Dass man das noch einmal erleben durfte


S.Y.P.H., Doc Schoko, Floating di Morel, Fantas Schimun, Festsaal Kreuzberg, 30.10.2009

November 8th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Dass man das noch einmal erleben durfte
Peter Braatz aka Harry Rag - S.Y.P.H., Festsaal Kreuzberg, 30.11.2009, Foto: Os.

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Es gab nicht wenige, die über 1000 km Anreise hatten, oder wie ich gute 3 Stunden Autobahnstau in Kauf nahmen, nur um S.Y.P.H., jene legendären vier Buchstaben deutscher Musikgeschichte zu sehen.

Bekannte Gesichter und Namen trafen sich im Vorhof des Festsaals in Kreuzberg, unter anderem Carmen Knoebel aus Düsseldorf oder Deutschlands 80er Jahre Plattenpapst Alfred Hilsberg aus Hamburg … wobei Hilsberg in seiner gewohnt schwarzen Klamotte auch wegen Fantas Schimun anreiste, welche gerade auf seinem immer noch exsistierenden Label Whats So Funny About kürzlich ihr Debut veröffentlichte.

Der eigentliche Anlass des Abends aber waren weder S.Y.P.H. noch Schimun, sondern Singer/Songwriter Doc Schoko und die auch wieder aufspielenden Kreuzberger Psychedic-fuzz-kraut-rocker Floating di Morel – beide feierten ihren neuen Record Releases. Doch Doc Schoko und den Floatings zugunsten wurde der Abend angesetzt, und Schimun und S.Y.P.H. als wirksame Zugabe gebucht.

Der Sinn dieser Zugabe erschließt sich, wenn man weiß, dass Doc Schoko nicht nur sämtliche S.Y.P.H. Schallplatten unter seinem Bett liegen haben muss, sondern die beiden S.Y.P.H. Musiker Jojo Wolter (Bass) und Uwe Jahnke (Gitarre) nebst Dauerdrummer Kurt Kreikenbom die neue Doc Schoko Besetzung bilden.

Os.

Doc Schoko, Festsaal Kreuzberg, Foto: Os.

Nun habe ich Doc Schoko schon einige Male erlebt, und es waren nicht immer die besten Abende für den Mann, der eigentlich rocken will, dann aber immer wieder im Soundkraut stecken blieb. Heute Abend gab es nicht nur eine erfahrenere Band, sondern auch endlich mal guten Sound. Schoko ist kein Entertainer, Schoko schwingt keine Posen oder repräsentiert kein Rockideal, wie es bei vielen kommerziellen Genre Acts quasi Grundvorrausetzung ist, Schoko steht nur da und spielt seine Lieder wie Rumpelsongs, dessen Wortspielereien eher spinnerte Kinder als berechnende Analytiker ansprechen.

An diesem Abend aber entfalteten Songs wie Kleiner Frosch oder Zurück in den Regen stärkere Momente. Kreikenbom / Wolter und auch Schokos gestandene Rhythmusgitarre bildeten den Unterbau für einen Jahnke, der schon fast Keith Richard-mäßig rüberkam und akzentuiert-improvisierte Freeformfetzen drüberfeuerte, was vielleicht auch daran gelegen haben mag, dass auch für Doc Schoko kaum bis keine Zeit zum Proben geblieben sein mochte.

Wirklich keine Zeit zum Proben oder einüben irgendwelcher Strukturen aufgrund räumlicher Entfernung hatten S.Y.P.H., die ihren Auftritt auch gleich entsprechend ankündigten: „Wir kennen keine Songs weil wir haben keine Songs” beantwortete Sänger Peter Braatz a.k.a. Harry Rag die üblichen Publikumsrufe nach bestimmten Titeln. Jene, die in der Hoffnung gekommen war, ein paar legendäre Deutschpunkstücke wie Zurück zum Beton oder Lachleute und Nettmenschen vorgespielt zu bekommen, sahen sich erst einmal enttäuscht. S.Y.P.H. begannen wirklich improvisiert, hatten außer ein paar Stichpunkte für Rag keinerlei Anhaltspunkte wohin die Reise gehen würde. „Da die Band keine Zeit für gemeinsame Proben findet, treffen sich die Musiker seit langer Zeit zum ersten Mal um auf der Bühne Skat zu spielen” – stand dafür im Presseinfo.

Wollten sie eigentlich alle neben ihren angestammten Instrumenten etwas „elektronisches” mitbringen, die Rede war sogar von einer rein elektronischen Besetzung, ergab es sich, dass auch nur Braatz einen alten Moog-Sequenzer und mehrere antiquiert wirkende Drehkästen mit vielen Steckverbindungen auf der Bühne zu stehen hatte, durch die er seine Stimme fuhr.

Zu Anfangs gab es daher erst einmal eine Art Geheule, dann die oben genannte Ansage. Nach und nach aber spielte sich die Original S.Y.P.H. Besetzung von 1985 in eine Art routinierten Rausch, der sehr hypnotisch und tanzbar wurde. Vergleiche mit Public Image trifft Can waren da nicht verkehrt, und ein weiter Groove brachte den Saal ins Wippen und Tanzen.

Die bis spät gebliebenen jedenfalls erlebten einen jener absolut seltenen Auftritte einer Band, deren Einfluss auf die Entwicklung deutscher Musik nicht von der Hand zu weisen ist. Einmal damals, als direkter Teil der Düsseldorfer Ratinger Hof-Szene mit Bands wie Fehlfarben, DAF oder ZK (ja, Die Toten Hosen), in den 90ern auf Blumfeld und die Hamburger Schule. S.Y.P.H. waren die, die es verstanden Punk mit Kraut zu verbinden, zwar 2-Minuten Songs zu schreiben, diese aber als 10-Minuten Live-Versionen zu spielen, und sie dadurch dem Zugriff konformistischer Moden zu entziehen. So entstand eine typische Arbeitshaltung, die auch dazu führt, nach über 15 Jahren erst einmal ohne Songs über eine Stunde lang live aufzutreten.

Zur Zugabe aber gaben sie dem Publikumwillen denn doch noch nach, und schmetterten ungeübt jene drei deutschen Ur-Punktitel Zurück zum Beton, Lachleute und Nettmenschen und zur Überraschung aller das Industrie Mädchen, wie vor 30 Jahren im SO36. Da sprangen die Herzen höher und war der Saal voll purer Freude, dass man das noch einmal erleben durfte.

myspace.com/docschoko

myspace.com/saveyourprettyheart (S.Y.P.H.)

mehr S.Y.P.H. zB. http://mitglied.lycos.de/rafuchs/ndw/vdj/syph.htm



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