Spoken Word im Gotteshaus


Henry Rollins in der Passionskirche, 20/5/2001

Mai 24th, 2001 | 0 Kommentare ...  

Spoken Word im Gotteshaus

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Die Vorstellung begann pünktlich um 20.30 Uhr und als wir kamen befand sich Henry Rollins schon inmitten seines aktuellen Reiseberichts irgendwo beim Angeln in Australien. Doch zunächst mussten wir folgende Gebote beachten: 35 DM Eintritt sowie Aufnahme und Fotografierverbot, was beides bei uns nicht so recht zusammenpasst. Schließlich zahlten wir den Eintritt, wir wollten uns nichts nehmen lassen, und fotografierten eher heimlich, so gut es ging.

Und es dauerte keine drei Sätze, schon war man mittendrin in den schwungvoll vorgebrachten Assoziationsketten des Godfather’s of Spoken Word, dem die Unschuld richtig runtertrieft. Beim Zwischenstop in Bangkok zum Beispiel wollte Mr. Rollins sicher keine billige Affäre mit einer 13 jährigen Prostituierten anfangen, dafür aber in den örtlichen Zoo, Äffchen gucken. Gute Vorbereitung also für den Weiterflug nach Deutschland und den Rest eines über zweieinhalb Stunden dauernden Vortrages voller Henry Rollins Power. In Deutschland nun sind (fast) alle besoffen, aber gute Musikkenner was man daran erkennt, dass das Publikum sich bei all den neuen Bands nur schwer begeistern lässt, also ziemlich zugeknöpft in den Ecken steht. Dann wiederum weiß es gute Originale zu schätzen was man daran erkennt, dass das Publikum zu solchen Originalen hingeht. Wie wir. So einfach ist das. Aber die Art und Weise seines gesprochenen Wortes macht es aus, auch wenn er mich zuweilen etwas an einen Typen namens Tom Gerhard erinnert, was nichts schlechtes ist. Das Publikum schaut zu und lacht, und ich auch.

Die Erzählung ging dann weiter über Skandinavien nach Spanien nach Los Angeles, gespickt mit kleinen Anekdoten, Rock ‘n’ Roll Klischees, ernsthaften Weisheiten und platzierte Actionlacher, provoziert durch ein kluges laut zu leise Spiel mit den Möglichkeiten eines Mikrophons, sowie netten Background Geschichten aus dem Alltag des Musikbiz, die allesamt in einen Alptraum münden. Macy Gray ist ein Alptraum, Kiss war ein Alptraum, Iron Maiden ist ein Alptraum – ja irgendwie ist alles ein Alptraum – das anstehen in Schlangen, das Telefon am letzten Tag vor der Abreise, die Taxifahrer in Takatuka Land, die Fans, die Mädchen, das Leben an sich.

Nur Slayer bringen immer ein gutes Album heraus, und das braucht man in Los Angeles zum Autofahren.

Etwas erbost schien Henry allerdings über die Tatsache dass in der Kirche BIER verkauft wurde. Seine Anspielungen an betrunkene Fans spielten geradezu zum Klang umfallender Becksbierflaschen. Dahinter steckt der Rollins der weder raucht, trinkt, ausgeht, noch womöglich Sex hat und nach der Show etwas erschöpft aus der Grotte kriecht. Mal nachgedacht wie man dieses Leben ohne durchhält, vielleicht ganz einfach: beschwör die Dämonen auf eine andere Art. Für Rollins heißt das jede Nacht vor ein paar hundert Leuten stehen und sein aus-gesprochenes Wort kultivieren. Das hält ihn durchgeknallt, jung und in Bewegung. Dann lässt sich sicher reformieren über tumbe Inländer, öden TV Shows und ätzenden Welthits. So gedacht hatten wir das uns ja auch schon, so gehört aber noch nicht.



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