Weicher geht nicht


U2 im Olympiastadion, 7.7.2005

Juli 12th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Weicher geht nicht
Grüsse aus dem Olympiastadion bei U2, Photo © Dorfdisco 2005

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Was macht man mit 4 Freikarten für U2? Man versucht zwei teuer zu verkaufen und an der Seite des Gastgebers einen Eindruck von einer Band zu gewinnen, die in den frühen 80gern in Berlin in sehr gutes Album namens “Achtung Baby” aufgenommen hatte, und nebenher mal mit Grössen wie Brian Eno zusammenarbeiteten. Auch weltkompatible Hits zu schreiben muss man ihnen zugestehen, der Rest ist Geschmackssache. Vielleicht rutschten deshalb die Schwarzmarktpreise vor dem Stadion in den Keller, selbst umsonst wollten unsere Restkarten an die uns einzig sympathischen erscheinenden Punkees nicht gehen, weil eine Dritte Karte fehlte.

Derweil feierte sich das aus allen Teilen der Republik und Ausland angereiste Publikum mit “Laola” gerade noch selbst, als die vier Iren nach über einer Stunde Umbaupause (Einlass war 15.30, 6 Stunden warten vor der Bühne inklusive) unter einem Tosen der geschätzten 70.000 von mir völlig unbemerkt als Mikroben am Bühnenrand auftauchten. Hello-Hello Vertigo, die erste Nummer, und der Sound im beeindruckend überdachten Olympiastadion war auf der gegenüberliegenden Seite noch so laut, dass man vielleicht froh sein konnte, nicht weiter vorn zu stehen. Vor der Bühne aber tobte die Masse und, wann immer die großen Videoschirme kurz aufflackerten, tobte der Rest.

Apropo Videoschirme. Ohne geht so eine Messe der Medienlakaien ja nicht mehr. Ich weiss jedenfalls nicht was masochistischer ist: für solch eine Veranstaltung bis zu 86 Euro mit Schallverzögerung auszugeben oder zuhause den ganzen Tag U2 auf Radio 1 zu hören. An Überraschungslosigkeit jedenfalls wurde auch nicht gespart. Im Gegenteil. Alles was zu Erwarten war trat ein, und das mit unheimlicher Impertinenz. Setzte sich der Anfang noch aus ein paar der üblichen Megamitsinghits wie “New Years Day” oder “I Still Haven’t Found What I’m Looking For” zusammen, legte U2 ab etwa Anbruch der Dunkelheit mit mir bis dato unübertroffen bedeutungsschwangerem Politkitsch los. Von der riesigen Multimediawand herunter wurde alles abgebildet was es heute so an aufgeklärten Selbstverständlichkeiten gibt.

Erster Höhepunkt: die Anzeige und das Vorlesen der “Universal Declaration of Human Rights”. Hätten sie mal die 10 Gebote genommen. Dagegen sah man den unablässig über die beiden herzförmigen Laufstege stapfenden Bono als nächstes mit einem “CoeXsisT” Stirnbandaufdruck, wobei das C als Halbmond, das X als Judenstern und das T als Kreuz dargestellt wurde. Whoa. Als postmodern internationaler Grenzenverwischer kann man nur noch zuckend nicken, es sei denn man ist irgend so ein verbohrter Globalisierungsgegner, vielleicht. Bono war sich aber auch nicht zu schade zu bemerken dass sein Vater ein einfacher Bahnbeamter gewesen sei und er seinem Fanstaat für dies tolle Leben zu danken hat. Jubel. Dann, unausweichlich, ein Gedenken an die Verwandten der Opfer vom Londoner Terroranschlag desselben Tages, ohne den Terrorismus an sich zu verurteilen.

Der Höhepunkt schlechthin aber diese revolutionäre Kundgebung: Jeden Tag sterben 24.000 Menschen auf der ganzen Welt an Aids, Hunger oder Krieg (nicht eingerechnet die jeden Tag an Alkohol, Drogen und U2 sterben…). Applaus.

Ich komme gerade vom Golfplatz mit Tony Blair und Gerhard Schröder. Euer Cänsellor hat mir versprochen heute Abend folgendes bekannt zu geben: Wenn Gerhard Schröder um vier Uhr nachmittags am Ende des G8-Gipfels in Gleneagles die totale Entschuldung afrikanischer Länder verkünde, dann sei er ein Held! – Hände über Kopf abklatsch, grenzloser Jubel. Euer Cänsellor Gerhard Schröder ist nicht mit in den Krieg gezogen. Deshalb ist euer Cänsellor Gerhard Schröder unser Held! – Hände über Kopf klatsch und grenzloser Jubel. Dreimal hintereinander. Puh.

Was wäre eigentlich passiert hätte Bono Angela Merkel als demnächst erste deutsche Cänsellorin angemeldet? Hätten dann nicht alle laut Buh! rufen müssen? Cänsellorin, das Wort muss wohl erst noch erlernt werden. Vielleicht hätte er mal was zum hohen Spritpreis, Lohnnebenkostengefälle, Altersarmut, Scheinfirmen oder dem anhaltenden Waffen-, Drogen- und Frauenhandel sagen sollen.

Dabei wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich hier eine Band zum letzten Mal selbst gefeiert hat, das drohende Unheil in Form von gesellschaftlichen und politischen Richtungswechseln im Sonnuntergangsrot über dem offen Dach des Olympiastadions. Zu leicht ist es da den allgemein kleinsten Konsensnenner unheilbarer Massenkonzertgänger zu treffen, zu ausgerechnet einen Anschluss früher 60ger Jahre Rebellion auf aktuelle Realitäten zu transportieren, zu verwaltet die ganze Poprock’n’Roll Attitude ohne selbst noch einen Funken an Gefahr zu besitzen. Gegen Ende dieses “Du auch” Gewissensspektakels hob man eine junge Frau aus der ersten Reihe auf die Bühne, die Herr Bono sittlich umschlungen halten durfte, bevor er sie mit etwas Winke-Winke wieder zurückgleiten liess. Jubel.

Heruntergespült wurde der ganze Schmock mit einer aus allen Kehlen Stadionversion von “One”, dessen einfühlsame Melodie von Johnny Cash um Filme besser interpretiert wurde als von U2 selbst. Set Ende.

Die Zugabe enthielt sogar noch etwas Originalität in Form von einer irren Multimedia-Lightshow zu Stücken härterer Gangart, zu denen man nicht mehr gnadenlos weich mitsingen sondern besser nur ausflippen konnte. Pinheadmütze Edge’s Gitarre spielte Kettensäge, Bono sah man in einem 80ger Jahre Husarenjacke mit Schirmmütze Paradeoutfit. Die Nummer handelte allerdings davon, dass man sich nicht den Mund verbieten sollte, dass man nicht den Ansagen anderer nachlaufen sollte, dass man überhaupt sein Geld nicht “zum Stadion” hinauswerfen und Antworten für sich selber haben sollte. Das widersprach sich nach all dem Vorangegangenen natürlich.

Glücklicherweise kam ich dann noch rechtzeitig zum 30 Minuten schüttel-deine-Birne-weg Gig von The Black Lips im West Germany vor 50 selbstbewusst-ansprechbar-lustigen Leuten am Kottbusser Tor. In dem Zusammenhang kamen U2 als in-die-Nacht Starter gerade gut.



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