We hope it wont be another 30 Years!


Die New York Dolls live im White Trash, Berlin, 10.10.2006

Oktober 12th, 2006 | 0 Kommentare ...  

We hope it wont be another 30 Years!
David Johansen, New York Dolls im White Trash, 10.10.06, Photo © Dorfdisco 2006

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Die Stimmung der Band vor dem Konzert war etwas getrübt wie ich hörte, dass sie in dem White Trash Diamond Lounge Keller anstatt dem SO36 spielen sollten soll ein Grund gewesen sein, doch dieser erwies sich im Laufe ihres ersten Berliner Auftritts in ihrer 35 jährigen Bandgeschichte als zunehmend haltlos. Die New York Dolls strahlten und strotzten vor lauter Energie und Würde und triumphierten am Ende eines epochalen Rock’n’Roll Abends vor nicht ganz ausverkauftem Publikum.

Dies war der Grund warum das Konzert verlegt wurde, auch von den anderen deutschen Spielstätten in Bochum und Hamburg wurde gleiches berichtet, für meine Begriffe keine Auszeichnung was das Wissen und Wertschätzung des drittgrößten Musikmarktes der Welt betrifft. Doch die anwesenden Fans, vor allem jene hundert vor der engen Bühne, ließen keinen Verdacht aufkommen darüber, dass hier trotz der verstorbenen drei Original Mitglieder Johnny Thunders, Jerry Nolan/Billy Murcia und Arthur Killer Kane ein legendäres Ereignis stattfinden würde – und genau so feierten sie nicht nur ihre Helden, sondern bekamen auch ein Konzert der absoluten Extraklasse obendrein.

Denn wenn heute noch etwas wirklich essentiell gültig (und extrem Lebenslaune fördernd) ist, dann die Protopunk’n’roll Nummern der New York Dolls, gezeichnet durch ihre witzig-banale Kunst, neben einigen Tränendrückern Banal-witziges in Zeiten musikalisch banaler Langeweile auszudrücken. Dabei spielt auch eine Rolle dass “die Alten” es noch einmal richten sollen was die Industrie nebst der hiesigen Musikstudentenpresse in den letzten Jahren mit ihren blutleeren Gemüsekopien kaputt gemacht hat. “Save Rock’n’Roll” brüllte ein Anhänger noch kurz vor dem Konzert, und er drückte so ziemlich die gesamte Grundstimmung an diesem Abend aus.

Um 22.30 Uhr, nach einer zähen Folterpause alter 60s Girlgroup Classics betraten Sylvain, Johansen und mit Schlagzeuger Brian Delaney, Bassist Sami Yaffa, und Gitarrist Steve Conte drei der eigentlich vier neuen Mitglieder die Bretter für den heissesten Clubgig in der bisherigen White Trash Geschichte. Kaum dass die 5 durch den versteckten Notausgang in der Wand krochen, brüllte die Menge auch schon los, als zu dem Opener “Looking for a Kiss” vor der Bühne die Schlacht ausbrach.

Fotografieren? Kannste vergessen. Gerade mal Kamera hochhalten war möglich, der Rest war athletisches Geschubse um die vorderen Plätze. Meiner Stimmung tat dies kein Abbruch, im Gegenteil. Sylvain Sylvain, mit alter Mütze, Krawatte und einer von David Johansen signierten schwarz-goldenen Gretsch als auch Johansen selbst, ziemlich nüchtern, cool und bodenständig in engen schwarzen Klamotten, die etwas sehr langes in der Hose zeigten, weißen Stiefeln und jede Menge Klunker und Strass machten Stimmung genug. Entertainment nennt man so was.

Sylvain Sylvain, New York Dolls, Photo © Dorfdisco 2006

Sylvain Sylvain, New York Dolls, Photo © Dorfdisco 2006

“Does anyone know that we have a new album?”, rief ein gut aufgelegter Sylvain ins Publikum. “Do you know what its called?” – “We’re all in Love”, die dritte Nummer des Abends und erste des neuen Albums wirkte dann Wunder. Der Song rockte (wie das gesamte Set) ungemein, Johansen machte große Umarmungsgesten, man verstand.

Überhaupt: Songs. Man weiß dass ihre wichtigsten Songs so zwischen 1971 und 1973 aus der Hand von Sylvain, Johansen und Johnny Thunders stammen, welcher 1991 in New Orleans verstarb. Diese Songs der ersten beiden Alben “New York Dolls” und “Too Much too Soon” gelten bis heute neben denen der Stooges und MC5 als Blaupause für Punk.

Allerdings klingen sie nicht wie der hibbelige Spasspunk heute, sondern eher wie klassisch bodenständiger Rock’n’Roll, der auf die wesentlichen Blues Elemente gestrippt immer noch genug Biss und Raum für knackige Rocksolis, kleinen, versteckten Licks so wie rythmischen Antreibern bietet, auf dass er heute noch frisch und nur allzu aktuell klingt. Dazu spielen die Dolls in ihrer neuen Besetzung besser als je zuvor, und die Welt gibt ihnen dafür durchweg fantastische Reviews.

Live erlebt man wie Sylvain die Band dirigiert. Die Live-songs, die teilweise die 7 Minuten Grenze kratzten ohne auch einmal auszufransen, wurden von Sylvain komplett zusammengehalten. Man sah ihn auf dem Schritt zum Drummer kurz auf Johansens Hintern klatschen als Zeichen dafür, dass es gleich zum Ende kommt. An anderer Stelle gab ein grinsender Johansen das Zeichen zum Einklang, in dem Sinne war die Band perfekt abgestimmt und eingespielt. Was folgte war eine umwerfend gute Janis Joplin Coverversion von “Take Another Little Piece of My Heart”. Ich habe gehört dass die New York Dolls viele Leute beeinflusst hätten, sagte dazu Johansen, aber unsere Lieblingsband ist Janis Joplin!

Neben diesem Standardspruch aber merkte man ihnen eine wachsende Freude an, die Witzleien zwischen Sylvain und Johansen nahmen kein Ende und das brüll-kreischende Publikum wurde ständig zu Neuem animiert wie zum Beispiel das Nachsingen des Chorus von “Dance like a Monkey”.

Wer da zufällig einen dieser Iggy Pop Doppel Bootlegs namens Nightclubbing Live in San Diego 1978 besitzt darf sich auch eine Vorstellung vom flotten Ablauf und krachigen Sound und Stimmung machen. Knackig, flüssig, professionell, laut, unterhaltsam und fast zwei Stunden lang führte dieser unvergessliche Auftritt durch einen Mix aus neuen und alten Nummern wie “Trash”, “Pills” und “Personality Crisis” als erste von zwei Zugaben. Doch auch die neuen Titel wie “Punishing World”, “Fishnets and Cigarettes” oder “Gimme Luv & Turn on the Light”, zu dem Johansen etwas wie “wir wollten eine Nummer für alle Heavy Metal Fans schreiben” brabbelte, schlugen ein wie Bombe, Tränendrücker wie “Plenty of Music”, “Dancing on the Lip of a Volcano” oder das Johnny Thunders gewidmete “You Can’t Put Your Arms Around a Memory”, welches von Sylvain Sylvain angesungen nahtlos in “Lonely Planet Boy” mit Johansen überging, rissen das selten so Super-Publikum zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin!

Gerade sie bereiteten der Band einen super Abend (der würdige Johnny Thunders Ersatz Steve Conte, der sich immer wieder die erste Publikumsreihe vornahm, wurde am Ende spielend auf Händen getragen), das Johansen nur noch mit einem wiederholten “I cant believe youre fucking beautiful, thank you so much – I can see it (Sylvain) – I can smell it too, lets go!”, heraushob und glücklich grinsend ankündigte wieder nach Berlin zurück kommen zu wollen: “We hope it wont be another 30 years! ” Dann aber hoffentlich im etwas geräumigeren SO36.



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