Where Evil Spirits turn to Gold


Foetus Live im Knaack 5/10/2001

August 14th, 2001 | 0 Kommentare ...  

Where Evil Spirits turn to Gold

Von

Für alle die Jim Thirlwell a.k.a. Foetus schon abgeschrieben hatten, das Come-Back des heissesten Selbstabbrenners aus New York erwies sich inmitten grosser Namen als das Ereignis schlechthin. Zuerst waren wir bei Cobra Killer, dann beim Konzert und anschließend in der Pair-A-Dice Bar, wo eine Party mit Slayer stattfinden sollte…

Es dauerte noch eine Weile bis die Band in schwarzen T-Shirts die Bühne betrat und so ziemlich genau das möglich machte, was von der Platte her als unmöglich erscheint: chaotisch organisierte Schönheit in eine fett eiternde Bandpastete mit schrägen Hard-rock Sound zu packen, dabei zwischen Industrial, Punk, pre-EBM, Jazz und Swing zu wechseln, auf dass einem das Hemd auf der Haut klebt. Nicht genug. J. G. Thirlwell bringt es nach 14 Jahren auf 32 Aufnahmen unter 19 verschiedenen Gruppenidentitäten, die internationalen Standard setzen, versehen mit einem grandiosem Haufen Anti-airhead charisma Dandy Pop.

Das Konzert wurde von ‘The Need Machine’, dem neuesten foeturalen Irrenklopper eröffnet, der das Publikum auf der Stelle mitnimmt und Thirlwell schaut mit trotzigen Gesichtsausdruck herum wie ich, der Exterminator ist wieder da!

Dazu besteht das Set zu zwei Drittel aus Werken von seinem neuen Album ‘Flow‘, der Rest sind ältere Nummern wie ‘Clothes Hoist‘, ‘Take it Outside Godboy‘, ‘DI-1-9026‘ und ‘Throne of Agony‘, der typischsten 80ger Endzeithymne. Zwar fehlte mein Haushaltswecker ‘Wash it all Off‘, aber die Band und die Energie wirkt, und die Knakkies beben ansatzlos. Andere in seinem Alter lassen ihr Publikum schon mal in Sesseln sitzen, bei Foetus bäuchte man gleich Gurte dazu. Fasten your Seatbelt, Baby.

Wer wissen will wo er das her hat… 1978 zog es ihn von Australien nach England und in die Punkszene, die ihm stupide vorgekommen sein muss. Später traf man ihn schon mal bei Parties mit Mark E. Smith und Nick Cave, dessen damals noch unbekannte Band The Birthday Party Foetus den Umzug nach London ermöglichte. Ein paar Singles selbst produziert, dann die klasse Alben auf Some Bizarre, selbst im Café M (damals erstes Tagescafe im Oststyle, heute dumme Housemusik) hörte man The Diary of a Sick Man, ein höllisches Witzstück auf Blixa Bargeld, der dort unausgeschlafen Hyroglyphen in den Terminkalender kritzelte. Nichts für Zartbesaitete, aber Kenner mit krachigem Kunstgeschmack.

Foetus Live im Knaack Pic Dorfdisco 2001

Foetus Live im Knaack Pic Dorfdisco 2001

Foetus ist gebildet genug und macht bis dato alles allein: schreiben, produzieren, Coverart. 1988 wandert er samt seinem (Fairlight-) Studio nach New York: The Foetus All-Nude Revue, Wiseblood, The Flesh Volcano, Foetus Interruptus, Foetus bleibt kontrovers und durchgeknallt, arbeitet mit den extremsten Musikern seiner Zeit. Trotzdem zerfällt sein Mythos zur fast-Unkenntlichkeit, kann er sich selbst noch an sich erinnern? Schließlich entzieht sich Foetus dem Futter für kleine Dämonen im Hinterkopf. Sechs Jahre sind angesichts seines hyperspeed Outputs der vergangenen Jahre viel Zeit. Jetzt: ‘Flow‘. Nach der Show steht uns ein nüchtern introvertierter Jim Thirlwell gegenüber, der nicht das Hemd wechselt, nur die Stimmung.

“It is what it is, you know”, sagt er bedächtig, “alles was ich tue sind meine Ängste, meine Passionen, meine Fanatasien beschreiben, wie sie mein Leben durchkreuzen”. Und: “Das musst du entziffern”. Hätte ich ihn mal nach was anderem gefragt.

Später fahren wir zur Slayer Party. Die sitzen da auch, mit verschränkten Armen vorm Bier an der Bar. Rundum nur wenige Gesichter. Wir unterhalten uns mit Chris Haskett, nebenbei Gitarrist der Rollins Band und – David Bowie. Netter Kerl, mag uns auch. Jim spricht mit Hacke, leise, bis wir uns verabschieden. Ein kurzer, beiläufiger Händedruck. Schön, dass wir uns mal gesehen haben. Schon morgen war wieder ein anderer, dämlicher Erwachsenen Tag.

www.myspace.co/jgthirlwell



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: