Sedlmeir


Live im Sonic Ballroom, Köln, 8.11.2008

November 16th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Sedlmeir
Henning Sedlmeir - Live im Sonic Ballroom, 8.11.2008 Foto: Os. / Dorfdisco 2008

Von

Ich hatte letztens das Vergnügen einem bekannten englischen DJ eine Liste zuzumailen von “guten deutschen Bands oder Acts”, welche auch in England zumindest anhörbar wären. Nach längerem hin- und herdenken fand ich heraus, dass neben 1000 Robota und Mit zur Zeit nur melodramatische Frauen eine Chance hätten – und Sedlmeir!

Ja werdet ihr Euch fragen, wieso denn der? Ich kann antworten, dass Sedlmeir wenigstens ein Fünkchen (in Wirklichkeit ein Feuerwerk) an durchtriebenen Humor mitbringt, das sich nicht nur im Text, sondern auch auf der Bühne bemerkbar macht. Und werdet ihr sagen, Rocko Schamoni, Heinz Strunk usw. nee, die sind ausschließlich aufs hohle Wort fixiert meine Herren, das geht schon in Belgien nicht mehr!

Also Sedlmeir, dieser gestandene Haudegen der Entrechteten, Anwalt des reinen Rockgefühls, Showbizrealo und Kultfigur für die, an denen das Musikgeschehen schon seit den 90ern vorbeiläuft, dieser Henning Sedlmeir mit e-i, zwei CDs und einer EP in nur 5 Jahren ist eigentlich das, was für andere zB. Heribert Gröneleier ist: ein Star.

So staunte ich nicht schlecht, als ich mich selbst am Abend des 8.November zu einer der mitlerweile eher seltenen Sedlmeir Livegigs ins Sonic Ballroom (Köln) rief, wie sich dort gefühlte hundert Leute plus drängten, im Raum, an der Kasse und vor der Türe sogar, in der Kälte eine Zigarette dampfend. Ihre Augen und Herzen erzählen davon dass sie sich nicht über Nacht für eine Oasis Konzertkarte auf die Straße legen würden, oder von Gröni auch nur ein Bier ausgeben lassen.

Das Leben führt sie zu Sedlmeir, nicht weil er erschwinglicher ist, sondern weil er wie kein Zweiter das Gefühl “einer der ihren” zu sein vermittelt, wenn er in seinen Stücken den alten Traum einer dieser geil erfolgreich verkommen morbiden Rockstars zu sein besingt, und sich dabei, wie ein weggewischter Krümel von der großen, matschigen Torte namens Musikwirtschaft, als geläuterter Clown seiner Zunft wiederfindet. Ich meine, hätte irgendeiner der Anwesenden behauptet, er würde im Musikgeschäft arbeiten, er wäre ausgelacht worden!

Dazu sind ein Großteil seiner Stücke verhinderte Hits, die den Nagel auf die Spitze treffen, und dieses in einer Stammtischsprache formuliert, bei der sich die aktuelle Top Ten sprachlich von alleine auflöst:

Ich will mein schmutziges Leben führen / ich will die Arbeit nicht berühren / ich will in Saus und Braus nur leben / und mit Verbrechern mich umgeben / Ich will auf Osterhasen schießen / und die Blumen mit kochendem Wasser gießen / usw.

Henning Sedlmeir ...

Henning Sedlmeir, Foto: Os. / Dorfdisco 2008

Heute aber begann Sedlmeir sein Set mit einem neuen Song aus den geschätzten 129 neuen Songs, die er für sein neues Album schon mal fertig hat:

So viele Träume hast du schon geträumt
So viele Sex-Partner schon abgeräumt
So viel Kompliziertes kannst du versteh’n
aber Sedlmeir hast du niemals live geseh’n

Du kennst alle Prominenten von Rio bis Shanghai
und selbst bei den Chaostagen warst du dabei
hast das Establishement massiv gestört
aber Sedlmeir hast du niemals gehört.

In einem bekannten Berliner Radioprogramm namens Ken FM, dessen hastig verlesenes Podcast Intro man hier downloaden kann, wurde Sedlmeir zuletzt als schwarzes Schaf der Musikpresse vorgestellt: entweder saugeil, oder verrissen. Beides sei tödlich, heisst es da, und deswegen wissen wir auch warum Musikpresse in Deutschland als Meinungsmacher überflüssig geworden ist, allenfalls als Werbeblättchen für Schund taugt, es sei denn man bekommt das Coverfoto.

Das aber bleibt Zombie Urlaub oder Tödlich Tomte vorbehalten, bzw. jenen, die genug Cash auf den Tisch legen. Für einen wie Sedlmeir reicht es allenfalls zum engagiert Kleingedruckten im hinteren Teil, der verlogenen den finden wir ja auch geil, aber können wir nicht so prominent bringen Einstellung.

Prominent wirkt Sedlmeir daher noch immer in den kleinen Clubs und Bühnen der Republik, dort wo die Coverhelden der Wegwerfpresse längst keine Bedeutung mehr haben. Wie im Sonic Ballroom, wo sich spätestens ab null Uhr Bierpfützen auf dem Boden ausbreiten, und bis morgens noch Singles aus den goldenen Sechzigern laufen. Dort wirkt noch Elvis Power und Whitesnake Oi!, wird 15 Liter Bier getrunken und die Arschloch Tricks besungen, die einem das Leben so nett bereichert haben, wobei sich für den Refrain noch ein Typ mit auf die Bühne geschlichen hatte, der der Redaktion namentlich bekannt ist…

www.sedlmeir-rock.de



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: