsagen, es tatsächlich schafft, rechtzeitig auf der Bühne zu stehen. Er schafft es. Der Hangar ist gerammelt voll. Doherty eröffnet die Show mit “For Lovers” und zwei tanzenden Ballerinas.

Es ist so voll, dass ich zu Aereoplane flüchte. Die legen Platten auf und mixen sich mit beachtlicher Geschwindigkeit durch Gassenhauer wie etwa von “Justice”.

Es ist 1h. Ich mach Schluss für heute.

(weiter gehts auf Page 2)

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Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Tobias  

    Für mich persönlich leider kein gutes Festival.

    Die Akustik in der Haupthalle war nich auszuhalten. Alles war ein Ton, und dazu die erwartungsgemäß hohen Bierpreise, und das man nicht rauskam aus dem Flughafen war für mich persönlich pure Abzocke.

    Drinnen wurde man mit Werbung von StudiVz, Apple etc. noch zugemüllt.

    Ne, Berlin Festival geb ich mir nich mehr. Lieber ein paar kleine, unkommerzialisierte Festivals mit guter Akustik.

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