The Slits — außer Rand und Band


im Festsaal Kreuzberg 4.5.2006

Mai 15th, 2006 | 0 Kommentare ...  

The Slits — außer Rand und Band
Ari Up mit einem auf die Bühne geholten Fan, Festsaal Kreuzberg 4.5.2006 Foto:O.Shunt

Von Ramin Raissi

Als ich im März von der Reunion der Slits hörte und wenig später die Gig Ankündigung für den Festsaal Kreuzberg sah, war ich exited wie schon lange nicht mehr: The Slits, DIE Frauen Punk/Reggae Band um Ari Up, Viv Albertine, Tessa Pollitt und wechselnden Drummer/Innen inklusive Live dubbing and mixing by Adrian Sherwood (On U Sound), wow, da musste ich hin! Adrian Sherwood hatte mir beim Mark Stewart & the Maffia Konzert an selber Stelle schon gründlich die Gehörgänge freigeblasen…

Wir erinnern uns: The Slits, 1976 mit der damals 14-jährigen deutschen Ariane Forster a.k.a. Ari Up als Sängerin gegründet, veröffentlichten 1979 ihre erste Single “Typical Girls/ I heard it Through the Grapevine” auf dem Reggae Label Island. Der künstlerische Impact dieser 7″ ist heute immer noch faszinierend. Insbesondere das Marvin Gaye Cover läuft in Folge des DiscoPunk Revivals immer noch in den hippen Clubs all over the world.

Ab dem folgendem Album “Cut”, bei dem die 3 Damen nicht nur nackt auf dem Cover, sondern auch zum ersten Mal mit Dubmaster und Produzenten dem Dennis Bovell zusammenarbeiteten, verschob sich ihr Sound von krachigem Punk, zu dem Ari Up in unvergleichlicher Art performte und sang, mehr in Dub und Reggae. Die Band tourte mit The Pop Group und veröffentlichte lustige, immer ein bisschen neben der Spur liegende Cover von Reggae Hits wie Horace Andys Man Next Door, die Teil meiner musikalischen Sozialisation sind.

Nach dem 2. Album “The Return of the Giant Slits” 1981 war Schluss mit den Slits, und Ari Up machte als Sängerin des On U Sound Projektes “New Age Steppers” weiter. Die erste LP die gleichzeitig der Beginn des On U Sound Labels war, ist ein absoluter Klassiker. Jetzt mit richtigen Reggae Musikern und Sherwood’s Mixing das aus Roots Stücken wie Junior Byles “Fade away” metallische,zwischen Noise und Groove oszillierende Monster machte. Nach 3 Alben, einigen Singles, Compilations und Zusammenarbeiten u.a. mit Neneh Cherry verschwand Ari einfach nach Jamaica. Erst als ich Ende der 80er die New Age Steppers für mich entdeckte, erzählte mir ein Freund, dass Ari nackt im Urwald leben würde. Vielleicht hatte er aber auch nur das “Cut” Cover vor Augen gehabt. Das letzte Lebenszeichen von Ari Up erreichte mich via der Terranova LP “Hitchhiking with no particular Destination” 2003, wo sie mit “Mongril”, einem Elektropunk Smasher mit Toasting vertreten war. (Die Cosmonauts of Innerspace Maxi “Allergic” ebenfalls von Fetisch von Terranova Fame, folgte auf Hell’s Gigolo Label 2004.)

Als ich mich gegen 2200 Uhr zum Festsaal aufmachte, war zunächst rumstehen und quatschen vor dem Festsaal angesagt. Leute wie Alexander Hacke, Boy from Brazil, Conny vom Rio, Wally vom White Trash und Shapemod von Terranova/Lotterboys, um einige der lokalen Prominenz zu erwähnen, waren da und besprachen das Kommende. “Rip Rig und Panic oder Pop Group” waren die Keywords der Unterhaltungen, und Dorfdisco’s Oliver Shunt hatte die Slits früher schon drei mal gesehen.

Wir schwelgten in Erinnerungen, als Ari Up mit Entourage erschien. Sie hatte getreu ihrem Nom du Guerre- Medusu oder Madusa, silberne Dreadlocks auf dem Kopf drapiert. So weit so schlimm, hatte sich wohl auch der Türsteher gedacht, als er sie für einen Transvestiten mit Hausverbot hielt und erst mal nicht reinlassen wollte. Wer kann sachdienliche Hinweise zu diesem Mann machen? Unter theatralischen Gesten und “o.k. I am not gonna play…” schickte sich Ari an zu gehen, wurde aber von ihrer Bookerin flugs wieder zurückgeholt.

Powers, Photo © Dorfdisco 2006

Powers, Photo © Dorfdisco 2006

Nach dieser Seifenoper, der wir mehr oder weniger sprachlos gegenüber standen, nahmen wir es als Signal auch mal reinzugehen. Drinnen war es halbvoll und ein punky Frauen DJ Team spielte gar nicht mal schlechte Musik, von Reggae bis zu obskuren Coverversionen. Die Vorband namens Powers, bei der unter anderem Joe Dilworth am Schlagzeug sitzt, gab an diesem Abend ihr Debut und spielte eine interessante Fusion aus Fugazi meets Sonic Youth meets Add N to X, und steigerte bei mir nur die Spannung auf den Hauptact. Als aber die beiden Djanes wieder übernahmen und ein mir unbekannter junger Mann begann die Insert Effekte des Mischpultes zu erkunden schwante mir böses. Wo war Sherwood? Der junge Mann legte Echo, Hall und Reverb auf die Tracks, nur leider nicht auf den Beat! So sieht es aus, wenn ein Toningenieur seinen ersten Dubmix, vor Publikum versucht.

Gegen 0.00 Uhr trudelten Ari Up in silbernen Leggings und Hausschuhen, sowie ihre Mitstreiterinnen, darunter nur noch Bassistin Tessa Pollitt von den original Slits auf die Festsaal Bühne. Eine der beiden neuen Gitarristinnen stellte sie später als ihre Tochter Adele vor. Fehlte nur – Adrian Sherwood!! Die Band begann mit dem Klassiker “Shoplifting” vom Album Cut, der wie vor 25 Jahren den Charme des Unperfekten ausstrahlte, und, wie viele der wenigen Songs, in die Verlängerung gespielt wurde. Dazu alberte Ari Up wie früher und in immer noch lupenreinen deutsch hemmungslos auf der Bühne rum, und zog aus dem Publikum junge Fans auf die Bühne zum mitsingen, tanzen und feiern.

Ich war nur genervt dass die auf den Platten vorhandene Groovebasis und die Dubeffekte nicht auszumachen waren und stattdessen eine Kinder außer Rand und Band Atmosphäre herrschte. Ari Up bedankte sich ironisch bei Mr. Adrian Sherwood, und toastete in ihrer unverwechselbaren Art zu Klassikern wie New Town, Man next Door, FM und am Ende noch mal Shoplifting.

Dabei war die Band inklusive der 17 jährigen Adele gar nicht mal so schlecht und auch irgendwie eine Reinkarnation der jungen Slits, nur dass ein guter Producer fehlte. An neuen Songs gab es nur zwei: irgendwas das sich anhörte wie Grown Ups are Stupid und ihre aneue, kommende Single Kill them with Love. Nach einer Stunde verließ die Band die Bühne ohne Zugabe. Auch wenn es schön war diese Band noch mal zu sehen, war ich doch schon ob des hohen Eintritts enttäuscht. Es wäre mehr drin gewesen, nicht nur mit Sherwood.

Den Vogel haute es mir allerdings raus, als ich versuchte eins der schicken Slits T-shirts für 14 anstatt 15 Euro zu kaufen und gnadenlos abgewiesen wurde. Beim rumstehen hörten wir dass die Band mit der P.A. unzufrieden war, dabei standen da riesen Türme. Mir fällt dazu das alte Popgroup/New Age Steppers Zitat ein: “High ideals and crazy Dreams”. Trotzdem freue mich noch auf die reguläre Slits Tournee – mit Adrian Sherwood.



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