Peaches triumphierte (2007)


Zum Berlin Festival, 27 + 28/7/2007

August 5th, 2007 | 0 Kommentare ...  

Peaches triumphierte (2007)
Mit, Berlin Festival, 27.7.07 Photos by Tanja Krokos © Dorfdisco 2007

Von Dirk Kranz

Der Freitag begann mit relativer Leere, wie das so bei Festivals ist. Der allerleerste Ort war der Kartenschalter. Schlangen dagegen vor der Gästeliste. Diese Schlange blieb übrigens bis zum späteren Abend sehr lang.

Erstes Highlight auf der Hauptbühne: Erobique, die funky Ein-Mann-Musikmaschine aus Hamburg. Ein Erobique Auftritt besteht aus Nummern, die ohne erkennbare Grenzen ineinander übergehenden, also Rave artig, aber live gespielt von einem Mann mit Synthesizern, Orgeln und Samplern, der zwischendurch verschiedenste Geschehnisse mit albernen Stehgreifreimen kommentiert.

Zwischendurch machte er auch mal den Augustus Pablo an der Melodika und glänzte mit etwas, das sich wie das gesampelte Plopp-Zisch einer Bierflasche beim öffnen anhörte. Insgesamt hätte mir mehr Saturday Night Fever und weniger House (Vade retro Satanas!) besser gefallen.

Trotzdem kams gut an so einem sonnigen Sommernachmittag, und der Sound der Hauptbühne war für Open Air Verhältnisse phantastisch. Einen Bonus hat Erobique sowieso bei solchen Veranstaltungen: Er ist spontan, echt und macht seine Sache ohne jedes Posing. Damit hat er vielen anderen Künstlern immer schon eine Menge voraus.

MySpace, eine Karaokebühne mit ekelerregend gut gelaunt plärrenden Moderatoren zur Pausenunterhaltung. Würdelos kirmeshaft und unpassend prollig. Hätte man vor 10 Jahren vielleicht noch so ähnlich bringen können. Aber das hier ist 2007! Ein guter Zeitpunkt also, Bier holen. Es wurde Pilsener Urquell angeboten, die überteuerste Brühe die ich in meinem Leben getrunken habe. Passend dazu eine inkompetente Bedienung. So stelle ich mir die Hölle vor!

Vice, hatte etwas abseits eine kleinere, ganz in schwarz gehaltene Bühne aufgebaut. Das ließ eine gesunde Punkinfusion erhoffen. Aber da Vice das einzige Punk Fanzine ist, das von einem Telefonhersteller finanziert wird, sah es dort auch aus wie eine große und laute Verkaufsveranstaltung für Telefone. Und das Programm war zum größten Teil so Punk, wie man es nur vom Punk Fanzine eines Telefonherstellers erwarten kann.

Freitag hatte Vice aber immerhin ein ganz ansehnliches Programm auf die Beine gestellt. Mit den sehr guten MIT aus Köln war das Thema Punk nur leider schon ganz am Anfang abgehakt. In den Abendstunden kamen dann Shitdisco aus Schottland, Vertreter der britischen Lesart aktuellen Gitarrenpops, die man außerhalb Großbritannien nirgends richtig zu würdigen weiß, obwohl sich hierzulande die gesamte uniformierte Mainstream Indie Musikpresse (also die gesamte Musikpresse) in Sponsoring des britischen Sounds zu übertreffen versucht.

Shitdisco, Photo Tanja Krokos © Dorfdisco 2007

Shitdisco, Photo Tanja Krokos © Dorfdisco 2007

Shitdisco, machten ihre Sache ganz gut, irgendwo zwischen härteren Franz Ferdinand und Rapture mit viel Energie, dem obligatorischen early-Gang-Of-Four-Einschlag, mit unter brutalem, aber sehr präzisem Groove und wohlklingendem Analogsynthesizer Lärm. Ich blieb, bis mir der riesige Telefon-Werbegummiball zu sehr auf die Nerven ging. Fehlten nur Solarien gebräunte Promotion Teams, die dem Publikum Handyverträge anboten. Das ganze Ambiente wirkte wie “500 Menschen sagen ja zu …”. Und um nochmal auf Punk Fanzines (Vice ist ja nur sehr bedingt eins) zurück zu kommen: Lest Horizontal Action!

Inzwischen war eine sehr ansehnliche Menge an Leuten eingetrudelt. Peter, Bjorn and John legten gerade einen coolen late 70s Style Powerpop auf die Bretter. Das Publikum kannte ihre Songs zum mitsingen auswendig und wedelten dazu mit ihren IPhones. Ganz hübsch, sympatisch und unterhaltsam, aber auch irgendwie flach genug um den darauffolgenden Hauptact nicht zu stören.

Tocotronic, hatte die Hamburger vor wenigen Jahren mal in der Markthalle gesehen und beschlossen, dass eine aufgesetztere Attitude nicht möglich ist. Das Berliner Fenster (die Lektüre des modernen Menschen unterwegs) hat zwar gemeldet, dass das neue Tocotronic Album wieder härter sein soll (härter???), aber ich habe nicht siebzehn Jahre unter Tage geschuftet und mich von Hackfleisch, rohen Zwiebeln und Fusel ernährt, um mir jetzt solche Jammerlappen anzutun.

Der Samstag mit Regen, hielt aber nicht lange an.

Als erstes spielten Jape aus Dublin. Vollbärtige jugendliche Muckertypen, die beim Spielen den Unterkiefer nach vorne schieben. Tanzbarer Rock mit Dub, Indien Exotik und Madchester. 1989 Einschlag, würde ich sagen. Auch hier war eine ordentliche Portion Post-Franz-Ferdinandismus bei, aber während Bands wie Shitdisco ihren Mainstream als Underground tarnen, sagen Jape gleich ja zum Mainstream. U2 statt Gang Of Four. Spielerische Versiertheit, lustige Texte, eine erfrischende Kürze des Sets und sehr solides, originelles Songwriting konnten den Jape Auftritt trotzdem gerade noch irgendwie retten.

Dann: Au Revoir Simone aus New York. Drei dünne Mädchen in weiten Kleidchen und mit langem, offenem Haar. “Wie aus dem Theologie Seminar gelockt” wäre ich bereit zu denken, wenn ich nicht vor einer Weile tatsächlich mal am Theologie Gebäude der HU vorbeigekommen wäre und staunend feststellen musste, dass die typischen Studentinnen dort Miniröcke, Netzstrümpfe und Iros tragen. Vom Aussehen der drei von Au Revoir Simone hätte man jedenfalls am ehesten Lofi Folk erwartet, wäre nicht vor ihnen ein imposanter und unordentlich wirkender Stapel an Synthesizern aus allen Entwicklungsepochen dieses Geräts aufgebaut gewesen. Dieser Stapel wurde bald auf absonderliche Weise von 30 dünnen Fingern bearbeitet. Dazu sangen Au Revoir Simone dreistimmig mit engelsgleichen Stimmen.

Ein Paar Xylophone hatten sie auch noch irgendwo zwischen dem ganzen anderen Kram rum liegen, was ziemlich hip zu sein scheint. Jedenfalls sah man die ansonsten doch eher selten eingesetzten Instrumente beim Berlin Festival gleich mehrmals.

The Go! Team, Photo Tanja Krokos © Dorfdisco 2007

The Go! Team, Photo Tanja Krokos © Dorfdisco 2007

In den Abendstunden das Go! Team aus England. Die großartige aktuelle Single mit ihrem unwiderstehlichen Basslauf dieser seit nun schon fast 10 Jahren zusammenspielenden Kritikerlieblinge ist gerade in den britischen Charts, und “Proof Of Youth” heißt ihr nächstes Album. Unter ein passenderes Motto als “Proof Of Youth” hätte man auch ihren Auftritt nicht stellen können. Ein Destillat aus ungestümer Energie verbunden mit atemberaubend guten, höchst eigenwilligen und sehr komplexen Songs. Eine Big Band bestehend aus hyperaktiven Gummibällen, die ständig die Instrumente tauschen und in dem furiosen Wirbel der auf der Bühne herrschte trotzdem immer im richtigen Augenblick Millimeterscharf an der richtigen Stelle waren.

Allein Sängerin Ninja (und Rapperin und Tänzerin und Vorturnerin und Entertainerin) entschädigte für alle Entbehrungen, die die vielen zweitklassigen Bands dem Publikum an beiden Tagen zugemutet hatten. Ein Adrenalin Kraftwerk und dabei zum Brüllen komisch! Bei ihrer Präsentation von internationalen Tanzstilen dachte ich, meine Lungenflügel würden kollabieren, so sehr musste ich lachen. Go! Team musikalisch kategorisieren zu wollen, ist etwa so wie einen Fisch unter Wasser festhalten zu wollen. Ich will es erst gar nicht probieren.

Auf der Vice Bühne langweilte Princess Superstar in der Umbaupause zum Abschlussauftritt. Dann war es Zeit für Peaches, die Frau in deren langem Schatten so viele Berliner Musiker der letzten Jahre stehen. Peaches lieferte in Topstimmung und purpurnem Kimono den perfekten Ausklang. Peaches triumphierte, machte die Menge verrückt und ließ dann die DJs das Kommando übernehmen.



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