Samavayo Soundwave


Samavayo u.a. live im Kato, 20.12.2008

Dezember 29th, 2008 | 3 Kommentare ...  

Samavayo Soundwave

Von

Oststonerrockbands, für einen Berliner Musikwisch prinzipiell unumgehbar, immer irgendwie verheissungsvoll und in der Vorstellung leicht der schweren Hinterhofmystik verhaftet, Oststonerrockbands können keine Westschülerrockbands sein, die ihren Preis/Leistungsverhältnis Musikalienhändler um die Ecke haben. Oststonerrockbands müssen sich alles schwer erarbeiten, und schleppen daher altes, schmutzig-schweres Gerät mit sich herum, auf dem sie ihren schmutzig kaputten Oststonerrockabbrennen lassen.

Samavayo diesem nicht zurechenen wäre falsch gewesen, zumindest bis zu diesem denkwüdigen 20.12., als sich die Band mit weiteren, befreundeten Bands bei ihren Fans für ihr erfolgreiches Jahr (Gewinner des Coca-Cola Soundwave Contests) live bedanken wollten. Das versprach viel. Ich stellte mir vor wie sie vorn am Bühnenrand verschwitzten Fans Club-Cola Dosen für Umme verteilen oder Amerika den Kampf ansagen. Zumindest würden die Gitarren röhren und die Bühne in ihre Einzelteile zerbrechen.

Als ich gegen 23h eintraf spielte noch eine der geladenen Bands einen nicht aushaltbaren, weil massenkompatibel gefälligen Durchschnittsrock, der “mal brachial, mal wunderlich melodiös und einfühlsam” und mit der “Stimme, die einem förmlich in den Arsch tritt” (Info) daherkommt, sprich Nirvana trifft auf Red Hot Chili Peppers, oder so. Ihr Name, Everblame, spielt vielleicht darauf an, dass sie ihre Wurzeln von Ludwigshafen an die amerikanische Westküste verlegt haben. Und als Westküstenersatzband haben sie auch schon einige Coca-Cola Preisausschreiben gewonnen, welche sie u.a. zum Rock am Ring brachte – man muss jetzt nicht lang raten wie die Bühne dazu hiess.

Samavayo, 1.5. 2007, Lausitzer Platz

Samavayo, 1.5. 2007, Lausitzer Platz

Es dauerte also noch ein Weilchen, als ich im vollgerauchten Foyer des Kato jene gut gebaute Truppe jüngerer Typen nebst 2.50 Meter Wollkleidbrünette spottete, sie wären hier auf einer Betriebsfeier gelandet und der Chef mit dem größten Werbebudget Europas liefe auch hier rum. Nun denn werden sie wohl gleich die Ohren von einer lauten Oststonerrockband vollkriegen, dachte ich, zumindest so, wie es am 1. Mai vom Bauwagen am Lausitzer Platz schallte!

Dann aber musste ich zunächst feststellen, dass sich die Band komplett neues Equipment gekauft hat, dessen neue Saiten jetzt noch eine Ewigkeit eingezogen wurden, und Sänger und Gitarrist Behrang Alavi auch in einer irgendwie merkwürdigen, schwarzen Gala-Campingweste und neuen, weissen Turnschuhen vor dem Gig auf der Bühne wie sein eigener Parallelroadie herumlief, bis er die technischen Ohrenstöpsel fand, die ihn mit dem Mixer da hinten verbanden.

Die Cola-Boys witzelten derweil über einen betrunkenen Kollegen, und das Publikum war teilweise noch zu jung um zu erkennen dass das so nicht geht, als man sich langsam anschickte erste Töne über die Anlage zu senden, ohne vorher den halbleeren Raum mit großem Dank zu belegen. Und obwohl der Startschuss so eine Art flauschige Rutsch-mich-ins-Set Partie wurde, war der neue, junge Samavayo Anhang gleich bereit die Ellebogen auszupacken und ein gebelltes “wenn du hier Fotos machst können wir nichts sehen” abzufeuern. (Yeahh, das ist eine meiner Lieblingsaussagen von Grünschnäbeln die gerade die Farbe Schwarz entdeckt haben: wenn du hier Fotos machst können wir nichts sehen! – weil ist ja kein Kinoabend hier, oder?).

Zu sehen bekamen sie während des gesamten ersten Songs über jedenfalls sowieso nur eins: Nebel. Also große Rockbühne immer dick nachgenebelt und dann von unten grün oder blau oder rot, aber kein Scheinwerferlicht, sondern LED! Also wie wenn dieser fabrikneue Sportbolide da vor dir in stockdunkler Nacht in die Eisen steigt! Meine Augen schmerzten bald von diesem Anblick und meine Kamera zeigte gleich an dass hier nur noch im Filtermodus was geht.

Weiter hinten allerdings klang die Musik gefiltert und weggemischt, so sehr, dass ich mich mal recht um zu schauen ob da noch einer Gitarre spielt. Ja, sie waren da, aber hören tat man einen ineinander gemischten Kompromiss, der so auch auf die Tschibo Weihnachtskompilation gepasst hätte. War das alles Absicht? Vor dem Mischpult standen ein paar grauhaarige Herren erhöht auf einem Podest, und nickten gefällig zu der “softesten Rockband der Welt” (Eigeninfo), dessen Sound ich mir jetzt auch gut um Dubai vorstellen kann. Clean, gefällig, harmlos.

Selbst “Wait”, das vor dem Brandenburger Tor noch einschlug wie eine iranische Ashura, klang nicht mehr als wie ein ausgebranntes Silvester Knallbonbon. Gegen Ende aber wurde es nur noch peinlich: das gute alte Rollin’ auf nicht Enden wollende Haarschwinger Länge strapaziert und unter vollem Einsatz der kompletten Lichtorgelbatterie zur Farce verbraten, mit nochmal und nochmal Gitarren hochhalten und Schlagzeuger zwischen all den LEDs wie Poltergeist die Arme aufreissend, das durfte und konnte nicht mehr wahr sein.

Übrig blieb die interessante Erfahrung was so ein Aufstieg aus dem Untergrund bedeuten kann. Jedenfalls passt es nicht mehr zu schmutzig-schweren Oststonerrockbands. Selbst das neue Logo sieht jetzt aus wie eine japanische Mokickmarke. Warum glauben so viele Bands dass dieser Weg der richtige ist?

www.samavayo.com



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Thorsten  

    Sehr geehrter Oliver,

    ich habe Ihren Beitrag gelesen und muss leider gestehen, dass mehrere Fragen in meinem Kopf herumschwirren. Vielleicht finden Sie ja, dann oder wann, Gelegenheit die eine oder andere zu beantworten.

    Wie haben Sie erkannt, dass die Turnschuhe neu waren? Ich nehme nicht an, dass noch ein Preisschild erkennbar war.

    Welchen Erkenntniswert besitzt die Aussage, dass der Sänger eine schwarze “Gala-Campingweste” trug?

    Was ist eine schwarze Gala-Campingweste?

    Wieso ist es schlimm für einen Musiker wenn er sich neues Equipment zulegt?

    Ist es dann auch für einen Fotografen schlimm wenn er sich einen neuen besseren Apparat kauft?

    Ist es menschlich bedenklich wenn ein Journalist (mit Vorbildfunktion) über andere Menschen schreibt: “(Yeahh, das ist eine meiner Lieblingsaussagen von Grünschnäbeln die gerade die Farbe Schwarz entdeckt haben: wenn du hier Fotos machst können wir nichts sehen! – weil ist ja kein Kinoabend hier, oder?).”? Eine Krux diese Vorurteile…

    Ist es, aus journalistischer Sicht, nicht fragwürdig, einer Band ihren Oststonerrock-Status abzusprechen, den sie bereits seit Anfang 2008 gar nicht mehr öffentlich führt?

    Wann hörten Sie das letzte Mal “Rollin´” live? Denn so und nicht anders wird er seit Anbeginn gespielt. Jedenfalls auf den Konzerten wo ich zugegen war. Und es wird wahrscheinlich nicht an meiner Person liegen (denn am 20.12. war ich auch da).

    Was ist an dem alten Logo (zwei Männchen, die sich an den Händen fassen) mehr Stonerrock als an dem neuen?

    Sehen Sie lieber Oliver, ich erkenne natürlich auch die Veränderungen bei Samavayo. Die Geschmäcker sind nun einmal verschieden. Die Frage ist, wie damit umgegangen wird. Ich persönlich finde das spannend. Die Veränderungen. Und wenn es mir persönlich nichts mehr gibt, dann ist dem eben so. Nichts ist lahmer als ewige Diskussionen über den “richtigen Weg”. Oft treffen Menschen aufeinander, die entweder alles gut finden ohne dafür eine Begründung zu haben, oder so dermaßen Untergrund sind, dass sie kaum noch das Tageslicht über ihren Köpfen sehen. Von persönlichen Beweggründen, musikalischer Umorientierung oder anderen Aspekten ist fast nie die Rede. Gestehen wir doch jedem mündigen Bürger einen freien Willen zu. Letztlich geht es hier auch nicht darum – über die Musik und die Show von Samavayo können wir ein anderes Mal fachsimpeln. Nur von einem Journalisten hätte ich einfach mehr erwartet. Jedenfalls von einem, der womöglich kein austauschbarer “Schreiberling” sein möchte!

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Rutsch!

  2.  
    2. grütze  

    das ist doch alles grütze in diesem “report”

  3.  
    3. Oliver  

    Ihr könnt es finden wie ihr wollt, Sache ist dass ab dem Zeitpunkt wo ich eintraf (Everblame) es sich so zutrug und auch so klang. Für Jubelartikel müsst ihr halt woanders lesen. Die Platten klingen besser. Kommentare geschlossen.

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