Sinnesfluchten und Realitätsverweigerer


Efterklang im Lido, 2.9.2008

September 12th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Sinnesfluchten und Realitätsverweigerer
Sinnesfluchten und Realitätsverweigerer, die dänische Band Efterklang im Lido, 2.9.2008 - Photo: Tanja Krokos Dorfdisco 2008

Von Philipp Brugner

Mit Efterklang war eine Band im Lido zu Gast, die sich ähnlich wie Sigur Rós oder Múm benimmt – in zweierlei Hinsicht. Erstens hat sie für sich auch eine dieser unzähligen Arten von träumerisch-sphärischer Musik lieb gewonnen und zweitens weist ihr Auftreten frappante Gleichheiten zu dem der oben genannten auf.

Da wären z.B. die Kollektivität an Beteiligten, die melancholische Stimmung und der unabdingbare, ja geradezu zwingende Einsatz von elektronischen Elementen. Nur mit Múm hapert es da ein wenig, nimmt die Band mit ihrer relativ geringen Anzahl an Mitgliedern (vier) und dem elektronischen Sound (Ambient) als ohnehin vorherrschenden Stil doch eine gewisse Ausnahmestellung ein. Die anderen beiden lassen sich aber getrost nebeneinander stellen.

Jedenfalls stellten sich an diesem Lido-Dienstag acht dänische Musiker auf die Bühne, die gekommen waren, um mit uns einen dieser „funny tuesdays“ zu begehen. Einen dieser Dienstage, wo man schon beim Aufstehen ein leichtes Kribbeln im Bauch hat und die Arbeit danach irgendwie mehr Spaß macht, als es noch letzten Dienstag der Fall war. Einen dieser Dienstage, wo einem das Wetter gleichgültig erscheint und man beim Abendessen die angenehme Vermutung hat, dass das noch nicht alles gewesen sein konnte.

War es auch nicht, kamen doch noch die Dänen Efterklang. Der Saal war dem Vollsein nahe, als Sänger Caspar Clausen mit seinen sieben Freunden loslegte. Wer träumen wollte, war nun richtig. Wer aber auch wieder aus seiner Reise in die persönlichen Untiefen aufwachen wollte, hatte schon eher Probleme. Da musste man schon fast von jemandem angerempelt, oder zumindest um Feuer gefragt werden, um nicht auf das Hingucken und –hören zu vergessen. Die elektronisch-klassisch (Geige, Klavier)-alternativ rockende Musik reichte dazu nicht aus.

Der Sound plätscherte so vor sich hin, ohne je wirklich Höhepunkte zu erreichen. Also gut, es gab immer wieder Stellen, die mit schnelleren Beats und Schlagzeugtakten unterlegt waren, niemals jedoch ausreichend. Ausreichend dafür, die Band auf eine Stufe mit eben Sigur Rós zu stellen, den Musikern, die sowohl das Einschlafen als auch das Aufwachen der Zuhörer vermögen können.

Tanja Krokos, Dorfdisco 2008

Efterklang live im Lido. Photo: Tanja Krokos, Dorfdisco 2008

Angesichts dessen verwundert es auch nicht, dass Efterklang keinen wirklich einprägsamen Song oder „Hit“ (man verzeihe mir diesen poppigen, kommerziell wunderbar verwertbaren Ausdruck) hat. Wir alle wissen, dass es in der alternativen bzw. Independent-Musikszene eigentlich gar keine Hits gibt, würden diese, alle marktwirtschaftlichen Gewinnprozesse in Gang setzenden und medienwirksam bis hin zu jedermanns Ohrwurm ausgeschlachteten Lieder doch das Aus in besagten Musikkreisen für die dafür verantwortliche Band bedeuten.

Darum lassen es die Künstler, die darauf Wert legen, „Indie“ zu sein, auch lieber bleiben mit der optimalen Gewinnspanne. Efterklang braucht das aber – wie gesagt – ohnehin nicht zu kümmern. Ihre Songs sind verspielte elektronische Stücke, denen die meiste Zeit der chorähnliche Gesang die Konturen verpasst. Das klingt dann oft ein wenig jauchzend theatralisch, worauf den Zuhörern nichts anderes übrig bleibt, als mit Melancholie zu antworten.

Manch einer pickte sich stattdessen die wenigen, sehr heiteren Momente ihres Konzertes heraus, um sodann ein bisschen Glück aufkommen zu lassen. Da wurden dann die schweren Momente des Alltags vergessen, in der Tiefe des Efterklang’schen Soundteppichs.

Bei mir stellten sich während der rund 70 Minuten keine übersinnlichen oder metaphysischen Zustände ein, ich blieb ganz bei mir selbst. Vielmehr erlaubte es mir meine realistische Betrachtung eine Band zu beurteilen, die ich auch durchaus empfehlen würde – aber zumindest die Erwartungen würde ich ein wenig dämpfen.



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: