Vorhang auf für Peaches Christ Superstar


Peaches und Gonzales am 25.-27.03.2010 im HAU1

März 28th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Vorhang auf für Peaches Christ Superstar
Peaches, Gonzales performen Peaches Christ Superstar, Foto: Barbara Mürdter/popkontext

Von Monika Levinski

Auch wenn man als halbwegs informierter Mensch die Vorgeschichte dieser Aufführung vermutlich schon kennt, sei sie hier nochmals zusammen gefasst: Peaches gibt im Februar bekannt, eine eigene, stark reduzierte, Version der Rockoper ‘Jesus Christ Superstar’ im Hebbel am Ufer aufzuführen, lediglich am Flügel begleitet von Chilly Gonzales. Die in Deutschland ansässigen Schergen der Autoren Tim Rice (Texte) und Andrew Lloyd Webber (Musik) stören sich am unkonventionellen Konzept und untersagen die Aufführung. Peaches twittert die denkwürdige Zeile “PEACHES CHRIST SUPERSTAR CRUCIFIED BEFORE OPENING NIGHT!” ins Web hinaus. Die Medien von New York Times bis Perez Hilton berichten und Tim Rice gibt schließlich nach – so viel schlechte Presse kann man sich als Hauptlieferant von Musical-Bühnen und Disney-Filmen nicht leisten.

Peaches hat diese Presse freilich nicht geschadet. Wer sich nicht rechtzeitig um Karten für einen der drei Abende bemüht hatte, steht vor ausverkauftem Haus. Die Karteninhaber werden jedoch um Punkt 19.30 h in den Zuschauerraum geschellt, wer nach dem dritten Läuten nicht drin ist, muss bis zur Pause warten. Absolut sinnvoll bei einem Stück mit solch minimaler Besetzung, da kann man keine Störung durch Nachzügler gebrauchen. Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick auf die beiden Akteure frei, Gonzales im Hintergrund am Flügel und Peaches im eierschalenfarbenen Ganzkörperkondom mit üppigem Kragen, ansonsten ist die Bühne leer. Tja und dann schmettert sie auch schon los, unsere gute Merrill Nisker und nimmt uns mit auf einen Trip ins neue Testament. Mehr oder weniger. Das Musical ist daran angelehnt und stellt die letzten 7 Tage im Leben von Jesus leicht verändert dar. So hat Verräter Judas eine größere Rolle und die Prostituierte Maria Magdalena zeigt offen ihre Liebe zu Jesus.

Es schadet nicht, die Geschichte samt ihrer Akteure zu kennen, denn Peaches singt all diese Rollen alleine. Die, plus die von Pontius Pilatus, König Herodes, die der Apostel, der Juden, der Priester, und und und. Gebannt verfolgt man, wie sich Stimme und Ausdruck verändern, je nachdem, welchen Charakter sie gerade intoniert. Spätestens nach drei Liedern wächst die Sorge, Peaches würde ihr Fach wechseln und für alle Zeiten und auf die Musicalbühnen dieser Welt abwandern, so gut macht sie ihre Sache.

Dabei sind Mimik und Gestik zurückhaltend, nicht zu vergleichen mit dem übertriebenen Getue, das sonst bei Musicals vorherrscht. Auch verzichtet die Kanadierin fast gänzlich auf Ironie, es wird nur zwei mal geschmunzelt – als sie zu Beginn des zweiten Aktes plötzlich im goldfarbenen Ballonbluson auftaucht, und bei ‘Herod’s Song’, als sie bei der Textzeile “Proove to me that you’re no fool, walk across my swimming pool” einen astreinen Moonwalk hinlegt.

Ansonsten kann man durchaus von großen Gefühlen sprechen. Der Hohn, mit dem König Herodes Jesus verspottet, die Schuldgefühle von Judas nach dem Verrat, die Zweifel von Pontius Pilatus bei der Verurteilung – absolut glaubwürdig und mit erstaunlich facettenreicher Stimme vorgetragen. Als Jesus vor dem Tribunal steht und das Volk seine Kreuzigung fordert, bekommt Peaches Verstärkung von Claqueuren aus dem Publikum, die “Crucify him!” rufen und schlagartig ist man mittendrin im Mob, der den Tod des selbst ernannten Heillandes fordert. Da laufen einem  schon mal Schauer über den Rücken. Peaches lässt auch die 39 Peitschenhiebe nicht aus, die zwar nur den Bühnenboden treffen, dennoch sitzt man leicht verstört im Saal. Ein Gefühl, das auch bis zum Ende nicht mehr nachlässt. Die Ereignisse überschlagen sich, ein riesiges Kruzifix mit Phallusspitze, das aus der Hand von H.R. Giger stammen könnte, wird herab gelassen und Peaches Christ Superstar davor gehängt. Die Claqueure von vorhin stürmen die Bühne und entpuppen sich plötzlich als Tänzer und plötzlich weiß man gar nicht mehr, wo man zuerst hin gucken soll. Ein furioses Ende für eine wirklich gelungene Aufführung, die zu Recht mit Standing Ovations belohnt wird. Dafür erhält das Publikum ein strahlendes Lächeln von Peaches, aber vielleicht ist sie auch einfach nur froh, dass sie diesen Gesangsmarathon hinter sich gebracht hat.

Fotos: Popkontext



Kommentare sind geschlossen.