Nostalica Nocturno


Nick Cave and the Bad Seeds in der Arena, 31.5.2003

Juni 2nd, 2003 | 0 Kommentare ...  

Nostalica Nocturno
Nick Cave in der Arena. Foto Dorfdisco 2003

Von

Nach der Posse um die Verlegung von der Museumsinsel in die spröde Arena hatte Nick Cave einen etwas unmutigen Stand. Bemerkenswert aber das erste Konzert ohne Bargeld an der Gitarre dafür das Gitarrenmonster James Johnston von Gallon Drunk an Keyboard und Gitarre in den Reihen der neuen Bad Seeds.

Eben noch stand Chris Bailey auf der weiten Bühne, im Gepäck so legendäre Stücke wie das ‘Stranded’, 1976 auf Anhieb Single of the Year im NME, plus Teile der drei legendären Alben mit den Saints, die in keiner echten Punkplatten Sammlung fehlen dürfen. Nichts Neues dass auch Cave damals zu ihm aufsah – eine australische Punkband mit dieser Stimme, das war mehr als nur Identifikation. Ein schlauer Zug ihn mit auf die neue Platte zu nehmen. Erstens ist Bailey erst recht Legende und zweitens gibt man sich damit sehr Weise. Doch im Publikum schien das niemand gross zu interessieren. Bailey spielte recht verloren vor einer Menge Plätzesicherern.

Um 21.15 war es schon soweit. Das Licht ging aus und damit ein Aufschrei durch die Halle. Das Set begann, wie schon am Abend zuvor, mit ‘Wonderful Life’, Nick’s neuestem Morgengebet, nur sehr viel intensiver, tragender und besser als auf der CD. Dies war der unverkennbare Unterschied. Hatte man sich gestern mehr probiert, stimmte nun die blaue Mainstream Kiste. Nick’s Stimme hielt bei dem Song am schwarzen Steinway Flügel all seine himmlischen Gedanken als gnadenloser Godot zusammen.

Anschließend tauchte man in tief-dunklem rot zu dem Bad Seeds eigenem Altamont ‘Red Right Hand’ ab und zu ‘West Country Girl’ kippte ich als braver Fotograf erst einmal ein paar teure Bargetränke. Vielleicht klang mir das danach angestimmte ‘Halleluja’ deshalb eher wie ein Liebesbrief aus der Zahnarztpraxis, auch wenn Cave damit bewies, wie man das Kirchentag’s Delirium mit Sahne betäubt. Aber Jubel. Soll übrigens Blixa Bargeld gewidmet worden sein, den man auch auf der Aftershowparty vermisste, denn, so ein Sessel ohne die Großmutter, das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig.

Chris Bailey, australischer Sänger und Nick Cave Vorbild, Foto: Dorfdisco 2003

Chris Bailey, australischer Sänger und Nick Cave Vorbild, Foto: Dorfdisco 2003

Seit den frühen, Berliner The Birthday Party Tagen, über die äusserst beeindruckenden, ersten Bad Seeds Konzerte bis zu den mehr kommerziell erfolgreichen Phasen, wuchs Cave in seiner Rolle ein grosser Songschreiber und Performer zugleich zu sein, bis zum heutigen Zeitpunkt.

Verglichen mit dem beschränkte sich Nick’s Show auf Schnörkelloses. Zwar schwang man sich bei ‘Red Right Hand’ gleich zu den ersten, ausladenden Cavey’s auf, – wisst nicht was das ist? Probiert ein grosses, nasses Badetuch gefasst trockenzuwedeln, dann seid ihr ungefähr dran, – doch verglichen mit der 90ger Bad Seeds Power (und ganz zu schweigen von der gewalttätigen, 80ger Birthday Party Nummer), scheint er bei seinen eigenen, schicksalshaften Crossroads angekommen zu sein.

Das Set wurde an diesem Abend wesentlich ruhiger vorgetragen, dafür bereitete es manchem, sowieso schon nocturnem Stück wie ‘Watching Alice’ oder das ‘Christina the Astonishing’ im gelungenem A-Moll Touch grosse, mit Pyramiden von Sorgen erfüllte Räume, die aber auch, wie hinterher erfuhr, dem neuen, knackigen PA Sound zu verdanken waren.

Das Publikum stand teilweise Arm in Arm, sich in trauter Zweisamkeit über die Zeit hinwegtröstend, den, na ja, immer schönen Lyrics von Cave lauschend, wohl wissend, dass es noch immer keinen Zweiten gibt, der so tief auszuholen vermag. Trotzdem, in seinem zurückgezogenem Workoholism läuft Nick auch leicht Gefahr zu sehr in schmalziges Gewurschtl zu kippen, etwas, das er hassen wird.

Dann ist ‘Bring it On’ wiederum so ein Stück, das einem erfahrenen Musiker vielleicht nur ein paar Mal im Leben gelingt, das alles vereint, die ganze Klasse von Nick Cave und den Bad Seeds, das alle Zombies weckt und unsterblich macht. Und als Nick bei einer seiner spärlichen Ansagen den Meister Mister Bailey ankündigt, versuche auch ich schnell wieder nach vorn zu kommen… bring it on, geht es mir durch’s Blut, all those shattered tears, Bring it On!

Dummerweise fiel danach mal wieder der Bassamp aus, was Cave in die Verlegenheit brachte, den Abend etwas lockerer zu gestalten, sprich sich eine Zigarette anzustecken. Glücklicherweise sprang Mick Harvey mit ein paar perfekten Sätzen deutsch ein. Fans sollen sich nicht wundern. Harvey ist spontaner als mancher Altar Junge. But anyway, ‘Nobody’s Baby Now’, so ein schöner Song und wie oft hat man gehört, dass man einen Song für jemanden geschrieben hat, den man am Ende selbst behält? Dieser jedenfalls sollte für Johnny Cash geschrieben worden sein, und so wurde er das, was er ist: Nobody’s Baby.

Fehlt nur, dass ‘Dead Man in my Bed’ nicht gespielt wurde, und damit eine wundervolle Chance, das Gitarrenmonster James Johnston von Gallon Drunk an der Gitarre rocken zu lassen. Auch Hairspray Akkuschrauber Blixa Bargeld hätten wir uns in Berlin netterweise auch noch einmal auf die Bühne gewünscht. Was nämlich fehlt ist die Dankbarkeit bezahlte Helden wie alternde Fussballstars gebührend zu verabschieden.

Stattdessen gab’s zur Zugabe eine kleine Anekdote über ein Gespräsch zwischen Salzkatze Gudrun Gut und Nigg, in der auf Nick’s Frage hin, welches Stück Gudrun am schlechtesten findet sie einfach mal mit ‘Rock of Gibraltar’, Nick’s Mull of Kintyre, und übrigens das erfolgreichste britische Rennpferd zur Zeit, geantwortet hat. Uh, Nick sprach das SCHEISSE auf der Bühne dreifach aus, und spielte gleich es nochmal, bevor die Leute zu ‘Baby I’m on Fire’ auch einmal I love you mässig abgehen durften. Das nächstemal vielleicht mit Feuerwerk?

P.s.:
die anschließende Aftershowparty auf der anliegenden Hoppetosse brachte ausser betrunkene Selbstzahler, die noch im liegen Autofahren, Cuban Cigar’s, Rapida Loco’s, Flying Kangaroos und anderen Gin Gangstern – nichts ein.

### Arena Setlist: ### Wonderful Life Red Right Hand (crazy new version) West Country Girl (rock-version)!!! Halleluja (for Blixa) Sad Waters Deanna Bring it on (feat. Chris Bailey // The Saints) Watching Alice Christina the Astonishing [killer version, song of the evening] The Mercy Seat Nobodys Baby Now From Her To Eternity Henry Lee (new rock-version) — He Wants You Ship Song Do you Love me? —- Rock of Gibraltar Babe I´m on Fire



Kommentare sind geschlossen.