Titten, Rotwein und dröhnende Beats


CD-Release Party des neuen Cobra Killer-Albums „Uppers & Downers” im Festsaal Kreuzberg, 27.10.2009

Oktober 29th, 2009 | 2 Kommentare ...  

Titten, Rotwein und dröhnende Beats
Gina D\'Orio - Cobra Killer. Foto: Tanja Krokos

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„Alter, das sind Titten!” ruft einer im Publikum bewundernd, als Gina D’Orio die Bühne betritt und unter ihrem Ledermantel ein straff sitzendes Kleidchen zeigt. Alle lachen, da der Ausrufer offensichtlich nicht Unrecht hat, dann ruft jemand halb ironisch: „Benimm dich mal!”. Die Cobra Killer- Damen nehmen es gelassen, da sie selbst gern mit dem Russ Meyer-Image spielen.

Fette, harte, schwere Electrobeats dröhnen aus den Boxen, und D’Orio kippt sich erst mal die mitgebrachte Flasche Rotwein über den Kopf, um sich einzustimmen. Einige hatte sie offenbar schon vorher durch den Mund zu sich genommen. So kann der Wahnsinn einer Liveshow beginnen, für die die beiden Musikerinnen D’Orio und Annika Trost seit gut zehn Jahren bekannt sind. Give the people what they want – nicht nur wegen der Titten, sondern der immer wieder mehr oder weniger gleich ablaufenden Show in straff sitzenden Minikleidchen, die mehr aussehen wie Anstaltskleidung als aus der aktuellen Modelinie, und exponierter, harter Sinnlichkeit.

Schon die Vorband, Die Toten Crackhuren im Kofferraum, hatte die Bühne in eine Schlachtfeld verwandelt: Sie hatten ein riesiges Federkissen zerrupft und verteilt, und das Publikum in den ersten Reihen schnelle Reflexe gelehrt, weil es vor Kunstblutattacken aus einer Wasserpistole in Deckung gehen musste. Da haben die beiden – im mehrfachen Sinne des Wortes – strammen Damen des Hauptacts nicht nur zu beweisen, dass sie mehr drauf haben, sondern ebenso, wie sicher sie auch bei glitschigen Bodenverhältnissen in ihren High-Heels stehen und zudem auch noch selbstgebastelte Kabelsalat-Fallen umschiffen. Doch es kommt zu keinerlei schwereren Unfällen: Gleich beim zweiten Song fällt D’Orio zwar einmal um, steht aber gleich wieder auf, ein Fotograf bekommt eine Flasche ab, den Trost beim Erklimmen einer Box herunterreißt. Nach einem verdutzen Blick lacht er aber sofort wieder. Zum Schluss reißt nach ausgiebigem Stagediving noch ein rotes Riemchen am Stöckelschuh – Trost gleitet trotzdem würdevoll im aufrechten Gang von der Bühne. Kein echtes Blut, kein Krankenwagen, keine Toten.

Das Publikum schaut eher gebannt wie das Kaninchen auf die Schlange, als dass es sich zu irgendeiner Art des rhythmischen Mitbewegens animiert fühlt. Nur ein paar ganz mutige Herren in der ersten Reihe sind völlig dabei, wollen den Künstlerinnen auch immer wieder die Hand geben und sie gar nicht mehr loslassen. Ein völlig Berauschter erklimmt irgendwann selbst die Bühne und steigt semi-professionell in die Show ein, als ob er der Meinung wäre, er hätte jetzt noch gefehlt, so wie beim flotten „Lesben”-Porno. Die Musikerinnen lassen sich nicht wirklich aus dem Konzept bringen – wenn es denn so etwas gäbe. Dafür sei man nicht diszipliniert genug, vertraute D’Orio jüngt der taz an, es gehe um das Sich-fallen-Lassen (der seelischen Art). Trost und D’Orio setzen so in der Show auf ihre Körper und ihr präsentes Ego. Und auf Sex – zwischen billiger Anmache und Provokation. Feministinnen seinen sie nicht, sondern würden nur das gleiche machen wie die Männer auch, sagen sie im taz-Interview. Zwischen den Songs stehen sie an Korg, Rhythmusgerät und anderem technischen Schnickschnack im Hintergrund und programmieren die neuen Samples, dann wieder husch nach vorn im Stroboskoplicht den Körper schütteln, singen und ausgiebig Stagediven, zu Freude der Herren allseitige Einblicke gewährend.

Annika Trost - Cobra Killer. Foto: Tanja Krokos

Und- oha – zwischendurch wird es auch Mal verbal politisch. So mehr oder weniger. Es sei so heiß, meint Trost und die beiden fangen an, im besten Falle Dadaistisches, wenn nicht schlichtweg Dünnsinn von Klimaerwärmung, süßen Eisbären und Eis zu reden. Das darauf folgende Lied handele allerdings nicht von dem Thema, sagen sie: “Schneeball in die Fresse – bis in die totale Depression” vom neuen Album, um das es an diesem Abend ja ging. Schließlich war CD-Release. „Seid ihr Uppers oder Downers” ruft D’Orio mehrfach ins Publikum, eine laute Antwort erwartend, bevor der Titelsong losbricht.

Die Musik ist mehr oder weniger aber nur durchgehender Hintergrundbeat der Show – jedenfalls bin ich so von optischen Reizen überflutet und vom Beat zugedröhnt, das feinere musikalische Details in der Aufmerksamkeitsökonomie untergehen. Auch den Texten scheint keiner so recht zu lauschen – bis auf die ganz harten Fans in der ersten Reihe, die sie sogar mitsingen können.

Unterschied zu sonst: Meistens stehen da schmachtende Teenagermädchen, diesmal waren es die Ü-30 Herren. Und beim Titel „Hello, Celebrity” mag sich der Eine oder die Andere angesprochen fühlen: Ein Drittel des Publikums im zumindest beim Hauptact voll besetzten Saal besteht aus einschlägigen Berliner Promis und Semipromis: Neben Monika-Enterprises – und somit Cobra-Killer – Labelchefin Gudrun Gut wurden allein an Musikerkolleg/innen u.a. Jens Friebe, Francoise Cactus, Jessie Evans, Mark Stewart und Angie Reed gesichtet.

Nach dem Konzert schleiche ich mich wie betäubt und völlig alle von dannen. Nicht nur weil es sehr spät ist (die Cobra Killer-Show hatte erst nach Mitternacht begonnen), sondern weil es bei mir, seitlich vor der Bühne stehend, mit dem Fallenlassen nicht so geklappt hat: Ich hatte ständig Angst, irgendwelche Gegenstände, Flüssigkeiten oder ausgleitende Künstlerinnen ins Gesicht zu bekommen, irgendwann fast spießiges Mitleid mit den Veranstaltern, die die ganze Sch… wieder aufräumen mussten und ggf. neues Equipment kaufen (ein Mikro hatte zumindest unter Gewaltanwendung den Geist aufgegeben und wurde feierlich verabschiedet), und weil der Beat die Ohren betäubt hatte, die noch beim Zubettgehen summten. Beim nächsten Mal also vielleicht ein nettes Akustik-Konzert, und in vier Jahren zum nächsten Album vielleicht auch wieder Cobra-Killer. Aber was da abgehen wird weiß man ja jetzt schon, und vielleicht bin ich dann auch endgültig zu alt.



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. ray  

    für wen wird sowas eigentlich geschrieben?
    für leute, die sich nicht aus dem haus trauen und was über die wilde welt da draußen hören wollen?
    ouh ouh, echt mal in den underground abgetaucht, wa. und gar nicht schmutzig geworden!

  2.  
    2. Barbara Mürdter  

    Geschrieben wird sowas a) für Leute, die dabei waren und gern eine Meinung von jemandem lesen wollen, die sie entweder teilen oder nicht oder b) für Leute, die vielleicht gern dabei gewesen wären und einen (in der Natur der Sache liegend subjektiven) Eindruck lesen wollen.

    Wie undergroundig man das findet hängt dann sehr vo der eigenen Erfahrungswelt ab.