Nobodys Got No Bizness


New York Dolls, live im C-Club, 25.4.2010

April 29th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Nobodys Got No Bizness
New York Dolls: Steve Conte (git), Brian Delaney (dr), David Johansen (voc), Sylvain Sylvain (git), Foto: Robert Carrithers

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„Ich sah die Zukunft des Rock’n’Roll“, schrieb ein Journalist einst als er die New York Dolls 1970 im New Yorker Mercer Arts Center sah. Er sollte insofern Recht behalten, als dass fünf Puppen der darauffolgenden Glam- und Punkbewegung entscheidenden Vorschub leistete. Am Sonntag spielten die noch lebenden Mitglieder Sylvain Sylvain und David Johansen mit ihrer aktuellen Besetzung im Berliner C-Club.

Als d i e New York Dolls zum dritten Mal seit ihrer Wiederbelebung im Berliner C-Club die Bühne betraten, standen die Zeichen erst einmal auf Halbmast: wieder wenig Publikum für einen solchen Klassiker. Der frühere Columbia-Club war noch zur Hälfte mit schwarzen Flies abgehängt, als hätte man es schon kommen sehen. Irgendwer meint, dass die Band fehlende Werbung beklagt, beim Blick auf die Monatsposter jedenfalls las man Kiss und Jeanette anstelle von den New York Dolls. Auch sonst wusste kaum jemand, dass sie mal wieder in Berlin spielten…, fast wie das letzte Mal, als sie in den Sage Club gebucht wurden. Dort soll die Stimmung aber gut gewesen sein, so wie 2006, als sie im White Trash einen großen Abend feierten.

Als Vorgruppe kamen ex-Legendary Golden Vampire und ex-Swans Gitarrist sowie Übersetzer (u. a. John Peel “Die Memoiren”) Kristof Hahn mit seinen Les Hommes Sauvages zu einem solide, Laid-Back-Set. Hahn erzählt gerade was service-orientierten Musikern, und dass die aktuelle Zensur von South Park eine Schande der westlichen Zivilisation sei.

Alles Gedenken aber ist weg als die Band des Abends die Bühne betritt. “Unsere größten Hits (neben den Alben) waren unsere Klamotten und der Lebensstil”, sagte New York Dolls Gitarrist Sylvain Sylvian einmal, und auch heute Abend klebte wieder ein Hauch von Glam auf der Bühne. Die ersten Blicke fallen auf Sylvain Sylvains goldene Fullbody Gitarre, dann auf David Johansens Gestalt, Jeans, Frisur, Gesicht. Wenn der Rock’n’Roll drei Gesichter hat, dann die von Mick Jagger, Iggy Pop und eben David Johansen denke ich, wobei Johansen allein für die Frisur  nach Jagger kommt als nach Iggy, als wäre er aus versehen bei einem Damenschneider gelandet. Die Furchen um den Mund, das breite Grinsen und die funkelnden Augen in diesem langsam zuckenden Fischgrätenkörper tun noch immer ihr übriges.

Musikalisch hatte die Dolls zudem ihr jetzt viertes Studioalbum im Gepäck. Auf Cause I Sez So klingen die Dolls gereifter denn je, beweisen dass sie immer noch ein gekonntes Songwriting an den Tag legen, und selbst Ausflüge in Soul und Reggae unternehmen. Dass es Live keine größeren Überraschungen geben wird, war vorher klar. Vielleicht eine Ansage zu Malcolm McLaren, dem sie letzte Woche in London noch ein Stück gewidmet hatten? Egal. ARE YOU READY TO DANCE? lautete hier die Ansage und mit Personality Crisis, Coz I Sez So und We’re All In Love stürmten gleich mal drei Songs aus 40 Jahren vorne weg, gefolgt von einem strammen Set gesättigter Dolls Klassiker, inklusive Hey, Bo Diddley von, du sagst es, Bo Diddley, zur Verbeugung vor einem ihrer Alle-Zeiten-Vorbilder.

Sylvain, das musikalische Pattex der Band schmeißt und schnappt sich derweil seine Pleks aus der Luft, und Johansen plärrt die Texte mit altem Verve, dass der Kopf einem zum Blumentopf wird. Dazu diese Haltung, die als metropolitische Ur-Lässigkeit durchgeht, ohne jemals verächtlich zu wirken. Eine beiläufige Handbewegung reicht, um die ganze Einstellung auszudrücken. Dazu Punishing World, und bei Dance like A Monkey hüpft das Publikum wie lobotomierte Muppetpuppen … zum Teil, weil die hinteren Reihen noch immer wie angewurzelt stehen. Zum Glück versucht die Band diese noch zu erreichen, fordert sie auf einmal mehr zurück zu geben, was dann auch befolgt wird.

Überhaupt scheint das Publikum hier wie die Miniaturausgabe eines Rolling Stones Konzerts zu sein: Ein paar in die Jahre gekommene Rocker mit Ramones Haarschnitt und an einer Hand abzählbare Jungfans, die sich in bunte Schale geschmissen haben verlieren sich zwischen der Mehrheit sonstiger Exsistenzen. Schönhauser Allee Typen, die sich mit dem Sound und einer von den Dolls abgeschauter Attitude schmücken, sind nicht darunter.

Und zu Nobodys Got No Bizness (like the New York Dolls) redet Johansen von der Bühne, die New York Dolls seien auf jeden Fall besser als Big Brother, oder war es Facebook?

Nobody got no bizness

Bizness like we do

Come on baby, won’t you watch our style

It’s kickin’ like a mule

Who’s got the noise

When you gotta move

Gotta be a rock and roll band

That’s really in the groove

Irgendwann hat sich Sylvain auf einem der Boxen am Bühnenrand bequem gemacht, als sich Johansen dazu gesellt. Wie zwei alte Freunde auf einem Ausflug sehen sie aus, während Johansen Sylvains Spiel amüsiert zuschaut. Überhaupt, Sylvain und Johansen haben so ein Ding am laufen: Wenn das Publikum schon fern guckt, verliert Johansen schnell mal die Lust und überlässt Sylvain das Feld, dass er mit seiner Show füllt: ob wir Pillen bräuchten?

Am Ende hat die Band eine ordentliche Stunde zwanzig Gas gegeben. Jet Boy (This’s the kinda place where no one cares / What your livin for / And Jet Boys so preoccupied / He don’t care ’bout before) wird, wie die eine oder andere Nummer auch, mal eben aus den Angeln gehoben und mit einem neuen, verlängerten Gitarrensoli versehen. Johansen klatscht noch einmal den Rhythmus und hämmert noch einmal die Texte ins Mikro: Jet Boys fly / Jet Boys gone / Jet Boy stole my baby / Flyin around New York City so high / Like he was my baby – und Sylvain versucht es vom Bühnenrand noch einmal mit großer Geste das Publikum zu animieren. Dieses ist dann doch noch warm geworden und feiert die Band lautstark ab.

Bleibt die Frage ob die Zeit die Dolls überlebt hat, oder Dolls die Zeit. Verglichen an dem, was sich seit den Siebzigern alles entwickelt hat, sind sie sicherlich alt. Dennoch bewahren die New Yorker Rock’n’Roll-Erneuerer und Proto-Punks noch heute diesen Sound samt Vibe in ihrer besten Form, und verbreiten genügend Energie, Witz und Spielfreude um ihre eigene Legende durchaus berechtigt auf neuzeitliche Bühnen zu bringen. Wer das im Auge behält wird heute noch seinen besten Spaß mit den New Yorkern haben, nur darum ging’s.

LINKS:

http://www.myspace.com/newyorkdolls

„Ich sah die Zukunft des Rock’n’Roll“, schrieb ein Journalist einst als er die New York Dolls 1970 im New Yorker Mercer Arts Center sah. Er sollte insofern Recht behalten, als dass fünf Puppen der darauffolgenden Punk- und Glambewegung entscheidenden Vorschub leistete. Am Sonntag spielten die noch lebenden Mitglieder Sylvain und Johansen mit ihrer letzten Besetzung im Berliner C-Club. Eine Beobachtung von Oliver Shunt.

Als die New York Dolls, ja d i e New York Dolls, die hipste Legende des Rock’n’Roll das dritte Mal seit ihrer eigentlich nur als sensationell gefühlten Wiederbelebung im Jahre 2006 im C-Club die Berliner Bühne betraten, standen die Zeichen schon auf Halbmast: wieder zu wenig Publikum für einen solchen Klassiker. Der frühere Columbia-Club neben der Columbiahalle war zur Hälfte mit schwarzen Flies abgehängt, man hatte es schon kommen sehen. Irgendwer erzählt, dass die Band fehlende Werbung beklagte, beim Blick auf die Veranstalterposter las man Kiss und Jeanette anstelle von New York Dolls. Auch sonst wusste kaum jemand, dass sie diesen Sonntag in Berlin spielten, fast so wie das letzte Mal, als sie in den Sage Club gebucht wurden. Dort soll die Stimmung aber gut gewesen sein, so wie 2006, als sie im White Trash einen großen Abend feierten.

Als Vorgruppe spielt ex-Legendary Golden Vampire und ex-Swans Gitarrist sowie Übersetzer (u. a. John Peel “Die Memoiren”) Kristof Hahn mit seinen Les Hommes Sauvages sein solides Laid-Back-Set, erzählt was service-orientierten Musikern, und dass die aktuelle Zensur von South Park eine Schande der westlichen Zivilisation sei. Wer hätte gedacht dass Hahn überhaupt TV guckt?

Alle Gedanken aber sind weggefegt als die Band des Abends die Bühne betritt. Unsere größten Hits (neben den Alben) waren unsere Klamotten und der Lebensstil, sagte New York Dolls Gitarrist Sylvain Sylvian einmal, und auch heute Abend wehte wieder ein Hauch von Glam von der Bühne. Die ersten Blicke fallen auf Sylvain Sylvains goldene Fullbody Gitarre, dann auf David Johansens Gestalt, Jeans, Frisur, Gesicht. Wenn der Rock’n’Roll drei Gesichter hat, dann die von Mick Jagger, Iggy Pop und eben David Johansen, wobei Johansen eher nach Jagger kommt als nach Iggy. Allein die Frisur, als wäre er aus versehen bei einem Damenschneider gelandet, spricht Bände. Die Furchen um den Mund, das breite Grinsen und die funkelnden Augen in diesem langsam zuckenden Fischgrätenkörper sowieso.

Are You Ready To Dance?

Musikalisch hatte die Band ihr zweites Studioalbum nach ihrer Wiedervereinigung im Gepäck. Auf Cause I Sez So klingen die Dolls gereifter denn je, beweisen dass sie immer noch ein gekonntes Songwriting an den Tag legen, und selbst Ausflüge in Soul und Reggae unternehmen. Nur dass es Live keine großen Überraschungen geben wird, war vorher klar. Vielleicht eine Ansage zu Malcolm McLaren, dem sie letzte Woche in London noch ein Stück gewidmet hatten, und sogar bei der Beerdigung gesehen wurden, egal. Are you ready to dance? lautete hier die Ansage und mit Personality Crisis, Coz I Sez So, Were All In Love stürmten gleich mal drei Songs aus 40 Jahren vorne weg, gefolgt von einem strammen Set gesättigter Dolls Klassiker, inklusive Bo Diddley von, ihr sagt es, Bo Diddley, als fetzige Verbeugung vor einem ihrer Allzeit Vorbilder.

Sylvain, das musikalische Bindeglied der Band schmeißt und schnappt sich seine Pleks aus der Luft, und Johansen plärrt die Texte mit einem Verve, dass einem der Kopf schmilzt. Dazu diese Haltung, die als Blaupause metropolitischer Ur-Lässigkeit durchgehen, ohne verächtlich zu wirken. Eine beiläufige Handbewegung reicht, um ein ganzes Rock’n’Roll Leben auszudrücken. Mittlerweile reitet die Band durch Punishing World, und bei Dance like A Monkey hüpft das Publikum wie lobotomierte Muppetpuppen – nuja, zum Teil, weil die hinteren Reihen doch eher wie angewurzelt stehen und glotzen. Dieses versucht die Band zu erreichen, fordert sie auf einmal mehr zurück zu geben, was dann auch mal lauter befolgt wird.

Überhaupt scheint das Publikum hier wie die Miniaturausgabe eines Rolling Stones Konzerts zu sein: Ein paar in die Jahre gekommene Rocker mit Ramones Haarschnitt und an einer Hand abzählbare Jungfans, die sich in bunte Schale geschmissen haben verlieren sich zwischen der Mehrheit sonstiger Exsistenzen. Schönhauser Allee Typen, die sich mit dem Sound und einer von den Dolls abgeschauter Attitude schmücken, sind nicht darunter. Unter diesen Eindrücken konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren, dass dies das für lange Zeit letzte Mal gewesen sein könnte, dass die New York Dolls in Berlin auftreten. Wer sollte es ihnen verdenken wenn sich nicht mehr blicken lassen?

Zu Nobodys got no Bizness (like the New York Dolls) flachst Johansen von der Bühne, die New York Dolls seien auf jeden Fall besser als Big Brother, er meint wohl Facebook:

Nobody got no bizness
Bizness like we do
Come on baby, won’t you watch our style
It’s kickin’ like a mule
Who’s got the noise
When you gotta move
Gotta be a rock and roll band
That’s really in the groove

Mittlerweile hat sich Sylvain auf einem der Boxen am Bühnenrand bequem gemacht, und Johansen sich dazu gesellt. Wie zwei alte Freunde auf einem Ausflug sehen sie aus, während Johansen Sylvains Spiel amüsiert zuschaut. Überhaupt, Sylvain und Johansen haben so ein Ding am laufen. Wenn das Publikum schon fern guckt, verliert Johansen schnell mal die Lust und überlässt Sylvain das Feld, dass er mit großer Show füllt: ob wir Pillen bräuchten?

Am Schluss hat die Band eine ordentliche Stunde zwanzig Gas gegeben. Jet Boy (This’s the kinda place where no one cares / What your livin for / And Jet Boys so preoccupied / He don’t care ’bout before) wird, wie die eine oder andere Nummer auch, mal eben aus den Angeln gehoben und mit einem neuen, verlängerten Gitarrensoli versehen. Johansen klatscht noch einmal den Rhythmus und hämmert noch einmal die Texte ins Mikro: Jet Boys fly / Jet Boys gone / Jet Boy stole my baby / Flyin around New York City so high / Like he was my baby – und Sylvain versucht es noch mal mit großer Geste, das Publikum zu animieren. Dieses ist dann doch noch warm geworden und feiert die Band etwas lauter ab.

Bleibt die Frage ob die Zeit die Dolls überlebt hat, oder die Dolls die Zeit. Verglichen an dem, was sich seit den Siebzigern alles entwickelt hat, sind sie sicherlich alt. Dennoch bewahren die New Yorker Rock’n’Roll-Erneuerer und Proto-Punks noch heute diesen Sound samt Vibe in ihrer besten Form, und verbreiten noch genügend Energie, Witz und Spielfreude um ihre eigene Legende durchaus berechtigt auf neuzeitliche Bühnen zu bringen. Wer das im Auge behält wird heute noch einen Riesenspaß mit den New Yorkern haben, und darum ging’s.

http://www.myspace.com/newyorkdolls



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