Schneeregen und Konzerthusten


Sigur Rós live im Tempodrom, 13.8.2008

August 15th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Schneeregen und Konzerthusten
Jón Þór Birgisson, Sigur Rós, Photos by Tanja Krokos © Dorfdisco 2008

Von Philipp Brugner

Ich wollte Sigur Rós schon öfter mal sehen, aber es hatte bislang nie geklappt. Was mir bevorstand, ließ sich bis zum Beginn des Konzertes nicht genau definieren – Vorstellungen hat man allemal, das ist klar. Da sind gewisse Erwartungen gegenüber dem Unbekannten, mit denen sich der bevorstehende Ablauf und die eigene Zugehörigkeit besser kalkulieren lassen. So kommt es dann auch, dass alles nicht so eintritt wie gedacht und die Überraschung groß ist.

Ich bin auch überrascht worden, musste meine vorangegangene Erwartungshaltung revidieren. Es gab nicht nur was auf die Ohren (die Musik), sondern auch was aufs Auge (die Show).

Zunächst aber lauschte das bis auf den letzten Platz und darüber hinaus gefüllte Tempodrom noch andächtig dem Können von Ólafur Arnalds.

Auch aus Island kommend, hat er meiner Vorstellung insofern nicht entsprochen, dass ich keine hatte, da ich den Mann nicht kannte. Das halbstündige Set reichte aber, um für die Zukunft Konnotationen zu seinem Namen herstellen zu können. Ein matter, berührungslos scheinender Sound war es anfangs, ein mit elektronischen Elementen und rhythmischen Beats unterlegtes Klaviergetöse am Ende. “Na ja”, würde mir jetzt dazu einfallen. Vielleicht nahm er sich bei seinem Abgang auch Anleihen am Publikum, schien dieses doch während seiner Vorstellung noch alles Erdenkliche erledigen zu wollen, bevor es mit Sigur Rós dann richtig losgehen sollte.

So schnell wie der Typ aus der hinteren Reihe sein Bier geholt hatte und wieder auf seinem Platz war, war Ólafur Arnalds auch hinter dem Bühnenvorhang weggewesen. Beide hätten eine gemächlichere Gangart wählen können, dauerte der Umbau für Sigur Rós doch einige Minuten.

Eröffnet haben sie dann mit “Svefn-G-Englar”. Das konnte man durchaus vorhersehen, war es doch schon am Tag zuvor in Köln und auch beim Wiener Gastspiel der Opener.

Was dann folgte, war wie eine Schneekugel. Immer schön anzugucken, wenn man sie schüttelt. Schütteln taten sich auch die Leute: einige ihren Körper während des Konzertes, andere immer noch ihren Kopf aufgrund der hohen Preise, die für die Tickets bezahlt werden mussten.

Als zwischendurch auch mal ein Schneeregen in der Ausprägung weißer Konfetti auf die bühnennahe Zuhörerschaft niederging, war es wie dick aufgetragene Pomade. Doch ein wenig zu viel Kitsch für einen, der vielmehr der Musik wegen, denn der Aufwallung von Effekten sein Geld ausgibt – so wie mich.

Ältere Songs wie “Hoppipolla/Med” oder “Se Lest” wurden genauso vorgetragen wie jene der neuesten Platte “Með suð i´ eyrum við spilum endalaust”(=Mit einem Klingen in den Ohren spiele ich endlos weiter). Hätte sich die Band den Titel an diesem Abend zu Herzen genommen, würden sicher heute noch einige im Tempodrom sitzen.

In einigen Passagen verwoben sich Klangstrukturen und Reaktionen der Konzerbesucher in passender Weise, so dass es eine dieser Reaktionen auch wollte, dass ein Zuhörer spontan vor die Bühne lief um ein wenig zu tanzen. Den Platz, der im dort zur Verfügung stand, musste man in den Reihen lange suchen.

Frontmann Jón Þór Birgisson und seine Band waren nicht die einzigen auf der Bühne, die die Einlage bemerkt haben dürften. Ihnen zur Seite stand sowohl das Streicherquartett Amiina, als auch eine Blasmusikkapelle.

Erstere wirkten wie vier griechische Nymphen, betörend in ihren klanglichen Ausführungen. Ich hätte sie mir genauso gut auf einer einsamen Meeresinsel, ihren Gesang trällernd, vorstellen können. So aber sorgten sie neben der Stimme von Birgisson für die feineren Klänge in den Ohren der Zuhörer. Klingt irgendwie nach opernähnlichen Zuständen, das Ganze – war es aber nicht, wir sind nach wie vor beim Konzert von Sigur Rós. Ob positiv oder negativ, sei jedem selbst überlassen.

Zweite erschienen irgendwann im Laufe des Konzertes als ganz in weiß gekleidete Formation, die mit ihren Trompeten und Posaunen einen heiteren Ton mit im Gepäck hatten. Diesen haben die Isländer auf ihrem neuen Album für sich entdeckt und geben sich damit ganz a-typisch.

Das gemeinsame Werken und Wirken aller Musizierenden brachte insgesamt Klänge hervor, die durch die futuristischen Lichteffekte noch verstärkt werden sollten. Aber wie wir wissen, ist Musik Musik und Licht Licht. Kurzzeitig klang dann aber gar nichts mehr, als die Band am Höhepunkt ihres Crescendos für einige Augenblicke das Musikmachen vergaß..

An dieser Stelle hätte ich sie mir so gewünscht, diese ewige Stille, dieses Nichts an Klang. Leider blieb es aus, irgendwo war wieder eines dieser Konzerthusten zu vernehmen. War schon das “Nichts” an Klang nicht eingetreten, so war es das “Alles”: Trompeten, Posaunen, Geigen, Gitarren und allerlei anderes Musikgerät wähnten mich manchmal in einer Art Inselweltorchester, für das das Berliner Publikum an diesem Abend stellvertretend für all jene mitklatschte, die Sigur Rós für deren Musik dankbar sind.

http://www.myspace.com/sigurros | http://www.myspace.com/olafurarnalds



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