Perfekter Pop, leuchtende Augen


Jens Lekman, The Blow im Lido, 11.08.2010

August 27th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Perfekter Pop, leuchtende Augen
Jens Lekman Foto: Freundin

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Es scheint, dass in der Welt nicht mehr viele Musiker übrig sind, die mit Charme, Chorgesangfetisch und Chamberpopmelodien eine ausverkaufte Tour bestreiten können. Jens Lekman kann! Bei seinem zweiten Gastspiel im Lido ging es pompöser und herzlicher zu als beim letzten Auftritt. Damals kann das der irritierend schönen All-Girl-Backing-Band geschuldet gewesen sein, die vom eigentlichen Mittelpunkt ablenkte. Dieses Jahr brachte der Schwede noch mehr Menschen mit auf die Bühne, inklusive Blechbläserfraktion und Backgroundsängerinnen waren es sechs – eingesammelt überall auf der Welt – von New York bis Melbourne (mit Umweg über Europa).

Zuerst jedoch: The Blow. Oder besser gesagt, das, was von The Blow übrig blieb. Im Jahr 2007 verließ Jona Bechtolt die Band um sich seinem Musik/Performance-Projekt „YACHT“ zu widmen, mit dem er zuletzt zum Melt! Weekender in Berlin gastierte.

Also fällt der Harmoniegesang aus und Khaela Maricich bestreitet das Bühnenbild allein. Sie wirkt etwas verloren, wie sie vor dem Publikum im Lido steht und kein Instrument, noch nicht mal einen Laptop oder eine Triangel bei sich hat. Was tun mit den freien Händen? Zum Glück gibt es das Mikrofon! Da spricht sie allerhand rein zwischen den Konzerten. Soviel, dass es schwer fällt, ihr zu folgen und man im Kopf schon das Szenario von lautem „Parentheses! Parentheses!“-Rufen durchspielt. Sie berichtet von einer Frau, die sie zu einem Albumkonzept verleitete und für die sie Lieder geschrieben hat. Man grübelt, ob das nun ein hitzköpfiger Spontaneinfall oder ein ausgeklügeltes Spiel ist, um die Zeit zu füllen. In der Tat redet Maricich von Lindsay Lohan und behauptet, eine Kollaboration der beiden wäre geplant. Das ist natürlich eine Unwahrheit, aber dient als spannendes Performancekonzept und roter Faden. Ansonsten gibt es Samples von einem Laptop, den irgendjemand anderes bedient, was einen Hauch von Leere generiert. Doch mit ihrer Stimme macht Maricich viel wett und langweilt niemanden. Schließlich wohlverdienter Applaus.

Im Gegensatz zu seiner Vorgängerin füllt Jens Lekman mit Band die Bühne bis zum letzten Zentimeter. Was einem da alles geboten wird – Trompetensolos, Keyboardgastspiele und kurz in den Songverlauf eingeworfene Choreographien, die hunderte Augenpaare aufleuchten lassen! Was ein Charmeur, was ein Entertainer, was ein versierter Musiker, dieser Schwede! Es ist beeindruckend, wie ein Lied ins nächste führt und aus Glockenspielgeklimper Fanfaren werden. Falls doch mal eine Pause zwischen all der Musik entsteht, fehlt es Jens Lekman nicht an Geschichten zu seinen Liedern. Er berichtet davon, sich heimatlos in Australien zu fühlen und leitet das zu einem Gesangsdialog über, dessen Stimmen alle seine sind. Das unterhält sogar die Radiokartengewinner, die sonst Spaß bei Stand-Up Comedians im Fernsehen haben. Auch die Geschichte über seine Brieffreundin aus Berlin wird nie alt und man bewundert Jens Lekman dafür, wie er eben erzähltes so zu einem Lied machen kann, dass er praktisch weitererzählt und nicht einmal über eine Melodie stolpert. Er singt sich da oben auf der Bühne sein Herz aus und freut sich über jeden vom Publikum beigesteuerten Chorgesang. Manchmal fragt man sich, ist man hier im Lido oder im Fernsehabendprogramm? Doch Jens Lekman hat schon genug Kanten und kleine Abgründe um einen solche Fragen schnell wieder aus dem Kopf zu treiben.

Ein Höhepunkt: wie er und seine Band in dieser Sommernacht sein perfektes Sommerlied „A Sweet Summer’s Night on Hammer Hill“ spielen und beim Refrain ein lautes „Bom-Bom-Bom-Bom-Bom-Bom“ durch den ganzen Saal klingt. Er hat es halt raus mit dem Publikum.

Und das kommt auch in Sachen Zugaben nicht zu knapp. Nachdem ich schon mit dem Zählen der Lieder auf der Bühne aufgehört habe, die er zuletzt allein mit Akustikgitarre gibt (das Croonerstück „Pocketful Of Money“ inklusive), tritt er eine Stunde später aus dem Eingang des Lidos und bezaubert weiter, u.a. mit „You Are The Light“. Wer dann immer noch nicht genug hat, darf zur Privataudienz mit Herrn Lekman anstehen. Es entwickelt sich in der Tat sofort eine Schlange von Menschen, denen er allen die Hand schüttelt und Fragen beantwortet.

Ist das der perfekte Popstar des 21. Jahrhunderts? Ich sage ja!



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