The Veils, The Long Blondes


Rough Trade Popkomm Night, Lido, 22.9.2006

September 24th, 2006 | 0 Kommentare ...  

The Veils, The Long Blondes
Kate Jackson, The Long Blondes, Live at Rough Trade Showcase, Lido, 22.9.2006, Photo © Dorfdisco 2006

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Popkomm hieß nicht nur den sonnigen Tag lang in einer lärmigen Durchgangshalle namens Labelcamp zu verbringen, sondern abends auch gleich noch auf diverse Konzerte zu hetzen, auf dass man den letzten heißen Scheiß nicht verpasst. Dieser kam aus Englands Sicht dieses Jahr wohl nur aus Leeds und dessen Umgebung, was heute Abend allerdings Glasgow, Sheffield und London hieß. So lud Rough Trade Records zu einem Abend mit den 1990s, den Long Blondes und The Veils ins Kreuzberger Lido ein.

Apropo Lido. Die ehemalige Probebühne der Schaubühne und davor lange nichts und davor ein Kino namens Lido und heute dank parteipolitischer Stadtratsbeziehungen in den Händen der neureichen Karrenklubmacher hinterliess bei mir schon einen bleibenden Eindruck dadurch, dass als ich einmal grüßend und willkommen meine Flyer hineinlegte diese, nachdem ich wieder rausging, umgehend im Papierkorb landeten. Das Lido hat eine strikte “nur uns – sonst keiner” Policy und schmückt sich mit 11 Freunde Parties und anderem Klüngel, was in diesem Falle die, wie ich hörte, peinliche Rote Party zum Berliner Wahlkampf mit Klaus Wowereit als Indie-Alternative-Brit-Pop-Disko Dj bedeutet.

In diese mir seltsam verstrickt vorkommende Location mit dem tollen, mittelgroßen Saal und dem schönen Garten also ging ich wieder um mir einen Abend heißen Scheiß reinzuziehen. Den Anfang machten die 1990s, die man aber ruhig mal nach 1990 zurückbeamen sollte, damit sie nochmal 16 Jahre Zeit zur Entwicklung ihrer Fähigkeiten bekommen. Mehr fällt mir dazu nicht ein, es war nur ein schlechter Aperitiv zu dem was da spannend kommen sollte.

The Long Blondes, Photo © Dorfdisco 2006

The Long Blondes, Photo © Dorfdisco 2006

Das Lido war nicht überfüllt, aber gut besucht für die beiden Top Acts Long Blondes und The Veils, beide übrigens zum ersten Mal in Berlin. Auf die Long Blondes schwören ja schon einige, insofern war auch ich gespannt als die Band bestehend aus 3 Frauen und zwei Jungs im besten Twen Alter die Bühne betraten. Auch war mir schlagartig klar wieso diese Band besonderen Erfolg genießt. Sängerin Kate Jackson macht nicht nur eine äusserst erotische Figur, sondern hat auch eine genauso gute Stimme die entfernt an Karen O., Ari Up oder Lesley Woods von den Au Pairs erinnert. Ansonsten bewegt sich die Band aus Sheffield im Art-Rock Glamour Punk Umfeld englischem Dandyhypes, das heisst, ein Artikel im Guardian und einmal in der NME cool list reichte aus als dass sie Rough Trade unter Vertrag nahm.

Live entpuppten sich die Langen Blonden tanzbarer als von mir erwartet. Das Gefüge ihrer Instrumente ist dank Emma Chaplin (Gitarre) und Reenie Delaney (Bass) zarter besaitet, während Leadgitarist Dorian Cox eher der rythmischen Riffgitarren Generation entstammt, also jene, die nach Shoegazer mal einen tanzbaren Blick nach vorne wagten. Ansonsten fokussiert sich viel auf die Sängerin Kate Jackson, die den Beweis dafür antreten darf dass englische Frauen nicht nur nach Fish&Chips aussehen müssen. Das dachten sich auch die beiden unerzogenen Hilfsdandys vor der Bühne, die durch Angebereien wie ständig an Kates Beine springen wollen und sonst geschönten Schlammdance auffallen mussten.

Finn Andrews, The Veils, Photo © Dorfdisco 2006

Finn Andrews, The Veils, Photo © Dorfdisco 2006

Mit The Veils betrat dann zurecht der Act des Abends die Bühne. Aus Neuseeland stammend werden sie aufgrund ihrer emotionalen Intensität und leicht mystischen Aura schon auf und abgefeiert und sind musikalisch irgendwo zwischen Jeff Buckley, den Bad Seeds und/oder The Smiths zu verorten, ohne in deren Weinerlichkeiten zu verfallen. Lead Sänger, Gitarrist und Songschreiber Finn Andrews natürliche Aura und ungezwungene Stimme hat diesen speziell persönlichen Touch, während die Band mit der leicht verrucht blickenden Bassistin Sophia Burns, dem Keyboarder Liam Gerrard sowie zweiten, entrückt dreinblickenden Gitarristen und differenziertem Drummer eine starkes, kontrastreiches Gerüst abliefern. Dabei entfalten sie eine Atmo, deren Mischung aus unkonventionell arrangierten Songs (!) und literarisch-lyrischen Texten auch mich noch beeindruckten dergestalt, dass ich zwischen zwei Stücken einmal ein “Very Good” Richtung Keyboarder rief… Dieser nickte und dankte mir, lächelnd.

Ihr 2004 Debut Album “The Runaway Found” auf Sanctuary Records ist schon an mir schon vorbeigangen, ihr jetzt im September auf Rough Trade erscheinendes neues Album “Nux Vomica” werde ich mir nach dieser Vorstellung auf jeden Fall zulegen wollen. Im Oktober kommen sie auch noch einmal auf Deutschland Tour, und ich darf sie allen Dorfdisco Lesern empfehlen! Das bis dahin doch eher typisch zurückhaltende Berliner Publikum jedenfalls jubelte schon und selbst das nach ihrem Set vom DJ gespielte Stück “Turn Intro” klang dagegen schon fast einfältig.



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