Vollmond mit Admiral Black, Camera, Will Carruthers


Admiral Black, Camera, Will Carruthers live im Antje Oklesund, 18.8.2011

August 22nd, 2011 | 0 Kommentare ...  

Vollmond mit Admiral Black, Camera, Will Carruthers
Admiral Black, Foto: Till Kreische

Von Moritz Drung

Schon mal krank auf einem Gig gewesen? Meine Aufmerksamkeitsspanne liegt bei zwanzig Sekunden, aber irgendwas muss sich ja ändern und ich bin umso glücklicher über jede Sekunde, die mich Fieber und sonstigen Abfuck vergessen lässt: Wenn etwas kickt, dann richtig. Und heute Abend kickt fast alles.

Minutiös erinnern ist leider nicht drin: Ich spucke Stichwörter mal Stichwörter aus. Das Antje Oklesund liegt heute noch verlassener da als sonst: Vollmond über Friedrichshain, in einem großen Innenhof der Rigaer Straße mit der eingeschlagenen Kachelwand als Eintrittsluke hat es vermeintliche Sommerpause und öffnet heute nur für die Record Release Party von Admiral Black, der Garage-Rock Band von Shaun Mulrooney, Ex-Dubliner und White-Trash-Booker.

Support macht der allgegenwärtige Will Carruthers: Ex-Spacemen 3 Bassist, quasi Tom Waits der Psych-Szene, mit Hut ins zerfahrene Gesicht gezogen, den ich während seines DJ-Sets im Kink Kong schon durch den Club und über die Couches rennen sehen habe um genau zum Songende den Crossfader wieder rüberzuziehen und der im Rufreaktor so wütend und impulsiv performte, dass ihm Publikum zwei Typen aneinandergerieten.

Auch heute gerät der Gig eher zur Kunst-Performance. Ausufernde Tiraden auf die Londoner Riots und die reaktionäre Regierung, die für Facebook-Posts Teenies wegsperren lässt mischen sich mit Spoken-Word Perfomances. Dazwischen Bottleneck-Songs, ein rostiges, tiefschürfendes Cover von Katie Cruel und im ständigen Streitgespräch mit dem Publikum („Ihr klatsch wie Robben. Wollt ihr Fisch fressen?”) ein Nachruf auf Captain Beefheart: We miss him, but he sure doesn’t miss us. Der Vibe: Die Welt geht den Bach runter, wer daran verzweifelt, sollte mehr performen, wer daran nicht zerbricht, kann kein Mensch sein.

Eine gewaltige, an den Nerven zehrende Performance, die man in den gleichgeschalteten Galerien lange suchen kann, voll dunkler Energie und doch nah am Leben. Mich hat‘s erwischt.

Darauf Camera: Die neue Berliner Neo-Krautrock-Band, ebenfalls allgegenwärtig. Kotti, Schlesi, Echo-Verleihung, laut und energetisch und meist unangemeldet, wie das die Mary Chain auch schon gemacht haben, macht aber nix, Camera spielen radikal eigen – eine Band, wie nicht nur Berlin sie gut gebrauchen kann. Kaum in der Stadt, schon in aller Munde: Anti-Studio-Band werden sie gelabelt und durften im RBB schon die Kulturtipps hosten.

Nach einem kurzen Psych-Intro geht es direkt in den Camera-Sound: Treibender Neo-Kraut, düster, wabernd, kakteenhaft, ohne Kompromisse aus dem Impro-Unterbewusstsein hinaus gespielt. Die drei Jungs aus Chemnitz und Kiel in einfachen Sportschuhen und Jeans (auch das tut gut) bringen eine Spannung in den Raum, die man nur durch Bewegung erträgt. Besonders markant ist das Drumming: Auf Floortom, Snare, Crash und Tambourin reduziert, rollen die Beats in repetitiver, fast technoider Bestimmheit, um sich ab und zu zu entladen – eine wirkliche Freude. Die dreißig Minuten verpassen keinen Höhepunkt, die Band funktioniert in sich perfekt. Ein Sound, der im Drive und artifiziellen Synthie-Geräuschen ganz markant nach Berlin klingt. Sehr vielversprechend.

Admiral Black geben sich daraufhin erstaunlich rockig: Breitbeinig und mit erhobenem Kinn spielen sie ihr Debüt hinunter. Nach den zwei künstlerisch ausgefallenen Supportacts ist die aufgesetzte Rockattitüde samt gelegentlicher Plattheit etwas übermächtig, doch die Songs funktionieren: Stoner-Riffs leiten in meist sehr stampfende 70’s-Rock-Nummer ein, mit überbordender Energie in den Raum geschmettert.

Songs wie Worm of the Third Sting sind erstaunlich präzise, solide Rocknummern mit Hooks, die drin bleiben und Riffs, die genau wissen, wohin sie wollen. Mir klingt es teilweise ein Tick zu verstaubt, doch wer auf knallenden Rock steht kann hier sicher fühlen: Trotz Bass und Gitarrenpanne und Effektpedal-Ausfall spielen sie mit eindeutiger Überzeugung und werden von der 40jährigen Rockmuddi genauso gefeiert wie von der jungen Crowd.

Und so ein Donnerstag kann auch bei Krankheiten Wunder wirken. Sommerloch, wen juckt’s schon in Berlin.

Admiral Black, live at Antje Oklesund, 18.8.2011:

 

Admiral Black, Phantasmagoric VÖ: 19.08.2011
Hazelwood Vinyl Plastics (Rough Trade Distribution)

http://www.myspace.com/wearecamera

http://www.myspace.com/admiralblackmusic

 

 



Kommentare sind geschlossen.