Nicht alle haben es geblickt.


Das Bierbeben – Record Release Party im Festsaal Kreuzberg am 08.05.2009

Mai 16th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Nicht alle haben es geblickt.

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Endlich mal wieder ein vernünftiger Anlass um in den Festsaal Kreuzberg zu gehen. Shitkatapult lud ein zur Record Release Party des neuen, selbst betitelten Studioalbums von Das Bierbeben. Mit ihrem dritten Wurf ist dem Quartett um Julia Wilton das ganz große Ding des Jahres gelungen.

Eine so beklemmend euphorische Abrechnung mit der deutschen Realität und Echtzeit wird man auf einem Tonträger so schnell nicht wieder finden. Mit ihren unverblümten und schamlos offenherzigen Anleihen an die goldene Epoche der Achtziger zur Hochzeit von EA80 und Abwärts setzen sie sich genau auf jene viel zu leeren Bänke der hiesigen Musiklandschaft, welche ausnahmsweise mal nicht an der Schnittstelle von dämlicher Betroffenheitslyrik und Fremdscham-Attacken auslösendem Ringen um ein klein wenig Internationalität stehen. Eine Band wie ein Schlag in die Fresse der Peter Lichts, Foxes und Tomtes, diesem merkwürdig dauerpräsenten Einheitsbrei auf einem ausgeleierten Mixtape zur Dauerbeschallung all der ewig um den schon kochenden Brei herumpalavernden Studenten-WGs irgendwo in der neuen, alten Mitte.

Um so gespannter war ich auf die Live Umsetzung dieses Gesamtkunstwerks. Angesetzt war der Sturm im Bierglas für 0 Uhr 30. Das mutet für einen Live Gig ja erst mal spät an. Angesichts der Tatsache anschließend noch einige Shitkatapult Djs (T.Raumschmiere, Daniel Meteo, DJ Flush) auf dem Programm zu haben und die Nacht somit vorausschauend lange zu planen machte das jedoch durchaus Sinn.

Nach kurzem Geplänkel nehmen die Protagonisten ihre Positionen ein und eröffnen mit Dunkle Tage, dem Opener ihres aktuellen Albums. Der Song verspricht eine schnelle und heftige Reise hinein in einen Tunnel, in dem für die nächsten neunzig Minuten keine Begrenzungspfähle mehr sichtbar sein dürften. Leider kann dieses schaurig-schöne Versprechen nicht voll eingelöst werden. Neue Songs wechseln sich mit dem älteren Material ab und können ihre Wucht nicht ganz entfalten.

Zum Teil liegt das sicher an dem emotionsresistenten, bewegungsfaulen Publikum, welches sich heute Abend einmal mehr in der bloßen Gaffer Pose gefällt. Das andere Manko ist Julia Wiltons mangelnde Kaltschnäuzigkeit und sichtliche Bemühung, das richtige Maß an Interaktion zwischen Band und fast restlos lethargischem Publikum herzustellen. Songs vom Kaliber eines Wie ein Vogel sind Statement genug und bedürfen keiner Ankündigungen, Kommentare oder gar Rechtfertigungen. Die Bühne bleibt über den gesamten Gig in diffuses Licht getaucht und man wird das Gefühl nicht los, dass diese Band im reinen Clubkontext spürbar besser aufgehoben wäre. Im Festsaal Kreuzberg mit seiner unweigerlichen Konzertatmosphäre mag der Funke nicht so wirklich zünden.

Eine elektronische Reminiszenz an die folgerichtige Vereinigung der Ton Steine Scherben mit Slime, wie es Mach deinen Fernseher kaputt nun mal ist, sollte in schweißtreibender Agit-Pop Wut münden und nicht bloß in runter geklappten Kinnschubladen der sichtbar Intro-Magazin affinen Anwesenden resultieren. Aber gut, deren Problem mit aktuellen, aggressiven Rockproduktionen ist ja hinlänglich bekannt.

Alles was auf Platte wunderbar respektlos und provokant daher kommt wirkt heute Nacht im Festsaal Kreuzberg gemütlich und fast ein wenig spießig. Ich hatte den Eindruck nicht viel mehr als einer öffentlichen Bandprobe bei zu wohnen. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Band mit zunehmender Live-Präsenz im Laufe des Jahres an Elan und Spielfreudigkeit gewinnen wird. Das Potential als auch die Wut ist mehr als da. Deshalb rate ich, die Band auf einem ihrer anstehenden Konzerte im weiteren Verlauf des Jahres zu besuchen. Je später, desto besser.

www.bierbeben.de



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