Stilvolles Understatement


Bill Callahan, live im Lido, 11.8.2009

August 14th, 2009 | 2 Kommentare ...  

Stilvolles Understatement
Bill Callahan, live im Lido, Foto: B.Mürdter

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Bill Callahan wollte Wasser. Nachdem er mehrfach vergeblich darum bat, welches auf die Bühne zu bekommen, sagte er: „Wir nehmen auch eine Tasse Schweiß.” Den gab es reichlich im ausverkauften Lido. Er klebte zwischen den Leibern, stieg auf zur Decke und tropfte von dort wieder herunter. Der Enthusiasmus der Fans blieb ungebrochen.

Kein Wunder, hatte der US-amerikanische Singer-Songwriter mit seinem aktuellen Album „Sometimes I Wish I Were an Eagle” wieder eine gefeierte Platte vorgelegt. Mit den introvertiert erscheinenden, aber doch zugänglichen, fast poppigen Songs, ist es für viele Freunde der Indie-Musik eines der bisher schönsten Album des Jahres. Zudem hat sich der in der SXSW-Stadt Austin lebende Musiker in über 20 Jahren – lange Zeit unter dem Pseudonym „Smog” – eine treue Fangemeinde erspielt.

Wer nicht kurz mal kurz der tropischen Luftfeuchte entfliehen musste, schaute gebannt auf die Bühne und wollte sich keinen Ton, kein Wort entgehen lassen. Die Band – Geigerin, Kontrabassist, Schlagzeuger und neben Callahan ein zweiter Gitarrist – erzeugte eine kammermusikalische Atmosphäre. Alles klang ein wenig rauer und schräger als die Aufnahmen, aber doch harmonisch und nah an der Konserve. Neben den Songs aus dem aktuellen Album gab es auch ältere wie den Hit „Cold „Blooded Old Times”, der auf dem „High Fidelity”-Soundtrack zu hören war.

Die typischen repetitive Strukturen und Dissonanzen, Überbleibsel aus Callahans Anfängen als avantgardistischer Instrumental-Kassettenkünstler inspiriert von Jandek und Daniel Johnston, blieben als Distinktionsmittel zu den Myriaden anderer Singer-Songwriter im Hintergrund zu hören. Songstrukturen und die oft schwarzhumorigen, selbst reflektierenden Texte standen im Mittelpunkt, ebenso wie Chef Callahan selbst.

Seine Show war karg, ein paar Schritte auf die eine oder andere Bühnenseite, eine Kopfdrehung. Grimassen untermalten die Texte und die Emotionalität der Songs. Mit den Mitmusikern und dem Publikum interagierte er verhalten, wie nebenbei. Alles wirkte dabei natürlich, entspannt, routiniert und freundlich – bei aller Intensität in den einzelnen Liedern.

Da fuhr einem dann ein Basslauf, ein Violinenpart in den Körper, ein grooviger, tribaler Trommelrhythmus, unvermittelt, aber Teil der Chorgeografie des Songs, der einen mitnahm auf eine im besten Sinne durchgeplante Reise. Dafür gab es nach dem Ende des Klimax regelmäßig Riesenapplaus.

Im Publikum tummelten sich Mitzwanzigerinnen im Vorkriegs-Baumwollkleid und Dutt (!), gleichaltrige Herren im Bonnie Prince Billy-Look, aber auch Mitvierziger mit aus biologischen Gründen kurzgeschorenem Haar und der obligatorischen dunkel umrandeten Brille. „Das ist ja Intellektuellenmusik!” rief einer überrascht, der entweder ein Scherzkeks oder durch Zufall auf der Veranstaltung gelandet war.

Nach der Zugabe lehrte sich der Raum nur zur Hälfte – ein recht große Schar widerstand dem Bedürfnis nach frischer Luft und Kühle und forderte noch lange Minuten mit Riesengetöse Herrn Callahan auf die Bühne zurück, johlte gegen die einsetzende Rausschmeißermusik an, trampelte – vergeblich. Auch nach seinem zweitem Hit „Dress Sexy At My Funeral” war mehrfach umsonst gerufen worden. Dafür hatte sich die Fans die in dem Song transportierte Aufforderung des Sängers an seine Geliebte, sich doch bitte wenigstens zu seiner Beerdigung mal sexy anzuziehen zu Herzen genommen und es schon zum Konzert getan: das best angezogenste Publikum, dass die Autorin seit langen gesehen hat. Stilvolles Understatement, zumindest für Berliner Verhältnisse – wie die Show selbst.

www.myspace.com/toomuchtolove



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. traumcave  

    schöne review :). Gefällt mir gut. vor allem, 1) dass die Tasse Schweiß zitiert wurde lol, 2) der Hinweiß auf die stilvolle Kleidung der crowd(mich ausgenommen), die mir auch aufgefallen war.
    Hätte sich sicher auch open air gut gemacht. Viel Luft war ja im Lido nicht…Schade, dass der Sauerstoffmangel ein so schönes Konzert um ca. 21% vermießt hat!

  1. 2

    Pingback von Barbara Mürdter (popkontext) 's status on Friday, 14-Aug-09 11:17:21 UTC - Identi.ca:
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