Schlangenbeschwörer


Moon Duo, Male Bonding, live im Festsaal Kreuzberg, 8.10.2011

Oktober 11th, 2011 | 0 Kommentare ...  

Schlangenbeschwörer

Von Moritz Drung

„Lets give it up for this guy who actually cares!“, schreit Male Bonding Sänger Webb, nachdem ein blonder Engländer in kurzen Hosen, oben ohne, randvoll, auf die Bühne gesprungen ist und unverständlich ins Mikro gebrüllt hat, um danach die Pommesgabel zu machen. Darauf müdes Geklatsche vom Publikum.  Nicht, dass Male Bonding schlecht sind: Aber ohne vier Liter Bier hinter der Binde sind sie heute wirklich ziemlich träge.

„Nothing will change“,  singt John Arthur Webb. Keine Ahnung, will man ihm sagen, mit der Einstellung wird es auch echt schwierig: Power Chords hinter Power Chords, kaum Riffs, kaum Spannungen, nur der hyperaktive Drummer, der gesäuselte Yo-La-Tengo-Gesang ohne Beziehung zu den noch immer dauerdröhnenden Gitarren, weder dicht und noisy genug, um interessant zu werden, noch energetisch genug gespielt, um zu kicken – ein lauwarmes Bad, irgendwie unbefriedigend.

Dann die Hypnose unter fahlem Mondlicht. Eine regelrechte Beschwörung. Kaum merklich befördern die beiden Kalifornier mich in Trance, langsam, mystisch, sorgsam. Die Stücke von „Mazes“, dem zweiten Album des Duos aus San Francisco, wurden in Berlin aufgenommen, und was Berlin heute dafür zurückbekommt, ist vielleicht auch eine Danksagung.

Eine schwarz-weiß Lightshow beginnt, strukturhaft, grafisch. Dazu ein simpel programmierter Beat, dann die treibenden Keyboards und eine raue dröhnende Gitarre, abgewetzt wie eine alte Jeans.

Mit dauerhaft geschlossenen Augen zieht Gitarrist Eric „Ripley“ Johnson den Saal in seine Welt hinein. Kleinste Veränderungen im monotonen Gitarrenspiel erzeugen riesige Effekte. Ihr radikal repetitiver Garage-Psych-Rock kommt ohne Schnörkel aus: Sie verlassen sich komplett auf die tragende Kraft der spärlichen Elemente, peitschende Riffs, tragende Synthies, schlichte Beats.
Motorcycle I love you ist eine Offenbarung. Sie reduzieren den Song live bis aufs Skelett. Für zehn Minuten nicht mehr als ein Beat, zwei Synthietöne und eine monotone, eintonale Gitarre, der in Delay zerhackte Gesang greift in die wenigen rhythmischen Lücken –wie ein Söldner, der mit einem blinkenden GPS-Gerät durch eine dunkle Wüste zieht, auf der Suche nach seinem Opfer.

Neben mir steht ein Altrocker, Mitte fünfzig, graues langes dünnes Haar, seine Erscheinung ist mir von mehreren Konzerten im Kopf geblieben. Er spielt mehrere Songs lang Luftgitarre mit mindestens genau so großer Überzeugung wie Eric „Ripley“ Johnson, der Moon Duo gemeinsam mit Keyboarderin Sanae Yamada nur als Side Project zu Wooden Shijps unterhält. Irgendwie aus der Zeit gefallen wirkt die Luftgitarre und zeigt doch: Moon Duo sprechen in all ihrem modernen Minimalismus eine allgemein verständliche Sprache.

Trotz Mangel an Überraschungen und ähnlichen Songschemen verliert das nicht an Energie: Checkt das mal, scheint Ripley zu sagen, meine in absoluter Hingabe gespielte Gitarre lässt dich tanzen wie eine Klapperschlange im Fernen Osten. Nach einer Weile fragt man sich, ob sich die Drums nicht eben gesteigert und der Synthie dicker geworden ist, oder ob man in Trance dazu fabuliert – who cares am Ende des Tages, der Effekt ist grandios.

Vor allem, nachdem ich an Oscars Pfeife gezogen habe, vielleicht die beste Entscheidung des Abends: Die grafischen Visuals lassen hinter der beiden erstreckende die würfelförmige Bühne wie ein massives schwarzes Loch erscheinen. Hierin kann man sich verlieren. Hierin sollte man sich verlieren.

Schließlich spielen sie das  Krautrock-Kraftwerk-artige When You Cut mit seiner sperrigen Synthie-Linie und der sägenden Gitarre. Ihre radikale, eigene Vision des Psychedelic Rock – die beiden machen aus dem einst so farbenprächtigen Genre eine monochrome Radierung.

Das Publikum feiert das enorm: Ein großen Grinsen kann sich keiner des sonst eher zurückhaltenden Duos verkneifen, als sie für die Zugabe zurück kommen und die Verstärker aufdrehen und zack, fahles Mondlicht, schon beginne ich wieder zu vergessen, wo ich bin und was hier passiert, der Kopf nickt, das Licht tönt, der Raum vibriert.



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: