Zeit für ein kleines bisschen Horrorshow


Chris Cunningham beim Melt! 17.Juli.2010

August 7th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Zeit für ein kleines bisschen Horrorshow

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Zwei menschliche Körper. Mann und Frau, im Kampf. Rücksichtlos prügeln beide auf einander ein. Blut spritzt  und wandelt sich in rote Perlen. Zu jedem Tritt, zu jedem Faustschlag perfekt synchronisiert erklingen Drum´n Bass von Aphex Twin.

Mit diesem Horrorszenario schickte Kultregisseur und VJ Chris Cunningham Samstagnacht das größtenteils ahnungslose Publikum des diesjährigen Melt! auf eine 1 ½ stündige Irrfahrt durch die Abgründe der menschlichen Seele. Der oben beschriebene Opener Flex, ein 15minütiger Kurzflim, der 2000 im Auftrag der Londoner Royal Academy of Arts bei Cunningham in Auftrag gegeben wurde, macht von Anfang klar, dieser Mann ist ein besessenes und kompromissloses Genie, das die Bilder unserer schlimmsten Albträume aufzudecken weiß.

Auf drei LCD-Leinwänden inszenierte und verbildlichte Cunningham einen Horrortrip eine durch von Wahnsinn entstellte Psyche. Fixpunkt seiner Arbeit ist die Abstraktion und Entfremdung des menschlichen Körpers, ohne dabei die primären physischen Merkmale unserer Spezies zu entstellen. Durch diesen psychologischen Trick und das wiederholte loopen der Filmsequenzen wird ein Schrecken und Schaudern erzeugt, das umso eindringlicher ist im Bewusstsein, dass diese Wesen menschlichen Ursprungs sind.

Der 1970 in der ostenglischen Grafschaft Suffolk geborene Cunningham wurde bekannt als Regisseur für Künstler, wie Portishead (Only You), Madonna (Frozen) und Björk (All Is Full Of Love), deren Clips er noch im herkömmlichen Sinn arrangierte. Ebenso arbeitete er bei der Entwicklung der Monster für Alien 3 und 4, sowie Judge Dredd mit. Sein wahres technisches und kompositorisches Talent für Bildsprache und Spezialeffekte erreicht der medienscheue Regisseur, jedoch bei der Arbeit mit seinem musikalischen Zwilling Aphex Twin. Für Aphex Twin drehte Cunningham Videos zu Windowlicker, Come To Daddy und Monkey Drummer. In diesen Arbeiten  avanciert das Musikvideo zu einem eigenen Gerne, in dem nicht mehr die Musik in den Vordergrund rückt, sondern das Bild, das mit dem Sound zusammen fusioniert.

Sich dieser Wirkung bewusst, umfasste die Performance bei Melt! auch beinahe nur Songs und Klänge produziert von Aphex Twin. Cunningham präsentiert unveröffentlichte Clips, aber auch alt bekannte. Unter anderem seinen sechs minütigen Shortfilm Rubber Johnny zu Samples von Alphex Twins Album Drukqs. Johnny ist ein körperlich und geistig behinderter Junge, der alleine mit seinem Hund, isoliert von sämtlichen Menschen, in einem dunklen Raum gesperrt wurde. In seinem Rollstuhl erlebt er eine Irrfahrt, bei der er sich ständig verändert und verformt. Das Video nimmt an Geschwindigkeit zu, nachdem Johnny Kokin eingenommen hat, bis hin Fetzen und Brocken des Gesichts auf den Tisch prallen.

Es ist nicht verwunderlich, dass solche provokanten Bilder und Inhalte starke Abneigung und Kontroversen provozieren. So weigerten sich nicht nur Druckereien aus moralischen Gründen das Booklet zum Film Rubber Johnny zu drucken, sondern auch während der Melt!-Show kam es zu Buhrufen und Empörung, als Cunningham das Gesicht eines kleinen Mädchen entstellte. Andere sahen dem Spektakel nur fassungslos  zu, oder gingen einfach zu einer der anderen Bühnen. Dennoch war ein großer Teil des Publikums, nicht angetan, aber fasziniert von dem Schrecken, der sich  auf den Leinwänden abspielte. Ein wesentlicher Grund, weswegen dieser Wahnsinn die Zuschauer in ihren Bann nahm, war die Lichtshow, die ganz Ferropolis illuminierte und perfekt korrespondierte mit der Bilderflut. Zu diesem Zeitpunkt offenbarte der stillgelegte Tagebau  Golpa-Nord, in der Nähe von Gräfenhainichen, das ganze Potential des Melt!, das durch Mut zur Größenwahn und Exzentrik freigesetzt wurde.

Diesen Mut Chris Cunningham zur Primetime des Melt! spielen zu lassen, hätte man sich von den Veranstaltern, während des gesamten Festivals gewünscht. Fehlte es mit Massive Attack, Broken Bells, Moderat und Bonaparte nicht gerade an einem guten Line-Up, blieben solche Highlights wie Cunningham doch aus. Und so fuhr man zugedröhnt vom Bass und mit Bilder von entstellten Gesichtern und Körpern im Kopf zurück in die vermeintlich sichere Heimat.



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