Wohnzimmermusik


Kid 606 im Golden Gate, 20.8.2008

August 26th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Wohnzimmermusik
Kid 606, Golden Gate 20/8/08 - Photo Philipp Brugner, © Dorfdisco 2008

Von Philipp Brugner

Das Wohnzimmer bei mir zuhause ist einer meiner liebsten Orte. Dort kann ich es mir zwischen all meinem heimeligen Interieur gemütlich machen und die intime Atmosphäre genießen.

Ein anderer, von mir auch sehr gern gemochter Ort, ist ein Club. Ein Club, in dem ich auf der Tanzfläche mit guter Musik im Live-Format verwöhnt werde. Meist verzichten muss ich dabei aber auf das Zurücklehnen in die Wohnzimmer-Couch, was vor allem bei Artists elektronischer Natur zum Tragen kommt.

Das darum, weil sie ja geradezu dazu prädestiniert sind, die Räume mit Tanzenden hoffnungslos zu überfüllen – natürlich unter der Bedingung, es ist anspruchsvolle elektronische Musik. Also gilt irgendwie das Prinzip “Entweder Fauteuil, oder – sagen wir mal – M83”.

Mit der Tatsache, dass ich im Golden Gate wider Erwarten eine Wohnzimmerstimmung vorgefunden habe, schien die Frage nach dem Highlight des Abends schon beantwortet: elektronischer Live-Sound im Wohnzimmer. Es galt aber noch herauszufinden, ob die Musik auch passen würde. Wenn ja, müsste ich mich – erfreulicherweise – nach neuen Erklärungen für obig beschriebene Feststellungen umsehen. Dazu aber später.

Der Club befindet sich direkt in den S-Bahnbögen nahe dem Alexanderplatz, ja er hat sich dort richtiggehend gemütlich gemacht. Schon vor dem Eingang gibt es genügend Sitzmöglichkeiten, die für Lagerfeuerstimmung sorgen könnten. Ein solches gab’s zwar nicht, dafür aber sich unterhaltende Leute auf den Sesseln und Sofas.

Die Hände ausgestreckt bahnte ich mir meinen Weg durch den Vorhang am Eingang. Zuerst der Raum zum Tanzen und nebenan dieser Verschnitt eines Wohnzimmers mit Minibar. Ich fühlte ich mich in der Sitzgarnitur, in der ich Platz genommen hatte, wie – erraten! – zuhause.

Das gedämmte Licht erinnerte mich an jenes, welches man meist als Hintergrundbeleuchtung für Fernsehstunden daheim wählt – trüb und wenig aufreizend. Da ich aber nicht zum Fernsehen, sondern um Kid606 zu sehen gekommen war, ließ ich meine Gedanken an die Flimmerkiste zuhause wieder ruhen.

Neben dem in Venezuela geborenen Musiker traten im Zuge der “Tigerbeat6 vs. Tigerbass Label Night” noch Dolby Anol, C.L.A.W.S., Genuine Guy und SLY 1 auf. Mich interessierte aber ausschließlich Kid606, was womöglich auch am gering vorhandenen Popularitätsgrad der anderen liegt.

Die Tanzfläche war gut gefüllt, als Miguel Depedro aka Kid606, der sich ein absolut hässlich gemustertes T-Shirt übergestreift hatte, ans Werk schritt, die Besucher und mich mit einem Stil aus Breakbeats, Minimal und IDM zu unterhalten. Das Shirt war meiner Meinung nach ein aus der Hippie-Zeit übrig gebliebenes Relikt, worauf mich die darauf stattfindende Oszillation von Grün, Pink und Violett schließen ließ.

“Gut gefüllt” klingt nun auch nach viel, waren aber aufgrund der kleinen Größe des Raumes nicht mehr Leute, als ich bei einer Party auch in mein Wohnzimmer stopfe.

Wodurch sich sein Set von dem der anderen DJs entfernte, war in einem Unterschied deutlich hörbar. Kramten diese noch eine dieser garantiert für – zumindest nickende – Bewegungen sorgende 4/4 Techno-Bassline hervor, bediente sich Kid606 anderer Melodien.

Verschroben, abgebrochen und komplex gemixt kamen die Beats da daher. Ganz im Sinne von Breakcore eben, für den Aphex Twin als so etwas wie das Aushängeschild gilt. Es war weder etwas neues, noch simpel gestrickt, was man insgesamt hörte. Kein Grund zur Überschwänglichkeit also.

Den Drang zu erzeugen, aus sich herauszugehen, gelang der Musik leider auch nicht. An Kid606 durfte man getrost höhere Erwartungen stellen, ist sein Name doch mehr, als nur denen die an diesem Abend im Golden Gate waren, geläufig. Bei den restlichen Acts wäre ich mir da gar nicht so sicher.

Trotzdem gelang ihm nicht mehr, als eine solide Dance-Einheit zu gestalten, die in keinem Augenblick dem Überkochen nahe war. Darum tendierten die Tanzstile des Abends auch eher in Richtung vornehmer Zurückhaltung denn ausfallenden Gesten.

Ob das nun also für eine Änderung meiner Ansichten was Wohnzimmer und elektronische Musik betrifft, reichen würde, war fraglich. Konnte ich ab sofort behaupten, es gäbe die Möglichkeit richtig guten elektronischen Sound auch in Wohnzimmerambiente mit dazugehörigem Schnickschnack zu bekommen?

Was da war, waren Sitzmöbel, eine kleine Bar, eine überschaubare Menge an Leuten und das Gefühl von Wohnzimmer. Was nicht da war, war die qualitativ ausreichende Musik. In diesem Fall also “nein”.



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