Spektakel und Schläfrigkeit


Skeletons und Lucky Dragons im HAU, Berlin, 16.10.2001

Oktober 18th, 2011 | 0 Kommentare ...  

Spektakel und Schläfrigkeit

Von Benjamin Cries

Die Extreme. Sie liegen nah beieinander. Jedenfalls, wenn im HAU zwei Bands aus dem nordamerikanischen Underground aufeinander treffen, bei denen – und da zitiere ich gerne – „die kulturelle Globalisierung im Zeichen der digitalen Diaspora zu höchst eigenwilligen und innovativen künstlerischen Resultaten geführt hat.“ Ja, da sinkt die Kinnlade. Und fragt: wie war das noch mal im Mittelteil? Und warum eigentlich?

Denn dem aus Sarah Rara und Luke Fischbeck bestehende Duo LUCKY DRAGONS könnte man mit Recht vieles vorwerfen – die Idee einer digitale Diaspora würde nicht gerade nicht dazugehören, da sie ihre Soundscapes natürlich vom Laptop abrufen. Mag man mich schelten und als ewig gestrig schelten, aber der gebeugte Rücken über dem Kleinstcomputer signalisiert doch oft eine gewisse knarzende Langeweile. Und so verschmelzen LUCKY DRAGON Elektronica, Folk und Ambient Music, vertraute Alltagsgeräusche und sonstige Klänge zu einer ausgesprochen ermüdenden Form von Irgendwie-Weltmusik.

Nur wenig hilft es da weiter, dass die in  Los Angeles ansässige Gruppe gern – wie heutzutage ja auch nicht gerade selten zu erleben – die Trennung von Bühne und Publikum durchbricht und die crowd in die Performance einbindet, hier, indem Besucher Folien über einen Tisch ziehen dürfen und das Ganze über Kameras auf die Leinwand zur optischen Untermalung projiziert wird. Im Finale des Sets legt Sarah Gesangsloops übereinander. Nochmal und nochmal. Immerhin 45 Minuten dauert der Spuk, dann setzt es eine längere Umbaupause – und endlich kommt es zum Spektakel.

Nichts weniger ist von den SKELETONS zu berichten. Denn das vom Musiker und Filmregisseur Matt Mehlan gegründete Trio verfügt tatsächlich sowohl über eine Vielfalt von erfreulichen Einflüssen als auch die nötige musikalische Könnerschaft. Auf früheren Veröffentlichungen reichte das Spektrum von Pop über Free Jazz und Afro-Funk bis hin zu Momenten von Artrock und Folk. Mit ihrem aktuellen Werk »People« präsentieren die New Yorker erstmals flüssigere Songs. Live fahren sie die volle Bandbreite ihrer beachtlichen Möglichkeiten auf: vom doom-metallernen Inferno über verschachtelten Grooves bis zum freejazzigen pianissimo. Und dann wieder in die Gegenrichtung. Stille. Groove. Sachter Aufbau. Krach. Komplex, anstrengend, großartig. Hinzu kommt, dass Mehlan über eine angenehme, der eines unaufgeregten David Byrne (Talking Heads) nicht unähnliche Stimme besitzt; dies verhilft dem ja nicht ganz leicht verdaulichen Ganzen zu einer zusätzlichen bekömmlichen Note.

Das bei LUCKY DRAGONS noch rechtschaffen dahin dämmernde Publikum findet sich ganz vorne an der Bühne wieder, absolviert im Zwischenlicht eigenartige Veitstänze oder flieht entnervt nach Hause. Denn das berührt. SKELETONS: Eine wunderbare, sehr eigene Band, die allen Freunden krachiger Avantgarde hiermit ganz nah ans Herz gedrückt sein soll.



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