Von der c/o pop: Andreas Dorau und Chuckamuck


Der übliche Wahnsinn: c/o pop und so

Juni 24th, 2011 | 1 Kommentar ...  

Von der c/o pop: Andreas Dorau und Chuckamuck
Andreas Dorau, Studio 672, 22.6.2011

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Es ist jedes Jahr dasselbe: um 18h ist Akkreditierungsschluß und um 17.30 hat einen der Kölner Verkehrsstau auf allen Autobahnen fest im Griff. Jetzt heisst es Ruhe bewahren, und vor allem die einzig richtige Entscheidung treffen: runter oder draufbleiben und hoffen… Ich entscheide mich für runter und spekuliere, dass es dort keine Staus gibt. Den Kleinwagen vor mir überhole ich noch 100 Meter vor der nächsten, gerade grünen Ampel auf regennasser Fahrbahn, und biege danach scharf rechts ab, durch den Forstbotanischen Garten. Noch so eine Ampelkreuzung und dann wie Rambo auf die Rheinuferstrasse die nächste Brücke rüber nach Deutz. Noch 20 Minuten. Könnte klappen, wie letztes Jahr, nur stand ich da auf der anderen Seite im Autobahnstau und fluchte wie ein Besessener.

Aber es sieht gut aus, Um 10 vor 18h erreiche ich das Staatenhaus und weiß schon was mich erwartet: Nein, hier kein Parkplatz, nur V.I.P. … JA, ich bin aber gleich zurück weil gleich Schalterschluss Notfall und so… Dummerweise erhalte ich dieses Jahr keine Festivalkarte, sondern nur eine Fotoakkreditierung für Mittwoch und Samstag, weil ich im Mai „besonders das Konzert von Austra und den Staatsakt Abend“ in eine Email tippte. Da war noch nicht klar, dass die Band der Stunde Wu Lyf am Freitag spielen würde, und jetzt geht da nichts mehr. So ein Mist. Ich frage mal spontan ein am Schalter asiatisch aussehendes Duo mit Festivalbändchen ob sie vielleicht zufällig noch eine Karte für Wu Lyf… Wuh Liff? Wu Live? We are from China… Ah right, China, I have to go, you know, Chuckamucki’s calling! Vielleicht wird Popmusik die einzige Sparte bleiben in der die Chinesen uns Europäer nicht so schnell einholen denke ich mir, und schaue auf meinen Umhänger mit meinem Namen und dem Zusatz: Press.

Danach aber, wie jedes Jahr, vier Stunden Pause bis sich die Türen für den Abend öffnen. Theoretisch. Ich mache mir Hoffnung vorab die Jungs von Chuckamuck zu treffen, oder wem vom Label, Maurice Summen, unser Daniel Müller ist auch da, und selbst Andreas Dorau durfte ich vor kurzem nach über 30 Jahren mal persönlich kennenlernen, trotz meiner schwarzen Lederjacke. Da sollte also nichts anbrennen wenn man sich da mal dazugesellt, als Saatsaktshofreporter gehe ich eh schon bald durch.

Den Innenstadtstau nehme ich also so gelassen wie eine Wellnessmassage, danach parke ich genüsslich gegenüber vom Stadtgarten sobald dort ein Parklatz frei wird. Hauptsache man steht nicht unter der Bahnbrücke! Die Chance von den dort ansässigen Tauben komplett zugeschissen zu werden beträgt nämlich um die 1000%!

Und nicht lang spotte ich vor dem Eingang Oska und Jules von Chuckamuck, und kurze Zeit später sitze ich mit dem Berliner Staatsakt und seiner musikalischen Entourage unter adrettem Kölner Grün bei Gulasch und Freibier in einem abgetrennten Teil des Stadtgartenrestaurants. Die Gespräche drehen sich größtenteils um Nichtigkeiten, unerklärbare Verschwörungstheorien aus dem Indiepopbereich, die ich überleitend dazu nutze Andreas Dorau zu fragen ob er nicht Lust hätte heute abend mal so wie Amy Winehouse aufzutreten, das würde doch auch zur aktuellen Platte passen und bestimmt ein feines Medienecho geben? Das findet Andreas dann aber nicht so ulkig, vor allem die restlichen Tourtermine gleich mit abzusagen liegt ihm fern.

Naja, dann muss eben das nächste Bier dran glauben. Die Aussicht, dass mit Chuckamuck und Andreas Dorau eine durchaus merkwürdige Kombination eines Kultsängers der frühen neuen deutschen Welle mit einer frisch gebackenen Rock’n’Roller Truppe aus Berlin auf einer Bühne zu sehen ist, tat der Spannung dann genüge dergestalt, dass ein Publikum aus in die Jahre gekommene Dorau und jungen Chuckamuck Fans schon eine fulminante Mischung darstellen.

Auf eine repräsentierte Stichfrage ob Dorau oder Chuckamuck antwortet mir eine solche auch nur knapp mit “Dorau”, um gleich entschuldigend hinterher “aber den kenne ich nicht, meine Freundin hat mich mitgenommen, ich höre nur so aus dem Mustopf”. Mustopf, was? Ja, so alles eben. Ah, ja, Chuckamuck machen auch so Musrock, antworte ich noch schnell, weil die Band soeben die Bühne betritt.

Lorenz, Chuckamuck @ Studio 672, 22.6.2011

Nun ist es die Pflicht eines jeden Schreibers den Auftritt der Band wahrheitsgemäß und objektiv zu beschreiben. Nichts anderes will ich hier tun: in einem in Fetzen geschnittenem Nachthemd (Lorenz) und grau-grüner Unterhose (Oska) betreten Chuckamuck zuweilen barfüßig die Bühne, stellen vor sich eine Art Leuchtreklame mit einem Filzstiftschriftzugs ihres Namens hin, und legen, nach einem kurzen Intro, über welches die Band geschickt ihren Sound vorstellt, los, als wäre heute das Jahr 1962 in einem Berliner Beatschuppen. Gleichfalls fällt es den Mustopfhörern wie Schuppen von den Augen, dass es sowas noch gibt und sie das erleben dürfen. Nicht wenige fühlen sich an ihre verschwendete Jugend erinnert, spüren einen längst verdrängten Drang zur Bewegung, was sich zunächst nur als ungeübtes herumrumeiern äussert, und nach jeweils zwei einhalb Minuten Chuckamuck-Sause in heftiges Klatschen umdirigieren lässt.

Chuckamuck geben an diesem Abend ihren vielleicht bislang perfektesten Auftritt. Das Schlagzeug sitzt, der Bass sowieso und die Gitarren greifen reibungslos ineinander über, zumindest kommt dies bei mir so an. Hatten auch lange Zeit zum üben, konstatiert Bassist Jules nach dem Auftritt. Na dann können die (ersten) Festivals (mit Chuckamuck) dieses Jahr ja kommen, pflege ich bei.

Mitlerweile ist der kleine Kellerraum im Stadtgarten so voll, dass man es hätte locker nach oben verlegen können. Und, als ich zum Luft holen mal rausgehe, treffe ich sogar mal eine ewige Erinnerung aus meinem früheren Leben: Clara Drechsler. Wer nicht weiß wer Clara Drechsler ist, einfach mal Google bemühen. Jedenfalls war es Clara die über Dorau schon schrieb als Chuckamuck und all die umherstehenden Verantwortlichen noch nicht einmal in Planung waren, und sich nun auf der Suche nach der Möglichkeit eines letzten Einlasses befindet. Irgendwo lässt sich noch ein Name rauskramen der unausgestrichen auf der Gästeliste steht, passenderweise auch noch weiblich. Ob sie es geschafft hat ist mir nicht mehr klar, da Dorau anfängt und vor mir die undankbare Aufgabe liegt mich mit meiner Kamera durch das dichte Gedränge in kürzester Zeit nach vorne schieben zu müssen (ja müssen, weil Bilder heute zehnmal mehr Aufmerksamkeit erhalten als Texte, die in ihrer Anstrengung proportional zur Länge durchzulesen gleichwohl unerträglich werden..).

Andreas Dorau, im Gegensatz zum am nachmittag noch im salopp weißem Freizeitbluson und Polohemd, erscheint (wie seine beiden Mitmusiker, die mir nicht weiter namentlich vorgestellt wurden, was ein typischer Fehler ist im Popbiz: die Annahme, man weiß ja eh alles) in korrekt gebügeltem schwarzen Anzug zu weißem Hemd und schwarzer Krawatte. Die ersten Schlagzeugakte schlagen ebenso zackig wie präzise ein, der Computer, der im Laufe des Abends noch das eine oder andere Mal thematisiert werden wird hält gnadenlos das Tempo, und Dorau erstaunlich gut mit.

Dorau schuffelt in seinen seiden-glänzenden Schiffsdeck-Active Halbschuhen, wirft mal einen Arm hoch und animiert mit ein paar Jä-jä’s aus seinem stets nach Wim und Wum klingenden Kreideorgan jene Fans, die nun schon seit wieviel Jahren auf einen Auftritt ihres Helden warten mussten. Dass ihm gleich beim ersten Song „Inkonsequenz“ eine Strophe entfällt und mit „Nanananana“ überbrückt wird, macht ihn seinen Fans nur noch symphatischer und wird mit lauten Anfeuerungsrufen statt Unverständnis goutiert.

Doraus Haltung ist imPrinzip die eines deutschen Schlagerstars, doch wäre Dorau nicht Dorau würden unter dieser Verpackung nicht jener morbide Psychonihilismus stecken, der ihm jeden Auftritt im deutschen Schlagerzirkus verbietet. Dazu ist die Musik zu anarchistisch tanzbar, ein modern-treibener Housebeat zu Synthflächen, pittoreske Melodien und immer wieder Doraus entweder genial oder banal-pointierte Texte, die zeitweilig dermaßen flach gereimt sind, dass man ob ihrer Ohrwurmqualität nicht weiß ob man sie schon wieder zeitlos gut finden muss.

Dies macht Dorau zum ewigen Untergundentertainer seit Fred vom Jupiter, zum Star einer eingeschworenen Gemeinde, die hedonistisch denkt, aber tragisch lebt, und ihren eloquent-tragischen Helden Dorau jetzt auf einer Welle der Begeisterung über ein-einhalb Stunden durch ein Set neuer und bekannt alter Hits trägt.

Manches wird gleich mitgesungen, und als Dorau unsicher darüber, ob er sein längst verschwitztes Jacket ausziehen sollte, laut “ausziehen ausziehen” skandiert – sicherlich nicht ohne nur das Jacket zu meinen. Dies aber überhört Dorau geflissentlich, denn bei allem Größenwahn bleibt er gescheit und gescheitert genug um zumindest äusserlich in den Grenzen bürgerlicher Akzeptanz zu bleiben, gescheitelter Haarschnitt, ausrechenbar, ernsthaft und ohne Amy Winehouse Eskapaden (bis auf die Strophe) inklusive.

In Zeiten von glücklich gleichgeschalteten Ravern aber ist der absurd tanz- und abfeierbare Indieschlagerhaus- und Heimelektro Dorau’s allesamt unterhaltsamer, dessen überraschende Wiedergeburt im Jahr 2011 sich vielleicht noch zum Retter von deutschsprachigem Pop mausern könnte, so schlecht es um den Pop in Deutschland derzeit mal wieder steht. Das aktuelle Album Todesmelodien (Staatsakt, VÖ 17.6.2011), das dem einen ein Meisterwerk und dem anderen ein Grauen sein dürfte jedenfalls riecht mal wieder förmlich nach dem einen oder anderen Hit, wobei es an selber Stelle eben auch so dummdeutsche Totalflops wie “Schwarz Rot Gold: Hat das die Natur so gewollt?” hagelt. So‘n Durchfall passiert einem Jens Friebe jedenfalls nicht  – hoffe ich.

(Mehr von derc/o pop und auch Fotos nach dem Wochenende)



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Karl  

    "dummdeutsche Totalflops wie “Schwarz Rot Gold: Hat das die Natur so gewollt?” hagelt. " ????

    Hast Du das Lied gehört, oder nur seinen Titel gelesen?

    Hier ein paar Worte von Dorau zu diesem Lied:
    "Die deutsche Fahne ist einfach abgrundtief hässlich, so kam ich auf den Refrain: "Er ist schwarz-rot-gold / Hat das die Natur wirklich so gewollt?" Dann musste die Strophe her. Mir fiel ein, dass es diesen ekligen Vogel gibt, den Fadenpipra, der im brasilianischen Urlaub lebt und dessen Gefieder schwarz-rot-gold gefärbt ist. Die zweite Strophe lautet also: "Und würde man ihn danach fragen / willst du Deutschlands Farben tragen? / wählte er mit Sicherheit / ein schö-ne-res Farbenkleid"."

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0623/feuilleton/0007/index.html