Mitlerweile liebte ich die verschlungene Straße zurück zum Meer – da tat auch kein schlimmer Verfahrer des Taxis abbruch. Fremde Landschaften sind für jeden deutschen Straßenbahngruftie ein Erlebnis! Leider verpasste ich dadurch die türkische Punkband Rashid (hi Orkun!), und auch die Briten Brakes (Rough Trade) hätte ich gerne mal gehört.
Stattdessen ging es gleich rein in definitive Highlight des Tages: The Horrors. Ich finde es ja recht witzig dass es gerade jetzt nach Jahren der Britpopwelle der Totengräber und Abräumer zugleich kommt. Und zwar als Parallele zu 1982, als Punk und New Wave rum und verkauft war und Bands wie The Cramps, The Gun Club und natürlich The Birthday Party ihre Psyche zelebrierten. Dazu sehen The Horrors nicht nur genauso aus, sondern klingen und benehmen sich auch noch genauso lausig: mit Speed in Beinen, Junk im Kopf und einer Lage essentieller Mode drum herum.
Aber ich möchte diese Band deswegen nicht gering schätzen, im Gegenteil. The Horrors schaffen etwas das in dieser Zeit unmöglich scheint: sie parodieren nicht nur, sie sind der Alptraum der Konkurrenz. Schließlich hat diese wie aus einem Charles Dickens Roman geschnittene Band in all ihrer gespielten Kaputtheit eine Busladung mehr Sex, Zitatwelt und vor allem rohen Rock’n’Roll zu bieten als die 10te Britpop Auflage – vom Geist tötendem Deutschrock ganz zu schweigen!
Wie heisst es da: Sheena Is A Parasite? Sieh mich grinsen wenn ich an all die Ramones Kopien denke. Oder Sreamin Lord Sutch’s Jack The Ripper, Count in Fives = The Count Fives, Rotter = Rotten und insgesamt an, tja, wie Sexorzisten, nur schlimmer. Da haben The Horrors ihren Stil gefunden indem sie beweisen dass sie sich sehr gut auskennen. Folglich lohnen sich auch schon 30 Minuten Konzerte, wie zuletzt in Köln geschehen. Reicht doch, oder?

Look, I found the Light! Faris Badwan, The Horrors, Photo © Dorfdisco 2007
Als dann gegen 20h Rhys Spider Webb wie Fagin Nosferatu die große Radar Mainstage bekroch war es fast noch hell und Sänger Faris “Rotter” Badwan zunächst sichtlich erstaunt über die gut 15 Meter Entfernung zum etwa 500 Köpfe zählenden und wild aufschreiend und gestikulierenden Publikum. Über Nacht hatte man neben dem obligatorischen Sicherheitsgraben noch eine gut 10 Meter VIP-Zone für M.Manson Konzertgewinner eingebaut, die den ganzen Tag über leer stand!
Vielleicht auch deshalb freakten die Fans völlig aus als sie merkten dass sich Badwan nicht für dumm verkaufte. Nach und nach liess er was von der Bühne mitgehen, sei es einen Ventilator, Scheinwerfer, Handtuch oder auch nur Mätzchen mit der Videoanlage. Der Wahnsinn aber brach los als Faris von der Bühne runter durch 10 Security Guards in Richtung Publikum marschierte. Ich meine, ich – wir kennen das, aber was da los war entzieht sich schon meiner Beschreibung und ist mal besser als Video zu sehen:
Badwan wäre wohl durchs ganze Gelände getragen worden hätte sich nicht irgend so ein Angeber auf ihn gestürzt und zu Boden gedrückt. Zu aller Verwunderung stakste er dann später noch einmal während des Konzerts in einem am Bühnenrand gefundenen Overall und Cowboyhut unerkannt am Publikum vorbei auf die MTV Kameraplattform. Jedenfalls hatte MTV Turkey alle Mühe den Kerl überhaupt noch vor die Linse zu kriegen!
Dermaßen geläutert kam der Rest des Abends schon ziemlich unter die Räder. The Long Blondes kamen schon nicht mehr über ein angestrengtes Hüftschütteln hinaus. Was hatte man für gute Meinung über sie? Spätestens nach der Radio 1 Tagesrotation fand ich dass sie nicht mehr als eine nette Hausfrauenband in einer netten Pose sind.
Sollte Marylin Manson dann der abschließende Veitstanz werden? Die Vorkehrungen wurden verschärft. Gut 50 Fotografen drängten sich plötzlich vor den MTV Schienen im Fuzzigraben. Es dauerte und durfte nicht geraucht werden. Da war ich schon froh dass man nur 2 Stücke fotografieren durfte! Lustige Szene dann als ich das große Halsschild meines Nachbarn lese und ihm mal spontan die Hand schüttel: Hallo, du Rolling Stone ja? Ich Dorfdisco! Aber keine Reaktion. Und dann kam mein alter Freund Gökhan und verpasste mir noch so ein VIP-Bändchen für All-Over…
Anyway, als Märklin Manson’s klassische Introduktion anfing dämmerte mir dass das Ganze nur ein schlechter Witz ist. Ich meine, betrachte deren Show mal von hinten, und das ist so ziemlich was sie verdienen, dann liegt die Musik irgendwo im überschaubar unterem Erwartungsdrittel. Die Songs sind träge, faul und Mansons Stimme ein ewiges Geplärr. Dass dies beim Istanbuler Publikum durchweg mit “gehörnten Fingern” und Text mitsingen (Sweet Dreams und Tainted Love – whow!) belegt wurde – geschenkt. Hier waren noch die sogenannten “progressiven 5000″ aus 15 Millionen Metropole zugegen, und dazu war dies die Manson Premiere in der Türkei. Doch haben selbst die Schlaueren schnell gemerkt, dass Manson heiße Luft ist, eine Show aus dem Schminkkasten und so durchsichtig wie das alberne Konfetti am Schluss.
Mit meinem VIP-Band in der Nase traf ich noch Spider Web (The Horrors), drückte ihm die Hand und flüsterte ihm nie wie Marilyn Manson zu werden und überhaupt sie sollten bloss so bleiben wie sie sind, das sei viel mehr wert. Marylin übrigens liess dann keinen mehr rein, und auch die Long Blondes mussten zuerst aus dem Backstage verschwinden bevor ER sich dort herab liess.
Unterm Strich versprach Radar viel. Es wartete mit einem richtig gutem Programm auf, aber hangelte sich auch etwas kommerziell durch. CSS und The Horrors waren mehr als nur gut, sie waren toll und voll Charakter. Peter Björn and John, Beirut, The Rapture und Rashit habe ich leider verpasst, Kelis, Coco Rosie oder Juliette and the Licks haben mich nicht so interessiert. Bands wie The Fields oder jemand wie Hadouken in einem Zelt hätten statt dessen gut getan. Vielleicht das nächste Mal. Istanbul scheint immer im Aufbau und daher für Überraschungen gut.





