We do f… Everything


Nick Cave and the Bad Seeds, live im Huxleys Neue Welt, 14.11.2004

November 20th, 2004 | 0 Kommentare ...  

We do f… Everything
Nick Cave at Huxley\'s, Photo © Dorfdisco 2004

Von

Wenn Nick Cave ruft, kommen, so schien es an diesem Abend, noch immer alle. Das heisst, fast alle. Blixa Bargeld, der eine Woche später mit den Neubauten im Palast der Republik seinen großen Auftritt hatte, war nicht anwesend. Stattdessen füllte sich das ausverkaufte Huxleys mit der traditionell gehobenen Nick Cave-schaft, 40% Stiefelträger und 80% Kettenraucher.

Die sahen erstmal die beiden Berliner Bands Les Hommes Sauvages und Krach, deren Sound mal wieder branchenüblich hundsmiserabel ausgesteuert wurde. Faktisch spielten sie ganz ohne Soundcheck und waren mehr zum “gucken ob auch alle Kabel gepluggt sind” da. Ansonsten spielen bei Krach ja u.a. Bettina Köster und Beate Bartel mit, und bei Les Hommes Sauvages Viola und Christof Hahn, die auch immer hip für die Ewig-somethings sind.

So traf ich vorn am Fotograben tatsächlich Peter Gruchot (legendärer Fotograf, West-Berlin), den ich nunmehr auch schon mindestens 20 Jahre nicht mehr getroffen hatte, und wahrscheinlich muss ich auch noch weitere 20 auf die am Abend versprochene E-Mail von ihm warten … anyway.

Man durfte gespannt sein wie sich die Band diesmal präsentieren würde. Die neue CD, die allgemein gute Kritiken erhielt, versprach große Momente, und auch das Huxleys war nicht so schlecht gewählt, verglichen mit der Notlösung Arena, letztes Jahr. Dann erwartete einen ja auch noch der 4-köpfige Chor, der die Band auf insgesamt zwölf Akteure anwachsen ließ!

Die Band fing ihr Set mit dem Titelstück der ersten Doppel-Cd Abattoir Blues an. Eigentlich ein sehr tief greifendes Stück wurde es aber gleich derart gehämmert, als ginge es darum irgendetwas zu beweisen. Irgendwie verstehe ich auch nicht den Unterschied zwischen “rockiger” und “ruhiger” CD. Für mich sind beide ein schöne Zusammenfassung Nick Cave und Bad Seed’scher Spiel und Kompositionskunst. Aber vielleicht kam es mir da vorn auch nur so vor, jedenfalls zischte Nick mal wieder von einer Ecke in die Andere.

Bei dem zweiten Stück Messiah Ward kam man mehr “in tune”, das heißt, zum Raum intensiver Balancen, was diesem Act Elder-Rockmen doch ganz gut steht. Dafür, dass dies schon kein Hintergrundgedudel wird, sorgt der fest angestellte Mixer, der die am Eingang verteilten Ohrenstöpsel an brachialen Stellen wie zum Ende von Hiding All Away unerlässlich macht, sowieso. Der gesamte erste Konzertteil bestand ausschließlich aus neuen Titeln, die sich nun in fast zu durchsichtiger Regelmäßigkeit zwischen gesetzt und uplifting ablösten und die Cave konsequent eine halbe Note drunter oder drüber sang.

Absoluter Höhepunkt aber O Children, das sich interessanterweise zu der packendsten Nummer des gesamten Abends steigerte. Hier spürte man irgendeine Botschaft, oder einfach die Einsicht darüber, dass man ja nun wirklich nicht mehr die Jüngsten sind, sondern bestenfalls mehr mitzuteilen hat als nur die nie endende Halloweenparty. Irgendwo meine ich sogar gelesen zu haben, dass Nick Cave für eine längere Zeit keine Konzerte mehr geben will. Vielleicht ist es auch mal Zeit einer persönlichen Veränderung, so wie ich im letzten Jahr schon mal mutmaßte.

Die Zugaben schließlich wiederholten sieben alte Songs von Red Right Hand bis Stagger Lee, wozu Nicks übergroße Schatten an der Wand noch einmal ziemlich teuflisch aussah. Weeping Song wurde dabei Blixa gewidmet und das sich dem anschließende God is in the House spielte Nick quasi alleine am Klavier, und hart an der Grenze zum Zusammenbruch.

Aus dem Publikum übrigens flogen wieder ein paar der üblichen Hörerwünsche Richtung Bühne, die die Band, wie ich meine, einmal sogar mit dem Song City of Refuge korrekt beantwortete. Dazu der Kommentar des sich ansonsten nur durch seine Songtexte vermittelnden Nick Cave: We do fuckin everything.

Das kam mir zwar nicht ganz vor, in dem Sinne dass das Konzert die dichte Atmo der Platte nicht hielt und Nick Cave ja doch schon seit langem, er, seit dem tollen Gig im Friedrichsstadtpalast, wo die Mädchen noch weinend auf die Bühne krochen etwa, die Konzerte ein bisschen zu sehr so wie gesehen und abgehakt veranstaltet.

Bleibt noch zu sagen, dass auf weiteren Wunsch The Mercy Seat zur zweiten und letzten Zugabe kurz und bündig durchgebrettert wurde und der London Community Gospel Choir die alte Nummer New Morning zum Schluss alleine sang.

(P.s.: hinterher mal nachgefragt wie denn soviele neue Songs in so kurzer Zeit zustande kommen erhielt ich lapidar “They just keep coming” zur Antwort. Naja, falls nicht, dann eben anders.)

Playlist: Abattoir Blues; Messiah Ward; Hiding All Away; The Lyre Of Orpheus; Nature Boy; Easy Money; Supernaturally; Babe, You Turn Me On; Breathless; Get Ready For Love; O Children; There She Goes, My Beautiful World; Red Right Hand; Deanna; Weeping Song; God Is In The House; City of Refuge; Do You Love Me?; Stagger Lee; The Mercy Seat; New Morning (Gospel Singers only)



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: