Von der c/o pop: WU LYF


WU LYF, c/o pop, Köln, 24.06.11

Juni 26th, 2011 | 0 Kommentare ...  

Von der c/o pop: WU LYF
WU LYF, Foto: Dorfdisco

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Freitag auf der c/o pop wurde es wieder spannend, weil mit WU LYF die Band des Jahres im Museum Ludwig spielen soll. Die Band, um deren Zurückgezogenheit viel Aufhebens gemacht wird, die keinen Plattenvertrag unterschreiben und kein Interview geben will, und dies doch nur ihrem Manager zuschreibt, sie selbst wären viel offener, und in ihrer Verweigerung doch nur “On-it” Kids.

Diese Gruppe, die sich im ganzen World Unite! Luzifer Youth Foundation nennt, die gerade mal 31 Auftritte absolviert hat und ihr Debut Go Tell Fire To The Mountain, vor ein paar Tagen erst veröffentlicht, jetzt schon auf #19 der Amazon Alben Charts steht, und um deren Versteckspiel und Geheimniskrämerei in Zeiten der Infoüberflutung ganze Seiten geschrieben wurden und nun, nur ein paar Wochen später, ohne Umwege von einem, man muss es sagen, deutschen Musikgeschäftsfestival in ein Museum zu verfrachten – welch Unverfrorenheit!

Und wie es mit solch Insiderthemen so zugeht gibt es natürlich seit langem keine Karten mehr, vor allem, nachdem der Auftritt auch noch witterungsbedingt vom Dach des Museums in den Filmsaal (Auslegware, Bestuhlt) verlegt wurde. Festivalticketinhaber sollten sich daher frühzeitig um Karten bemühen…, also stelle ich mich auf Verdacht mal frühzeitig vor den Eingang mit einem “Suche Karte” Zettel in der Hand, um prompt eine zum Normalpreis von 13,40 Euro angeboten zu bekommen! Wer sagts denn? Geht so WU LYF?

Irgendwas jedenfalls zieht mich hin zu dieser Band. Weniger ihre radikale Zeichensprache als ihr Sound. Ausgerechnet der italienische Rolling Stone hat diesen wohl mit der Beschreibung “Tom Waits in a church under the guidance of stoned garage” auf den Kopf getroffen. Man sollte noch hinzufügen “unter dem Einfluss von hawaiianischen Gitarrenklängen und kirchenorgelähnlichen Flächen”, um den Klang der Band zu komplettieren. Dass dieser auch noch überaus tanzbar ist wurde ein paar Tage zuvor von einem englischen Radio-Dj bestätigt, der von WU LYF’s Auftritt im Londoner Village Underground berichtete, wie der Saal am Ende komplett ausrastete und sich in Trance tanzte.

Nun sitze ich in der zweiten Reihe eines gedämpft-getäfelten Studiokinos, in dem rotznäsige Verweigerer aus Manchester präsentiert werden. Im Vorprogramm steht mit Touchy Mob noch so ein Berliner Wuselberg, ein weiteres Exemplar Verweigerertum, allerdings nur was das flegelhafte Äussere angeht. Denn im Gegensatz zu seinem gerade-aus-200-Jahren-Bart-Schlaf-aufgewacht Look klingt seine elektronischer Klickklack aus der fisteligen Akustikküche so supertrendy, dass man genausogut auf alle Würfelseiten Berlin-Neukölln hätte schreiben, und dann mal gegen die Wand werfen können. Manche musikalischen Momente waren zwar sehr schön, und das Kölner Publikum ob dieses Intelligenzreichtums völlig verzückt, aber wer Berlin kennt weiß, dass es diese Abgehobenheit dort wie Sand am Strand gibt.

Zeit also mal den Mixer von WU LYF auf der Treppe abzupassen und was zur Band zu befragen, zum Beispiel, was es denn mit dem Bandnamen so auf sich hätte? Wir sind alle Luzifer, bekomme ich da zur Antwort, aber keine Satanisten, was mich trotzdem irritiert zurücklässt, was sind sie dann?

Gespannt blicke ich auf die abgedunkelte Bühne, die nun vier sehr junge, schmächtige Engländer ohne irgendwelch erkennbaren Allüren betreten und nichts anderes vorhaben, als die zehn Stücke ihres Debuts in einer nur etwas abgeänderten Reihenfolge zu spielen. “Das ist ja wie bei einer Preisverleihung hier – ihr könnt jetzt alle nach vorne kommen”, wird der einzige Kommentar bleiben, den Sänger und Organist Ellery “Elle Jaie” Roberts dem bis dahin brav in den Sesseln sitzen gebliebenen nach dem ersten Stück “LYF” zukommen lässt. Da viele Plätze unbesetzt sind, erscheint der Raum mit den vor der Bühne stehenden nun auch noch halb leer. Wie das ausverkauft sein kann ist mir auch schleierhaft, jedenfalls habe ich in der Ausverkauft-Beziehung schon ganz anderes erlebt. Von irgendeiner Stimmung kann hier auch keine Rede sein, es sei denn man zählt die zwanghaften Dauer-huus , die man heute nur noch als Diskontjubel auf jedem Gig en masse zu hören bekommt nebst dem obligatorischen Applaus hinzu. Ansonsten – gedämpfte Stille.

Die Musik aber, die WU LYF abliefern, bleibt grandios. Zwischen Surf-Punk, Mogwai und auch was von Crystal Fighters, Harmonium, Echogitarre, donnernden Drums und Bässen zum manisch-klagenden Gesang und immer wieder jenes Woohoo-Wolfsgeheul, um auch ja keinen Verdacht darüber aufkommen zu lassen, dass es hier vielleicht doch mit rechten Dingen zugeht. Wer sich fallen lassen kann, ist klar im Vorteil. Im Gegensatz zu London muss die Band sich zwar fragen was sie hier eigentlich soll, zieht aber ihr Ding durch, ihre T-Shirts aus und tanzt Oberkörper nackt wie ein Anschauungsobjekt neuer Vorstadtwilder. Dazu Texte, die zuweilen in völlig unverständlichem Slang gehalten, gespickt sind mit Metaphern auf Blut, Feuer oder Kronen. Es geht ums das ganze Gefühl dieser Zeit, was sie wiederum so heiss macht für die nach dem heissen Scheiß gierenden Medien und Vermarktungsmaschinen.

Das (scheinbar) sichere Leben der Mittelklasse langweilt mich, sagt dazu Sänger Roberts in einem Artikel des Guardian, ich bin mehr angetan von der Idee eines privitiven Lebens draussen, nicht vor dem Computer sitzen und twittern.  Und dass sie weder erwachsen und noch Rockstars werden wollen.Den Status, den sie innerhalb kürzester Zeit erlangt haben, nämlich eine von Großbritanniens meist gebloggten Bands und Anerkennung als etwas, das außerhalb des Gewöhnlichen steht, hätten sie ja schon erreicht.

Da passt natürlich nichts so profanes wie Tourneepläne. Nur dass sie im Gespräch sind für das Berlin Festival dieses Jahr, erfahre ich noch am Rande des Auftritts. Kleinere Klubs, am Besten aus Pech und Schwefel, täten es aber bestimmt auch.

www.wulyf.org



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