Überall voll und eng oder Alles wie immer


Berlin Festival 2010, Flughafen Tempelhof 10-11.September

September 13th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Überall voll und eng oder Alles wie immer
Adam Green. Spielte auch und soll ganz lustig gewesen sein. Foto: Tanja Krokos

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Freitag

Zum zweiten Mal in Folge gastierte das Berlin Festival auf dem 2008 geschlossenen Flughafen Tempelhof. Der Anspruch der Veranstalter die Fehler des letzten Jahres auszumerzen schien im Vorfeld in Erfüllung zu gehen, zumindest was den Faktor Werbung anging. Kaum konnte man sich diesem Festival entziehen, sein es in Printmedien oder Online, überall sprang einem das Line-Up des letzten Wochenendes entgegen, und mit dem Gewinn der Leitmedien des Bildungsbürgertums RadioEins und 3Sat als Medienpartner konnten sich die Veranstalter einer all umfassenden Öffentlichkeit sicher sein. Diese Öffentlichkeitsarbeit erreichte dann auch das Ziel eines ausverkauften Festivals, weshalb ich mich schon relativ früh zum Platz der Luftbrücke begab, um mir mein Bändchen abzuholen und erstmal in Ruhe die Location auf mich wirken zu lassen als auch die kleinen Details zu klären, die lebenswichtig sein können, z.B. wo die 5 Bühnen (Main Stage, Hanger 4 und 5, Mobile und Club Berlin Floor) oder das Klo sind, oder was es wo für überteuertes Essen gibt.

Was beim ersten Rundgang aber zunächst auffiel war die schlecht organisierte Regelung zum Zugang der Bühnen im Hangar 4 und 5. Durch einen 10 Meter langen Eingangs- bzw. Ausgangsbereich wurde der Festivalzuschauer durch ca. 45cm breite Eingangsgitter gedrückt um zur Bühne zu gelangen, oder sie wieder zu verlassen. Man musste kein Hellseher sein, um festzustellen, das dies im wahrsten Sinne des Wortes eng werden könnte. Dieses Fehlmanagement führte dann auch zum vorläufigen Abbruch des Festivals am Samstag morgen um 2.30h.

Doch zur Musik. Das Line-Up klang auf dem Papier recht ansehnlich. Ein gute Mischung zwischen Party und Anspruch. Wie dies klanglich umgesetzt wurde war nur, ähnlich wie letztes Jahr, enttäuschend. Der Sound verlor sich in einem Brei, ein unsympathischer Hall war vor allem in den Hangerbühnen präsent. Wobei einem die Vermutung beschlich, dass weder die Anlange noch der Toningenieur daran Schuld hatte, sondern der geschichtsträchtige und architektonisch interessante Flughafen nicht für derartigen Veranstaltungen geeignet ist. Somit sind alle Bands, die hier kritisiert oder gelobt werden, mit einer Zensur schlechter zu bewerten. In der Schule nennt man so etwas Diktatur des Lehrers, aber so ist nun mal das Leben.

Der erste relevante Act des Tages war MIT auf der Hangar-4 Stage. Ihr neues Album „Nano Notes“ wurde von Jas Shaw  von Siman Mobile Disco produziert, und mit ihrem elektronisch krautrockigen Sound, der recht stark von Kraftwerk und Neu! geprägt ist, verbanden sie den inhaltlichen Anspruch von Text mit dem Tanzdrang ihrer analogen Synthesizer. Zwar verlor sich der Gesang von Edi Winarni in den mittleren Tonhöhen, in den hohen Stimmlagen jedoch entwickelte Winarni eine Präsenz, die den kühlen Klängen menschliche Wärme einhauchte. Optisch untermalt wurde die Musik auch von der Deko im Hangar: Große schwarze Vierecke aus Stoff hangen in Reih und Glied an der Decke, wahrscheinlich um den Hangarhall zu unterdrücken, was aber, wie Eingangs gesagt, nicht ausreichend gelang. So verlor sich die Angespanntheit der Band erst im Laufe des Gigs, und Winarni konnte sich erst zum Schluss zu einigen lockereren Hüftschwüngen überwinden.

Nach dieser Einstimmung gings schnell weiter in Hangar 5, am anderen Ende des Geländes, in dem City Slang sein 20jähriges Jubiläum unter anderem mit Zola Jesus feierte. Nika Roza Danilova a.k.a. Zola Jesus, die auf ihrer CD „Stridulum II “ überzeugte, entpuppte sich jedoch als als ein Enttäuschung. Die dunkle, uneindeutige Atmosphäre der Platte konnte nicht auf das Publikum überspringen. Zu wenig Theatralik und Pathos schwappte von der Bühne, was vor allem am legeren Outfit der beiden Gastmusiker und der, wie ein verlorenes Reh herum irrenden Madame Danilova lag, die dazu zeitgleich ihre vermeintlichen Arien sang.

Nach diesen zwei melancholischen Acts wurde es Zeit aus dem Trübsinn auszubrechen und die Sau raus zu lassen. Perfekt für diese Aufgabe geeignet spielten LCD Soundsystem auf der Main Stage eine energiegeladene Show, die spätestens ab „Drunk Girls“ kaum jemanden still stehen ließ. Nach einer Stunde drängte man wieder zurück in den Hangar 4, den gut gelaunten Elektopop noch im Ohr.

Doch dann kam Robyn. Schlagartig war sämtliche euphorische Stimmung dahin. Nicht das die Show schlecht gewesen ist oder ihr Gesang, aber es wurde einem bewußt, dass besagte Robyn nichts weiter ist als serientauglicher Mainstreampop a la Britney Spears und Co ist. Der einzige Unterschied ist nur, dass sich Robyn im Indiegewand tarnt. Spätestens ab Ansagen, wie „let me show you how much I love you“ hätte jedem bewußt werden müssen, was das für eine Verarsche ist, Fembot-Gerede hin oder her. Doch je mehr Poppathos, desto lauter und begeisterter das Publikum. Sind wir hier bei der Bravosupershow? Ein Bier und ein Tequila bitte.

Zum Glück gibt es immer einen Schluß. Und während Tomas Hoffding hauptberuflich Bassist bei WhoMadeWho sein Soloprojekt Bon Homme vorstellte, ein Mix zwischen melancholischem House, Gesang und sympathischen Ansagen, verlor man die Wut über die Verblendung des Publikums durch Robyn. Im Hintergrund des Sets von Bon Homme wurde die Bühne für Fever Ray vorbereitet, so dass die Spannung auf das Highlight des Abends rasant wuchs.

Fehlte Theatralik bei Zola Jesus, hatten Fever Ray mehr als genug davon. Während des gesamten Konzerts strömte dichter Nebel durch den Hangar, der die Sicht auf die Bühne versperrte, so dass Karin Dreijer Andersson und ihre Band nur als Schemen wahrnehmbar waren. Nur ein Sammelsurium an alten Stehlampen und ein starker Laserpointer erhellte die Bühne. Perfekt griffen die schwarz verhangene Location, das Lichtkonzept und der spirituelle Sound von Fever Ray in einander. Wie in einen wolligen Albtraum  fühlte man sich versetzt, und so schnell man in der Musik eingetaucht war, war man wieder in der Realität angekommen alsdie letzten Nebelschwaben verschwanden.Verwundert sah man sich noch einige Goatänzer an, die weiter in ihrer Zwischenwelt verharrten.

Auf dem Weg zu Junip jedoch spürte man schon dass irgend etwas anders war. Der Ausgang aus dem Hangarbereich 4 war vergrößert und verlegt worden. Einsatzwagen der Polizei standen auf dem gesperrten Rollfeld. In Nebensätzen griff man Sätze auf, „war zu voll“ und „Einlass wurde zu gemacht“, und vor Hangar 5 sah man was gemeint war: die Menschenmasse, die sich drängte und weder nach vorne noch zurück kam. Erstmal was trinken und vielleicht doch zurück zu Atari Teenage Riot? Dort aber ebenfalls das gleiche Spiel: Irgendwie ging nichts mehr, noch ein Bier und ein Abstecher zur Mobile Disko und dem Club Berlin Floor, welches aber nicht so mitreissend.

Mittlerweile hatten Junip ihren Gig beendet, und die Traube vor dem Einlass war nicht kleiner, sondern eher größer geworden. Caribou spielte als nächstes, der mit seinem Song „Sun“ die Berlin Festivalhymne stellte, der zwar angenehm ist, aber trotzdem irgendwas von den unsäglichen Loveparade Hymnen hat. Also ab in die Menge um wartend zusammen gepresst zu werden nebst Smalltalk über die Beschissenheit der Dinge. Kurz vor dem Ende von Caribou noch in die Halle und ernüchternd festgestellt: Schwache Stimme, Musiker unsicher und alles lahm und mau.

Und nach Caribou, um 2 Uhr 30, der Abbruch des Festivals, weil überall zu voll und zu eng war. Nix 2manyDjs und auch kein Topact Fat Boy Slim. Stattdessen enttäuschte Festivalbesucher die alle in die von Polizeisperren abgeregelte U-Bahn drängen. Kein guter Abschluß von Tag Eins also.

Morgen Teil Zwei vom Samstag…

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