Speedball plus Acid


Tame Impala überzeugten mit einer enormen Farbigkeit und schickten das Publikum in tranceartige Hypnose, von Moritz Drung

Juni 22nd, 2011 | 0 Kommentare ...  

Speedball plus Acid

Von Moritz Drung

Was für eine Atmosphäre. Das letzte Licht der blauen Stunde beschert dem Hof vorm Festsaal einen effektvollen Kontrast zur gelben, ratternden Hochbahn. Die erleuchtenden U1-Fenster ziehen gleichmäßig vorbei und wecken in mir die Assoziation eines zahnlosen Gaumens (keine Ahnung warum, die Überbleibsel des Restkaters werden aber sogleich besänftigt).  Mit der enormen Menschentraube, die sich von der Skalitzer durch die gewohnt unbeeindruckten Securitys hin bis hin vor die Bühne hin legt, baut die Szenerie eine Spannung auf, die zumindest mich Großes erwarten lässt von diesem Abend.

I never thought I’d meet – SO MANY PEOPLE!

Nach vorne zu kommen ist unmöglich. Die Mischung aus drückender Hitze und schon jetzt dünner Luft gefällt mir, immer ein gutes Zeichen für Gigs. Also ab nach oben, da wird dieser Effekt verstärkt. Außerdem beginnen Tame Impala gerade und der Sound im hilflos überfüllten Raum ist zu den Außenwänden hin miserabel – drucklos, weich, verschwommen.

Oben hingegen eine super Akustik: Volles Soundspektrum, die Drums kicken, die Gitarren flirren, der Gesang verhallt im Ganzen integriert. Alles sehr differenziert, fast wie auf Platte. Mal sehen, was die vier Jungs aus Perth, West Australia damit machen. Krauty Intro, direkt in die Debüt-LP zu „Why won’t you make up your mind“ und „Solitude Is Bliss“. Kein Kick-Start: Beide Songs eiern heftig, schleppen sich dahin. Noch einige Nummern später hat man das Gefühl, die Jungs haben zu viel Respekt vor der Kraft ihrer eigenen Songs. Sie spielen unter der Geschwindigkeit; dazu verhalten, schlaff. Sie warten auf die Effekte der Refrains.

So entfaltet sich keine Psychedelic: Zäh wie ein Hubba Bubba nach Mathe in der 3A. Shit. Dann sind sie live doch zu unerfahren – wie wegen der sehr jugendlichen Lyrics befürchtet: „I would speak up/but I wouldn’t know what to say“, gehört noch zu den stärksten Zeilen. Wie ich mit dem Oberkörper über der Ballistrade in den Saal blicke, erscheint mir das erstarrte Publikum genauso enttäuscht wie ich.

Und dann spielen Tame Impala den Saal an die Wand. Mit „Desire Be Desire Go“, von Frontmann und Mastermind Kevin Parker als Party-Nummer angekündigt, kommt Schwung in Saal. Plötzlich funktioniert ihr rasanter, smoother Groove einwandfrei, die Songs bekommen ihre enorme Farbigkeit. Danach ein Kunstfrff: Der Drummer liegt rücklings hinter dem Schlagzeug. Man beginnt sich Sorgen um ihn zu machen, doch er gibt nur den Blick auf die Leinwand frei. Dort moduliert sich ein Kreis passend zu experimentellen Gitarrensounds. Der Saal lauscht gebannt. Von hier gleicht der Gig einer Hypnose.

„Jeremy’s Storm“ entfaltet den vollen Rausch der Platte, und was danach folgt, ist nichts anderes als ein gigantischer Krautrock-Jam, unglaublich progressiv und streckenweise so neuartig, dass mir das erhabene Gefühl aufsteigt: Auch der Gitarren-Rock ist noch längst nicht am Ende der Evolution angelangt!

Im Endeffekt klingen sie wie Can auf Speedball plus Acid. Natürlich bleibt mir nicht alles im Kopf, was in diesem Jam, oder was auch immer es ist, passiert. Mit Sicherheit kann ich sagen, dass allein die Jaki Liebezeit-artigen Drums und der pulsierende, stoische Bass eine Sogwirkung entfalten, die den Raum ohne auch nur ein melodisches Element bedingungslos mitreißt, schließlich ergänzt um von unzähligen Effektpedalen ausgestoßenen Geräuschfiguren. Diese Wohlklänge und der repetitive Rhythmus entfalten einen höchst befriedigenden Trance-Zustand, der jegliche innerliche Leere, die du dir an jeder virtuellen oder analogen Ecke einfangen kannst, perfekt auszufüllen vermag.

Die Menge feiert das ekstatisch. Parker bringt dem ein Lächeln entgegen, wie es nur den wirklich schüchternen Menschen aufsteigen kann.

„We love Berlin but we really don’t do the Encore-Thing“! – „Stop Talking – Play!“, schreit irgendeiner im Publikum.

Und wie sie das tun. Der letzte Song, auch unveröffentlicht, verpasst dem Festsaal einen mystischen Anstrich. Zu den oben beschriebenen Elementen gesellt sich ein Spiel, das man mit dem hippen Begriff „Negative-Space“ wohl am besten umschreibt: Drums oder Stimme fallen urplötzlich weg. Eine riesige Spannung tut sich auf, als ob sich unter dir eine Falltüre öffnet. Zwischendurch halten Bass und Drums den ganzen Saal bis zum Implodieren gespannt, Parkers Stimme leitet Explosionen ein. Quasi Pink Floyd, nur eben 2011. Atemberaubend. Ein ausgelutschtes Bild, aber wenn es so etwas einen Eargasm gibt, dann war er das heute.

Als die Musik stoppt und auf der Leinwand plötzlich keine Animationen spielen, sieht sich das verdutzte Publikum auf der Leinwand selbst. Was für eine Energie da gerade im Raum war! Sichtlich überdreht stolpere ich in den mittlerweile dunklen Hof, wo mich ein genauso überdrehtes Mädchen nach meiner Meinung zum Konzert fragt – sie schreibt auch ein Blog-Review. Genial fand ich’s, sage ich. Die müssen mehr proben, lahmer Einstieg, sagt sie. Die sind 19, sage ich, ist das nicht unglaublich? Sie weiß nicht und meint, sie will später zur VICE. Ich will ihr sagen, bitte nicht, da arbeiten doch nur orientierungslose Nihilisten, die endlich zu mystischen Großstadtzombies mutieren wollen. Das spare ich mir aber. Die Vibes von Tame Impala brauch ich noch eine Weile.

http://www.tameimpala.com



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