Mit Joint am See, neben Kita-Gruppe


Vetiver im Postbahnhof, 14.6.2011

Juni 18th, 2011 | 0 Kommentare ...  

Mit Joint am See, neben Kita-Gruppe

Von Moritz Drung

Eins wird mir heute bewusst mit guten Gigs. Entweder sie verteilen Kicks, oder aber sie tätscheln dir den Kopf. Bei Vetiver klare Sache: Streicheleinheiten. Sunshine State, San Francisco, Veranda mit Schaukelstuhl und Blick über die Stadt bis auf den Pazifik – so ungefähr lebt die Clique um Frontmann Andy Cabic. Wenn man wie ich den ganzen Tag aus einem undefinierbaren Grund aufgekratzt ist, wie einem das wiederum wahrscheinlich hauptsächlich im postmodernen Berlin passiert, passt so ein Gig bestens.

„We got a new album, out yesterday or tomorrow“, eröffnet Cabic plus Band mit „Hard To Break“, einer der seichtesten Nummern von „The Errant Charm“, ihrem mittlerweile fünften Studioalbum. Ein klassischer Vetiver-Besänftigungssong, in dem man Zuflucht findet, wenn man sie denn sucht. Hallelujah.

Wie ein seichter Sommerwind führen sie das Album vor, mit Ausnahme von „Streets Of Your Town“ der Go-Betweens: Ein echter Smash-Hit, ohne große Eigeninterpretation gecovert. Im älteren „Rolling Sea“ spielt der Bass lässig in die Lücken, die die drucklosen, naturbelassenen Gitarren aufmachen, und man beginnt die Philosophie hinter Vetiver zu verstehen: Zurückhaltung.

Erstaunlich, wie sie sehr sich zugunsten der kontemplativen Weite der Musik bändigen können, um dann in einer winzigen Solo-Melodie die Wärme zu verteilen, die man so wohl nur in Kalifornien aufnehmen kann.

Und gerade als sich die Lockerheit bei mir setzt, versuchen Vetiver, schlimmer Ausdruck für eine schlimme Attitüde, „zu rocken“. „Sister“ will tanzbar sein, doch da ist kein Druck, keine Intensität, da ist nur die heiße Kalifornische Mittagssonne. Und tanzen will man darunter nicht. Genau wie „Can’t You Tell“ – ein hüpfender, fast clubbiger Beat, dazu funky Gitarren, den eher lommeligen Musikern, die vor Gigs garantiert gerne einen dicken Blunt wegstecken, liegt das einfach nicht.

Das ist das kleine Dilemma mit Vetiver heute Abend. Die getragenen Songs, unaufgeregt und down-Tempo, für die sie im Umfeld von Devendra Banhart groß und gefeiert wurden, wirken beruhigend wie ein Tag am See. In den schnellen Songs aber findet man keine Kicks, weder in der Stimme, noch in den Gitarren, noch im Drumming, noch in der großen Brille der süßen Keyboarderin. Und die Arrangements sind so transparent, es riecht verschwitzt wie im Classic Rock Café.

Wieso bleiben sie nicht auf Konzertlänge ruhig, ihre Kumpels von Beach House? So ist das schließlich auch mit Tagen am See: Am liebsten dort pennen und erst am nächsten Morgen zurück. Sollten die nach der robustesten Grasssorte benannten Naturburschen doch wissen – vielleicht haben sie es über ein paar Bongköpfchen vergessen.

Aber: Nicht ganz so wild. „You May Be Blue“ fliegt flirrend wie eine Fledermaus durch den viel zu brav eingerichteten Postbahnhof, so dass dieser sich scheinbar verdunkelt: Zerhacktes Jazz-Intro mit fließendem Übergang in einen Doors-Opener, Pianogeklimper über kalten Gitarrenflächen, nur um aus dieser wilden Psych-Wiese zu einem stampfenden Roadtrip zu werden. Wie eine Sommernacht auf einem verfallenem Friedhof, den man schon als Kind mehr cool denn gruselig fand. Das wird so sehr gefeiert, dass Vetiver zwei mal auf die Bühne zurück müssen. Im allerletzten „The Swimming Song“ hebt Cabic sogar die Stimme und füllt so erstmals den ganzen Raum.

Vielleicht ist die Berliner Aufgekratztheit auf ihn übergegangen, die ich davor so gespürt habe. Ein fairer Tausch wär’s.

http://www.myspace.com/vetiverse



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