Why Be Blues?


Suicide in der Volksbühne 9/11/02

November 14th, 2002 | 0 Kommentare ...  

Why Be Blues?
Why be Blues? - Suicide in der Volksbuehne 9/11/02
  Photos © Dorfdisco 2002

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Ehrlich gesagt, dass man das nochmal erleben durfte. Nur, warum ausgerechnet in der Volksbühne? Dort gehören Suicide nun wirklich nicht hin. Suicide erlebt man in dröhnenden, feuchten Kellern, stehend mit einer Dose Bier bewaffnet. Die loungigen Fernsehsessel der Volksbühne machten aus Suicide ein Broadway Musical. Zum Glück gab’s noch die Liars als Vorband.

Right. Zuerst die kleine Nachhilfeminute für alle, die ihr Geburtsdatum noch nicht um 20 Jahre vorverlegt haben. Denn das, was Alan Vega (Gesang) und Martin Rev (Sound) um 1976 in New York als ein gewalttätiges Kapitel rythmisch-minimalen elektronischen Krachbeats aufschlugen, gilt heute als die hohe Techheadschule, und nur zu vergleichen mit The Velvet Underground oder den Stooges für Stoner.

Der Plattenfirma Blast First/Mute und einigen guten Freunden der Galerieszene ist es nun zu verdanken, dass die Band es wieder zurück an die Öffentlichkeit geschafft hat. Sicher, die Zeiten wo sie ausschließlich ausgebuht, beworfen und angespuckt wurden, wenn Vega nicht gerade jemanden manisch an den Haaren zog, oder neben der Bühne mit seiner Freundin telefonierte, und Rev sich, noch in die Tasten seines Moog Synthesizer hauend, unter dem Bierbüchsenhagel wegduckte, sind allemal vorbei.

Martin Rev - Photo © Dorfdisco 2002

Martin Rev - Photo © Dorfdisco 2002

Vega und Rev erkannten dies wohl am ehesten, als sie zwischen den Songs unbekümmert über die Bühne spazierten und sich selbst angrinsend wieder begegneten – das Publikum sass in der Volksbühnen ‘Farts Centre’ Bestuhlung mehr in einer Art Nichtraucherkino als ‘Electro-Clash’-Action Show. ‘This is Entertainment’ maulte Vega auch gezielt zu Handzeichen zum aufstehen. Jaja, aufstehen! Das taten dann – zwei, drei Reihen…

Alan hielt sich daraufhin eher hinter seinen berühmt paranoiden Bewegungen zurück, während Marty das Keyboardspiel als Einarmiger (an der anderen hing seine Jacke) mit einem Finger jazzig schräg und atonal zelebrierte. Das war nicht nur beeindruckend, das war aberwitzig.

Bis auf einen zerkratzten ‘Ghost Rider’ von ihrer ersten Platte, bestand das Set aus nur krude abgedrehten Liveversionen ihrer neuen CD ‘American Supreme’, dessen heimtückische Mischung mit elektronisch verführerischen Tanzklängen und funkigem Industrietechno zu jedem Jackson Pollock Film passt. Das wars aber auch schon.

Suicide, die sich ursprünglich ‘Life’ nennen und dieses schonungslos darstellen wollten, sind der tiefe Umkehrschluss aufgepumpter amerikanischen Mythologie schneller Autos, schnelle Frauen und schnelles Geld. Was übrig bleibt sind Paranoias, Fernseher, Zigaretten und generell Loserimages, grosse Themen die nicht in die Amiglitzerwelt gehören, doch täglich auf deren und weltweit anderen Strassen anzutreffen sind. Martin Rev’s aggressive Grossstadtrythmik kombiniert mit Alan Vegas Kunst, diesem einen stimmlich verletzlichen Gegenpart zu geben, transportiert jene Umstände zu genau, um als rein nette Unterhaltung zu gelten.

Nach jahrelangem Kampf ums Überleben und langen Auszeiten, ihre letzte Platte ‘Why Be Blue’ erschien 1992, scheinen Alan und Martin endlich respektiert zu werden. In New York werden sie von einer jungen Generation als Väter des ‘Electro Clash’ wiederentdeckt. Bei einer diessjährigen Ausstellungseröffnung von neuerer Kunst Alan Vega’s kamen nicht weniger als Moby, Bjork, Sonic Youth, Jim “Foetus” Thirwell, Yeah, Yeah, Yeahs, Liars, Strokes, Ric Ocasek und David Bowie vorbei. In Berlin übrigens Katharina Franck, FM Einheit, Jochen Arbeit, Caspar Brötzmann, Tommy Wydler, Beate Bartel, Gareth Jones, Hanin, Mia, Coco, Razi, Rose, Gaby, Theo, Chris und ich.

So gerne erinnere ich mich an die Abende im Dschungel, wenn der Dj zum Ausklang das ‘Dream Baby Dream’ für die letzten Tänzer spielte, wenn der Laden um 4 Uhr dicht machte…



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