Teddybären, Anzugträger und kleine Inseln im Meer der Massen


Berlin Festival 2010, Flughafen Tempelhof 10-11.September

September 13th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Teddybären, Anzugträger und kleine Inseln im Meer der Massen

Von

‘Na, da bin ich ja mal gespannt, wie die das heute Nacht hier bewältigen wollen.“, raunte der Typ hinter mir seiner Begleitung zu. Wohlgemerkt, es war gerade mal 18 Uhr am Freitag und die Situation auf dem gesamten Flughafengelände noch sehr entspannt. Die Ordner kontrollierten an den Sicherheitsschleusen zu den beiden Hangar-Bühnen noch jedes einzelne Bändchen (es könnte sich ja jemand über das Rollfeld geschlichen und die Absperrungen überklettern haben), aber wer sich Programmablauf und den zu erwartenden Zuschauerzuspruch bei ungefähr 10 000 verkauften Tagestickets vor Augen hielt, konnte schon zu so früher Stunde ahnen, das dieses Konzept nicht lange gutgehen würde.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn des Abbruches am frühen Samstagmorgen wird uns wohl noch einige Tage beschäftigen. Meiner Meinung nach hätten die Fehler, die  zum vorzeitigen Ende der Veranstaltung in der Nacht zum Samstag geführt haben, schon in der Planungsphase vermieden werden können. Vielleicht sollte man sich für das nächste Jahr einfach mal gründlich überlegen, ob es wirklich im Interesse von Besuchern und Personal sein kann, möglichst viele ‘Hauptacts’ zu verpflichten. Wenn, dann sollte man nämlich schon in der Lage sein auch einen vernünftigen Ablaufsplan zu koordinieren.

Hatte man wirklich geglaubt, die Editor-Fans würden sich nach dem Auftritt ihrer Lieblinge kollektiv zur U-Bahn begeben, um Platz zu machen für die gerade ankommenden Fatboy Slim-Anhängerschaft? Naivität oder Augen-zu-und-durch-Mentalität? Ein Schelm wer hier irgendwelche Verbindungen zu dem medialen Overkill vor und während der Berlin Music Week  herzustellen wagt. Böse gesagt: Wenn die Euro-Zeichen schon mal in den Pupillen stehen, ist es halt ganz schwierig einigermassen konzentriert geradeaus zu sehen. Dazu passt die Tatsache, dass die Ausfälle am Samstag größtenteils die ‘kleineren’ Bands und DJ’s betraf. Der Beschränkungsansatz hat an diesem Tag übrigens ganz gut funktioniert.

Freitag

Was zu später Stunde dann so problematisch werden sollte, war Nachmittags eine noch ziemlich praktisch Angelegenheit für den Konzerthopping betreibenden Chronisten. Auf dem Weg von Nadelöhr rechts zum Nadelöhr links konnte man immer mal wieder kurz an der Main Stage verweilen, um etwa die zunehmenden Schwimmringe von Deutschlands Lieblings-Indie-Teddybär Adam Green zu bestaunen, oder einen Blick auf die ziemlich überbewerteten LCD Soundsystem mit ihrer zwar perfekt durchorganisierten, aber leider auch ziemlich blutleeren Darbietung zu werfen.

Die wirklich interessanten Acts gab es zu diesem Zeitpunkt sowieso eher in den beiden Hangars zu bestaunen. Gerade noch rechtzeitig das Gelände erreicht, um die letzten Klänge der Blood Red Shoes auf der Hauptbühne zu vernehmen, aber nach Aussagen der Umstehen haben diese zu solch früher Stunde sowieso noch nicht richtig gekickt.

Also erstmal zu MIT, den jungen Kölner Kraftwerk-Epigonen, die in ihrer unterkühlten Performance einen schon fast wieder sympathischen Gegenentwurf zum übersteigerten Ausdruckstanz von Zola Jesus ablieferten. Nur so früh am Abend auch nicht unbedingt meine Tasse Tee. Derweil tönte eine besoffene Version von ‘Wind of Change’ über das Gelände – eigentlich eine Peinlichkeit ersten Ranges, aber bei Mr. Green ist  sowas halt einfach nur  ‘süüüüüüsss’. Nix wie weg!

Die erste wirklich beeindruckende Darbietung legten dann die Belgier Goose hin, deren fetter Elektro-Rock gründlich die Magenwände zu massieren verstand. Das Rezept dahinter ist so simpel wie effektiv: Energische Rockmusik wird mittels Synthie-Verfremdung zum Groove-Monster aufbaut, das dir wahlweise die Rübe abreisst oder gleich mit einem Happs verschluckt. Lässt sich einfach nicht besser erklären, sorry.

Zur Beruhigung war danach erstmal ein Doppelschluck aus der Singer/Songwriter-Pulle angesagt. Zwei Acts, die sich gerade durch ihre Orientierung an eher konventionellen Schemata zu den eigentlichen Highlights des Festivals aufschwingen konnten. Leider weitgehend unbeachtet vom Groß der Feierwütigen. Bis weit nach 22 Uhr konnte man nahezu unbedrängt bis direkt vor die Bühne des Hangar 5 spazieren, während sich gleichzeitig die Massen vor dem Einlass zu Robyn drängten. Da war zunächst der Wahlberliner Norman Palm, der sein Debüt damals schlicht ‘Songs’ genannt hat und ebensolche mit der notwendig Dosis Grundmelancholie plus Folkromantik plus Großstadtelektro auch auf seinem neuen Album ‘From Shore to Shore’ zelebriert. Sehr symphatisch, wie dieser Nerd mit Hang zur Melancholie sämtliche Fallstricke geschickt meidet, die auch nur ansatzweise in Gefühlsdusselei auszuarten drohen. Beat trifft Akustikgitarre  – einer der musikalisch vielschichtigsten Auftritte des Festivals.

Fast noch einen Tick entspannter die Antifolk-Veteranen Herman Dune. Das Ganze wirkte eher wie eine gemütliche Feierabendsession mit unbestreitbar großartigem Songmaterial. Dem Rauschebartträger und seiner Truppe gelang es zwischendurch sogar, die riesige, sterile Halle in einen flauschig-verrauchten Kleinclub zu verwandeln. Wer wollte konnte diese kurze Auszeit vom hektischen Trubel richtig genießen. Musikalische Inseln im Meer der Massen – auch das gab es an diesem Wochenende.

Noch kurz bei den Editors vorbeigeschaut, die viel Tam-Tam für Auge und Ohr lieferten und dafür gehörig abgefeiert wurden. Ein Fan dieser Band werde ich wohl nicht mehr werden, aber immerhin kam das live nicht annährend so langweilig rüber wie auf ihren einschläfernden Tonträgern. Bevor der richtig große (An)Sturm losbrach, gelang es mir gerade noch zu Junip reinzuflutschen, die man für eine Weile richtig toll finden kann. Zumindest so lange, bis man sich fragt: Hab ich den Song nicht gerade schon mal gehört? Könnte aber auch am Alter liegen.

Draußen noch einen kopfschüttelnden Blick auf das Gedränge gegenüber geworfen, wo sich mittlerweile auf wundersame Weise die Editors-Crowd in Fatboy Slim-Enthusiasten verwandelt hatte. Bei Caribou ging auch nix mehr. Dann lieber noch irgendwo ein gepflegtes, bezahlbares Bier…. Ja, die überteuerten Verpflegungspreise waren auch dieses Jahr wieder ein Thema.

Samstag

Dass auch der Gig der  Baby Monsters – eigentlich die besseren Klaxons – den Umständen zum Opfer fiel, hat mich dann schon etwas geärgert, genauso wie die Verkürzung einiger anderer Sets (auch durch Umbau- und Technikschwierigkeiten bedingt) auf teilweise gerade mal 20 Minuten!
Besonder schade war das im Fall von Lali Puna aus dem Notwist-Umfeld, deren Frontfrau Valerie Trebeljahr die Probleme mit Equipment und Abstimmung während des Auftrittes so wunderschön ratlos zu kommentieren verstand. Wohlfühlmelodien trafen da auf pluckernden Pop und treibende Basslinien, genauso wie man es von der Weilheim-Posse gewohnt ist. Die ersten lächelnden Gesichter, die ersten freudig Tanzschritte – wird vielleicht doch ein ganz guter Abend. Zuvor versuchten sich Wedding Present an der zügellosen Indie-Rock-Party, nur feiern eine solche halt schon zig andere Bands. Die Nächsten bitte!

Neon Indian oder doch lieber zu Gonzales? Während des Grübelns über diese Frage betraten vier Herren in grauen Anzügen die große Bühne und nahmen einem die Entscheidung einfach ab. Man hatte ja schon fast vergessen, dass die eigentlichen Könige des Elektronik-Rocks immer noch  Soulwax heißen. Den Ausfall des Nebenprojekts 2ManyDjs vom Vortag war angesichts dieses Raketensets zu verschmerzen. Die Grenze zwischen den beiden Projekten lässt sich über die Jahre sowieso nur noch von Eingeweihten eindeutig bestimmen. Von Anfang an hatten die Belgier (schon wieder diese Belgier!!) die Menge fest im Griff. Souverän im Wissen um ihr Können, sich immer wieder zurücknehmend, um im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken und die Bombe hochgehen zu lassen. Alles vor dem Hintergrund einer punktgenauen Lightshow auf vier LED-Wänden und mit dem Druck einer sattelfesten Rhythmusgruppe im Rücken. Großes Kino!

Auch Alan Palomo’s Neon Indian hatten mit ihrer Technik zu kämpfen, so dass ihr Konzert erst mit einiger Verspätung losgehen konnte. Etwas irritiert vom doch etwas zu stark nach Räucherstäbchen duftenden Start der Texaner, stieg das Interesse von Song zu Song. Doch gerade als die Band begann, ihren analogen Chillwave-Sound mal richtig auszubreiten, war auch schon wieder Schluss. Gegen Ende soll ja auch Tricky dann noch richtig aufgedreht haben, aber ich hatte nach einer guten halben Stunde genug. In the Air tonight von Phil Collins als Einmarschmusik, den Meister musste man auf der abgedunklen Bühne erstmal suchen. Dafür durfte seine Sängerin ran, doch diese hatte stimmlich offensichtlich einen rabenschwarzen Tag erwischt. Da kam weder Atmosphäre noch Tanzlust auf. Also doch lieber raus, noch ein bisschen zu Boys Noize zappeln.

Fazit: Richtige Festivalatmosphäre ist nur sehr selten aufgekommen an diesen beiden Tagen.  Wie auch, auf einem eingezäunten und eigentlich ziemlich sterilen Gelände. Schade, dass das Potential der Weitläufigkeit des Flughafens nicht annährend genutzt wurde. Im Kopf bleiben neben den ganzen organisatorischen Unzulänglichkeiten vielleicht eine Handvoll wirklich guter Auftritte.  Ein bisschen mehr Herzblut seitens der Veranstalter und viele Besucher hätten so einiges verziehen.



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: