The Raconteurs in Huxleys Neuer Welt


The Raconteurs im Huxleys, 2.Juli, 2008

Juli 5th, 2008 | 0 Kommentare ...  

The Raconteurs in Huxleys Neuer Welt
The Raconteurs, Live im Huxleys, Berlin, 2.Juli 2008 - Photo by Tanja Krokos © Dorfdisco 2008

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Ehrlich gesagt, die Freude war groß als wir zwei Freikarten mit Fotoerlaubnis für den einzigen Deutschland Auftritt der Raconteurs erhielten. Schließlich sind sie doch eine der phänomenal besten Bands zur Zeit, und man muss es allen, die nicht kommen konnten, leider sagen, es war jeden Moment wert.

Nach über 20 Jahren Konzertbesucherei ist dies schon eine hohe Messlatte. Und auch dafür, dass man der recht guten Vorgruppe Earthbend den Sound nicht vermurkste, gebührt Achtung. Earthbend konnten dadurch zeigen, dass ihr simplifizierter, leicht schmerz geladener Rock auch bei einem Publikum ankommt, das nicht unbedingt auf sie gewartet hat. Nach fast einer Stunde dieser Achtungsband aus Finsterwalde dauerte es dann nicht mehr lange, bis die Raconteurs die Bühne betraten.

Eingabe: Jack White.

Ich habe die White Stripes zweimal gesehen, aber an diesem Abend wurde klar dass die Raconteurs nicht nur mehr Jack Whites Band geworden sind als vorher geplant war (und auch in Zukunft stets abgestritten wird), sondern dass die Band ohne Whites Arbeiten mit den Stripes auch lange nicht diese Beachtung verdient hätte. So ist das nun mal in diesem Geschäft.

Brendan Benson - The Raconteurs, Photos Tanja Krokos © Dorfdisco 2008

Brendan Benson - The Raconteurs, Photos Tanja Krokos © Dorfdisco 2008

Da ist nichts gegen Brendan Bensons Talent catchige Riffs zu spielen, und auch nichts gegen Jack Lawrences völlig unterbewertete Art den laufenden Bass zu tanzen, und erst recht nichts gegen Patrick Keelers klassisch-jazzige Schlagzeughaltung, die dem Sound der Raconteurs dieses leicht Beschwingte mitgibt, und den einfachsten Gefühlen diesen hohen Überbau verleiht, aber mit oder bei den Raconteurs kann man einen Jack White erleben, dem, wie für jeden Anderen in der Band, scheinbar ein Traum wahr wird: auf dem Höhepunkt seines Lebens in einer Band zu spielen, die ihm keine stilistischen Beschränkungen aufgibt, und in der alles traumwandlerisch gekonnt und krass bombastisch daher kommt.

Ohne alberne Albumcoverkostümierung, nur einfachen schwarz-weißen T-Shirts gekleidet betrat die Band die Bühne, über der ein füllendes Artefakt eines klassischen Theatervorhangs hing, dahinter Schatten von leuchtenden Zweigen, das alles eine etwas schrullige und Wanderzirkus ähnliche Schulaufführungsatmosphäre vermittelte.

Ein anfängliches Soundgewitter, Nebel und Blitze hinter dem Drums, und die Raconteurs legten mit dem Touropener Consolers of the Lonely los, dessen krasse Tempiwechsel zum Gewehr schwingendem Riffrock mal wieder die 70er Jahre heraufbeschwört, allerdings wie es keine andere der vielen, auf Nostalgie gebuchten Bands zur Zeit vermag.

Insgesamt ist das Set nach der zweiten, kratzigeren Platte ein rauher, mächtiger, mitunter schwingender Cowboy-Punk-Blues-Rock (man vergebe mir diese Floskel) geworden, die durch Whites wild um sich schlagenden, ja Jimi Hendrix artigen Gitarrensolis bespickt ist. Zwar lösen sich Benson und White im Gesang ab und stehen sich oft Auge in Auge wie anfeuernd gegenüber, doch es ist White, der die Band zusammen hält, die Einsätze vorgibt und stets mit Schlagzeuger Keeley Blickkontakt hält.

Gerade die weniger auffälligen Stücke werden von Jack White mit unerhörter Prägnanz vorgetragen. Bezeichnend dafür sein Einsatz bei You Don’t Understand Me am Keyboard, ein voll Whiskey getränkter Heuler, wo das Wimmern einem durch alle Knochen fährt. Nicht nur die Kracher, auch die Lacher, Freaks und all die gebrochenen Charaktäre will White verkörpern, das große amerikanische Rad drehen sozusagen, und, man will es kaum aussprechen, aber White arbeitet darauf hin und wird sich so einreihen vielleicht eines Tages neben den ganz Großen wie Waits, Cash, Dylan, Diddley, Waters, Guthrie, Johnson.

Rich Kids Blues, bei dem Riff denkt man unweigerlich an The Whos Pinball Wizard, der Blues des weißen Jungen, der alles hat, aber doch wenig, oder zumindest die Liebe nicht gelingt, ist so ein typisches Stück White’scher Erzählkraft, die sich im Laufe des Abends noch steigern sollte.

Da ist natürlich die Singleauskopplung Salute Your Solution, das einem jetzt wie ein aufgebohrtes Stooges Riff um die Ohren fliegt, zu dem White ein schwindelerregendes Solo spielt, welches nur noch von den Drums und Bass zusammengehalten wird, und dann ist da Your Blue Veins, dessen musikalischer Ansatz von, ja, Imitationen wie Nick Cave und the Bad Seeds immer versucht wird, ein einfaches Liebeslied, dessen 5-minütiges hippieskes Intro plötzlich abbricht und in diesen Walzer fällt, der die ganze Welt umarmen will, und dessen Herzbrechen einem das Gesicht schmelzen lässt.

Und auch Steady as She Goes, jener ersten Single die sie mal “aus Spass” in einer Scheune oder wo auch immer aufgenommen hatten, und die gleich für einen Grammy nominiert wurde, reisst White jetzt an sich, und zerpflückt den Popsong zum neuen, krasseren Sound, zerlegt den Mittelpart in scharfe, virtuose Stücke, und lässt das mit offenem Mund und Ohren verzückt darnieder liegende Publikum in die Hände klatschen und zwischendurch noch Are you Steady Now mitsingen.

Zum Schluß aber Carolina Drama, eine Ballade die White wie ein junger Bob Dylan auf Speed vorträgt und versinnbildlich zeigt, wie weit er nach vorne kommen will: die letzten beiden Zeilen singt, oder besser ruft er noch einmal ohne verstärkendes Mikrofon von der Bühnekante herab ins tiefe Huxleys hinein – da war man schon baff.



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