Pop Is Not A Crime


Ariel Pink’s Haunted Graffiti + Gelbart + mon insomnie, 20.06.2010 // Lovelite

Juni 28th, 2010 | 1 Kommentar ...  

Pop Is Not A Crime
Ariel Marcus Rosenberg a.k.a. Ariel Pink, Foto: Tanja Krokos

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Sonntag Abend war glücklicherweise nicht nur durch Fußball bestimmt. Ariel Pink war in der Stadt und das Lovelite bereits 21 Uhr gut gefüllt. Jaja, ein WM-Spiel wurde übertragen, aber die Vorfreude konzentrierte sich ganz klar auf die bevorstehende Musik und nicht auf den Spielausgang.

Den Anfang machte „mon insomnie“, ein Geheimtipp aus Polen. Was erwartet man bei einem Solomusiker um die 20, der Miley Cyrus und Cat Power als Einflüsse listet? Verschrobene Klavierstücke mit Teen-Lyrics? Man bekam atmosphärische Noisespartien zu schöner Stimme. Geloopte Gitarre zu Dreampopmelodien. Tomas Kopacek, wie mon insomnie heißt, sollte noch ganz oft in Berlin und anderswo spielen um potentielle Fans zu erreichen. Denn davon gibt es bestimmt viele – ein bisschen Elliott Smith, dazu dieser schüchterne Charme, der einem nie leidig wird und etwas düstere Laptopstimmung – hallo, das müssen doch ganz viele Menschen mögen.

Als zweites stand der Berliner Gelbart auf der Bühne. Noch nie was von ihm gehört, aber der Herr hat schon eine beachtliche Veröffentlichungsgeschichte hinter sich. Während seines Sets fühlte man sich wie in Warioland (die coolere Variante von Super Mario) mit schmissigen Gitarrenriffs als Pausenmelodie. Bleeps und breakende Beats wechselten sich mit My Sharona-Introerinnerungen ab. Begeisterung im Publikum, Gelbart machte wirklich eine Show aus seinen Maschinen und Instrumenten und kein für-sich-Gespiele und schaffte so Hintergrundmelodien für schräge Konsolenspiele, die noch erfunden werden müssen oder längst vergessen sind. Das alles ohne Posen oder einer Sekunde zu viel Gefrickel. Wird gemocht.

Perfekte Vorlage für Ariel Pink. Was sollte man erwarten bei einem Musiker, der als so vielfältig bekannt ist und das schon seit 14 Jahren? Immer zwischen den Tiefen des Noise und den Höhen des Psychpop pendelnd, mauserte sich Ariel Pink von Home Recordings in den 90ern über die Liebe, die ihm Animal Collective entgegenbrachten (2003 wurde er als erster Kollektivfremder Musiker auf dem bandeigenen Label Paw Tracks veröffentlicht) zum Liebling einer Querschnittsmenge aus Experimentalszene, Hipstern, Musiknerds und Spexleserinnen und -lesern. Auch das letztjährige Konzert im West Germany war schwer begehrt, sodass einige nur im Vorraum mitlauschen konnten.

Man hätte es bereits mit dem Debut „Doldrums“ erahnen können, Ariel Pink schien darauf in unregelmäßigen Abständen von dem Geist der Bee Gees besessen gewesen zu sein (siehe Fistelstimme bei „Among Dreams“): Über all den Einflüssen, die er in seinem Werk aufbaut, zusammenschiebt, zerschneidet und woanders hinschraubt, steht D.I.S.C.O.

Hört man auf The Doldrums noch den Glamrocker aus dem Fegefeuer singen („Good Kids Make Bad Grown-Ups“) steht er 2010 leibhaft auf der Bühne und setzt nicht ein einziges Mal seine Sonnenbrille ab. Ab jetzt gibt es keine Pause, weder für Musiker noch für Publikum. Als müsste Ariel Pink in einer Stunde einem interessierten Gönner die Quintessenz seines Werks präsentieren, rotiert er und rotiert er und rotiert er im Hall des Keyboards, im unbekümmerten Zuspiel der Gitarre. Exaltierte Ausfälle gibt es nicht, die Band gehorcht, es läuft und so läuft es fast zu glatt. Abweichungen von der Normalkurve bekommt man kaum geboten, Ariel Pink rückt selten einen Schritt von seinem Mikro ab und liefert so einfach eine gute Show. Das Publikum freut sich über funktionierende Harmoniegesänge, wie sie die Gibb Brüder nicht besser hätten hinbekommen können und Klangteppiche vom Keyboard, die nach mehr Platz im Raum verlangen, damit man sich betten kann. Wollen sich Clubs nicht mal an der Sandsackstrategie der Volksbühne versuchen? Zumindest in einer Ecke?

Wie gut, dass die Veranstalter trotz Fanepidemie, die alle 4 Jahre um sich greift, nicht zurück geschreckt sind und den Sonntag mit dieser außergewöhnlichen Band garniert haben. Um Ariel Pink’s Haunted Graffiti in die Stadt zu holen haben sich zum ersten Mal M:Soundtrack, bekannt für donnerstägliche Folk- und Indiepopperlen im Schokoladen, und das Hans Wurst zusammengetan. Wir hoffen, dass noch viele weitere Liebhaberstücke folgen.



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. barbara  

    Ich fand ja die Vorbands beide grausam. Ein gut aussehender junger Masochist, der ohne jede erkennbare Ironier irgendwann sagte, er spielt jetzt ein Cover, weil er seine eigenen Songs nicht mehr mag, und ein zweiter, der zwar vor Selbstbewußtsein strotzte, aber dessen Musik für mich vertonte ADHS war. Der beste Teil der Show war, als er ebenso hektisch sein ganzes Geraffel zusammenpackte. Naja, Geschmäcker sind unterschiedlich. Ariel Pink fand ich nicht perfekt, aber gut.