Manische Attacke


Berlin Insane 3 mit Mignon, Thom Revolver, Sexo y Droga, The Scandals, Kesseteens, The Nothings u.a. im 103 Club/Kreuzberg

Oktober 14th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Manische Attacke
Mignon bei Berlin Insane, Photo by AC Horn, © Dorfdisco 2005

Von AC Horn

Das Berlin Insane ging in die dritte Runde, und sollte nach der letztjährigen Übernehmung an zu vielen Locations programmtechnisch auf einen Club konzentriert werden. Laut Vorabinformationen von Veranstalter Steve Morell sollte es nicht nur ein fulminantes musikalisches Line-up geben, sondern auch jede Menge Schwule, die darauf scharf sind, einem in den Arsch zu ficken. Das Promo zur erschienen Doppel-CD fiel mir schon auf einer exzessiven Privatparty in die Hände, klang sehr vielversprechend, und ist mit etwa 40 verschiedenen Acts nur als megamanisch zu bezeichnen. Guter Dinge und in entsprechender Partylaune bewegte man sich also ins 103, einem schicken Club in Kreuzberg, der etwas mehr an Stuttgart denn an Berlin erinnert. Nichtsdestotrotz wartet der Laden mit einem ansehnlichen Programm auf, und die harten Drinks sind etwa so teuer wie das Pilsener Urquell, das dort erhältlich ist.

Nach kurzer Warmtrinkphase waren auch schon die Kessen Teens am Start, welche gerade eine hörbare 12″ veröffentlicht haben, die ich bereits Wochen zuvor ohne Diskussion direkt von der superattraktiven Sängerin erstanden hatte. Rein optisch eine recht ansehnliche Band (mit sexy Aufsteckohren), wobei sich Frontchanteuse Nicole meist etwas schüchtern hinter dem Mikro versteckt.

Um die Stimmung in Schwung zu bringen, gab es zwischen den Bands reisserische Ansagen der schwarze Tunte Krylon Superstar, wobei es mir besonders die extrem toupierten Haare angetan hatten: Eine Party lebt eben von den Details. Inzwischen war der Club mit mehreren hundert Gästen gut gefüllt, die sich auf den zwei Etagen des 103 herumdrängten. Meine nächste Station war Sexo y Droga, welche einwandfreien Noiserock mit zwei Sängern darboten, so daß ich mich sofort in die erste Reihe bewegte, und in metallurgische Kopfnickroutine geriet. Live zwar ganz gut, kann ihr Song “Hot Hot Woman” auf der BI III Compilation leider nicht ganz an alte Amphetamine Reptile Klassiker aufschliessen, was wohl an der Produktion und dem klischeebehafteten Text liegen könnte.

Im Anschluß gleich noch die white Trasher von den Nothings, deren etwas unpointierter Punkrock ganz gut rüberkam; besonders Sänger Lobotomy´s repetitiver Gesangesmarathon “I´m a lowdown man” hatte eine gewisse Dynamik. Aber generell ist mehr Potential vorhanden, als präsentiert wird. Gitarrist Fearless Bob versuchte mir gegenüber mit dem Understatement wir-haben-nur-dreimal-geprobt tiefzustapeln, obwohl er so einiges auf dem Kasten hat, und Wolfgang Sinhart kann einen lostrommeln, daß einem hören und sehen vergeht (wenn er will, oder Frauen beeindrucken kann). Gleichzeitig spielte im anderen Raum schon das exzentrische Heavy Metal Chick “Miss Mignon”. Mit Musik vom Band und nur mit Mikro bewaffnet, rockte Mignon mal wieder einen in Bestform vor, und wurde showmässig von einer weiteren Performerin mit Kunstblut, Girlwrestling und anderen Feinsinnigkeiten unterstützt. Nach Mignon war ich so auf Blood eingeschworen, daß ich als Neo-Vampir die Freundin des Chefredakteurs in die Schulter biss, was mir eine Verwarnung von eben diesem einbrachte. Vielleicht sollte ich ja besser als FX-Experte bei Mignon einsteigen.

Thom Revolver, Photo © Dorfdisco 2005

Thom Revolver, Photo © Dorfdisco 2005

Gleich darauf gings auf dem anderen Stage mit dem allerletzten Gig von Thom Revolver weiter, die sich nach einer exorbitanten Bühnenorgie als Band für immer verabschiedeten. Deren größter Fan, Dorfdiscomacher Shuntrock, wurde sogar kurz auf die Bühne geholt.

Den Abschluß bildete ein Duo mit dem extrem beschissenen Bandnamen Crossover, die aber recht brauchbaren melodisch-atmosphärischen Sound ablieferten. Deren attraktive asiatische Vocalistin wurde vom Boy from Brazil auf die Schulter genommen, und ein handkopiertes Fanzine mit kryptischen Inhalten umsonst verteilt.

Ich bin dann irgendwann durch weibliche Begleitung backstage geraten; da waren die Freigetränke allerdings schon weggesoffen; aber zumindest bekam man noch Chili con Carne serviert. Vielleicht handelte es sich auch um eine warme Hirnsuppe kürzlich deaktivierter Plattenaufleger, denn ein großer Minuspunkt des Insane war für mich das DJing, bei welchem der Funke nicht so recht überspringen wollte; da helfen auch keine Slayer Samples um den dünnen Elektrobrei zu verfeinern. Schade! Das wäre die Möglichkeit gewesen den öden Schicki-Laden mal so richtig in Schwung zu bringen und ihm die Mittelmäßigkeit auszutreiben. Eine attraktive russische DJane merkte allerdings an, daß ich sowieso viel zu tolerant wäre, und genau deswegen spreche ich in der Rückschau von einem vollgepackten & anregenden Abend, über den man sich noch lange unterhalten wird. Man kann nicht alles haben; nicht gleichzeitig ficken und tanzen. Das Publikum könnte ebenfalls mehr “insane” agieren, um nicht immer alle Action an Steve Morell als Vorzeigewahnsinnigen zu delegieren.



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