Kottischneuz


Sedlmeir, Live im Monarch, 16.4.2010

April 20th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Kottischneuz

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Wie oft ist man schon zu Sedlmeir gegangen und war begeistert ob seiner eloquenten, aber unseriösen Auftritte? Jedenfalls solange bis das Licht wieder anging, und einem wieder der Verdacht beschlich, dass Henning Sedlmeir immer nur in seiner eigenen Imbiss-Nische stecken bleiben wird, während andere, weit unreifere Sänger als die großen Chefköche der Popmusik durchgereicht werden. Im Monarchen aber setzte sich Sedlmeir die Krone auf und rettete einmal mehr die Seele des Rock.

Diesen Freitag trat Henning Sedlmeir bei seiner dritten Record Release Party zum neuen Album Import-Export mit einigen Musiker-Gästen auf, die Sedlmeirs kühl beobachteten Gassenhaller perfekt begleiteten, so dass man sich Tage danach noch erzählte. Wer Sedlmeir kennt, weiß dass sein Credo stets “keine Band” war, und auch noch jetzt ist. Sedlmeir bleibt sein eigener Soloentertainer. Nur holte er mit Torsten “Tracks” Glade zum ersten Mal einen Mann an die Kübel und Bleche namens Schlagzeug, der ab dem vierten Song (und neuer Single) Killing Em’ / Rock ‘n Roll die Welt Sedlmeir im perfekten Klicktrack-timing ins pochende Herz schlug: bei Rock ‘n Roll, einer Eine-Minute-und-sechs-Sekunden Rock’n’Roll-Sample-Blaupause flippte das Berliner Publikum schon komplett aus – gleich zwei mal noch wollte es das hören, so stark landete dieser Beat am Kottbusser Tor, den Sedlmeir zwischen seinen Liedern zweimal als “hier am Kottischneuz” besabbelte.

Stücke wie Schauspielerkunst, Elvis Power und den Evergreen Ich und du: CDU performte Sedlmeir noch mal alleine und wie gewohnt mit Krawatte und Jackett, das von Jahr zu Jahr anwachsende Publikum jauchzte da schon beglückt. Doch mit Drummer T. Tracks bekamen Sedlmeirs Songs eine solche Würze, die Sedlmeir’s subversiven Flow von nun an brennen liess: das T-nage Service, Schwarze Katze und besonders der Nachdenklichkeits-Blueser Ticket in die Hölle, alles von der neuen Platte, waren da schon wie längst überfällig herbeigesehnte Höhepunkte, die einem wie Wendepunkte vorkommen mussten: endlich weg von den verkopften Nischen-Schulen und hin zum unprätentiösen Leben mit dem gewissen Schuss Schmiere, das heute von niemand besser als eben Henning Sedlmeir intoniert und aufgefächert wird.

Als nach dem alten Hit Schmutziges Leben (und jetzt kommt Schmutziges Leben 2!), der längst verinnerlichten Schnulze Ich hab dich lieb (der Ring an deinem Finger sagt Nein!) und der Englischpause Mr. Brown mit Frau Müller der zweite Gast des Abends angekündigt wurde, war das Eis längst gebrochen. Mit Frau Müller im kleinen Schwarzen nahm Sedlmeir ganz eigenen Schwung auf. Beide übten sich erst ein paar Takte lang in rhythmischer Paargymnastik, bevor sie ihr Stück Hund ohne Beine vortrugen: 400 Euro für’n Hund ohne Beine – dafür aber ohne Leine – immer schlechte Laune wa – typisch für die Fischkoppland – Schwanzlutscha! Das Publikum brüllte: Müller! Müller!

Sedlmeir, Rummelsnuff (v.r.n.l.) Foto: O.schuetz

Und ging noch weiter: Unten mit dem All (langsam) hittete brutalst unter die Haut (wir sind Kundschaft hinter Gittern) und mit dann anschließenden Duett mit Rummelsnuff zu dem Stück 2 Mann sind 1 Team räumte Sedlmeir auch noch die letzten Egos ab: gab es bis dahin Rock’nRoll, Blues, Crooning, Hinweise, Tapeten und Kaugummis, schwang dieses Stück wie in Fels gemeißelt. Zwei Mann sind ein Team das zusammen hält / gemeinsam kämpfen wir gegen das Öde in der Welt — zwei Zeilen die Henning Sedlmeirs ganze Stärke zeigt, und in Rummelsnuff natürlich nicht nur den optisch passenden Partner dafür findet.

All dieses brannte Löcher ins Herz, und ich würde mich nicht wundern wenn in irgend einem zukünftigen Sedlmeir Songs so eine nachdenklich angestimmte Sprechzeile kommt mit den Worten: der eine hat’s, der andere nicht – jeder würde sofort meinen zu wissen, was damit gesagt sein will.

Links:

http://www.myspace.com/sedlmeir

http://www.sedlmeir-rock.de



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