Systemfehler, Paranoia, Atemnot


Esben & The Witch, Deerhof, Tu Fawning live in der Volksbühne 10.7.2011

Juli 14th, 2011 | 0 Kommentare ...  

Systemfehler, Paranoia, Atemnot
Esben and the Witch, Foto: Jessica Frischen

Von Moritz Drung

Voll auf die tote Ratte getreten. Darauf habe ich gewartet. Ich bin laut Telefonanruf so spät dran, dass ich hoffen muss, zumindest noch die zweite Band zu sehen. Es ist sowieso Sonntag, einer der traditionell undurchsichtigsten Zeitpunkte der Woche, an dem die Volksbühne ihr Spielabschlusskonzert vor der Sommerpause gibt.

Also nochmal einen genaueren Blick auf die tote Ratte neben meinem Fuß – alle winzigen Beinchen von sich gestreckt liegt sie da wie ein Tourist auf Malle – vielleicht erleichtert dass mir meinen Einstieg in das bestimmt beklemmende Set von Esben & The Witch, auf die ich mal besonders gespant bin.

Als ich in den dunklen Raum der Volksbühne trete, ist auf den gestaffelten Sitzreihen jedoch kein Anzeichen von Schauer: Es rumpelt wie sonst nur in einer verrosteten Bau-Raupe. Muss Deerhoof sein. Bestuhlte Konzertsäle find ich sonst so atmosphärisch wie Autobahnraststätten. Hier geht’s seltsamerweise: Das Publikum geht mit, lacht, brüllt begeistert in kurze Breaks hinein. Außerdem kommt mir, so ungern ich es mir eingestehe, das Sitzen heute wirklich entgegen.

Greg Saunier, Drummer und Gründungsmitglied der Band, sitzt auf einem Podest und drischt dem Schlagzeug die Seele aus dem Leib (oder haucht ihm Seele ein). Allein in seinem Spiel auf minimalistischen Set (HiHat, Snare, Bassdrum, Tom) kann man sich verlieren. Halb Affe, halb Tom Waits, voll und ganz bei seinen Sticks, bearbeitet er es so filigran und wuchtig, dass niemand im Raum still sitzt. Saunier legt seinen Kopf noch immer schräg und nah zur Snare, um wirklich jede Nuance zu hören.

Ein Song endet mit dem Klackern seiner Sticks, die er auf den Boden fallen lässt: So sensibilsiert sind die Ohren von ihrem arythmischem, zerknickten Art-Rock, dass man die Sticks bis in die letzte Sekunde ihrer Bewegung akustisch wahrnimmt. Er ist die Hälfte der Band.

Denn da ist noch Satomi Matsuzaki, die quirlige Elfe, mit kindlich-hoher, schiefer Stimme, winzigen Fingerchen, kürzer als der Basshals breit, sie tänzelt dauerhaft im Takt von einem Bein auf das andere. Gerade versteckt sie sich hinter den Bassboxen.

Überhaupt sind Deerhoof sehr witzig. Ihre Songs zerbrechen konsequent dann, wenn man gerade einen Beat findet. Dann die vielen, seltsam artifiziellen Pausen, in denen man meint, Saunier atmen zu hören, bevor er der Band den Startschuss gibt: Wie ein Clown, der unbelehrbar oft seine rote Nase auf den Boden fallen lässt.

Ich habe noch nie so viel Gelächter auf einem Gig gehört. Das kommt von den typisch extrovertiert-respektlosen Theatertypen, die mir gerade im Vergleich zum Rest taz-lesender Kulturwissenschaftler, Rolling Stone-Abonnenten und Fashion-Week-Szenenasen sehr sympathisch erscheinen. Die sitzen intelektuell-versteinert da. Dieses Phänomen wird sich bei Espen and the Witch noch deutlich verstärken.

Highlights: The Perfect Me, das weird abgehackt vor sich hin stolpert bis zum Instrumental-Outro, in dem Matsuzaki eine grandiose Choreographie abliefert: Zum schiefen Takt zeigt sie abwechselnd auf sich, dann Richtung Süd-West-Ost-Nord, um schließlich die R’n’R-Pommesgabel zu zeigen. Und das Finale, wo wirklich alle Instrumente hinterhinken – grandios.

Esben & The Witch starten mit einem unglaublich tiefen, flatternden Electro-Bass und Nebel, der in die Leere der riesigen Bühne hinein zischt. Allein das erzeugt einen wuchtigen Druck auf meiner Brust, den man wohl als unkomfortabel, doch höchst effektvoll beschreiben muss. Dieses Gefühl zieht sich durch ihr gesamtes Set. Sie generieren weniger konkrete Bilder, vielmehr unmengen an Assoziationen. Welche davon intendiert, welche unterbewusst und welche vielleicht über-analytisch von mir sind, dafür will ich erstmal nicht garantieren. Höchst inspirierend ist es auf jeden Fall.

Frontfrau Rachel Davies kommt gekrümmt auf die Bühne, in einem samtenen Kleid. Gitarrenflächen, die eher zittern als beruhigen, enden in einer einzigen Melodie – von Davies auf einem kaputten Crash-Becken gespielt, das neben einer Floortom das einzige Rhytmuselement auf der kargen Bühne darstellt.

Weiter auf Seite --> 1 2



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: