Lügner suchen in dem was übrig bleibt


Liars, Von Spar im Zentral, Juni 2004

Juni 22nd, 2004 | 0 Kommentare ...  

Lügner suchen in dem was übrig bleibt

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Der Geheimgig war längst nicht mehr geheim. Drei Wochen nach einem denkwürdigen Auftritt mit den Blood Brothers im SO 36 sah man die Liars nochmal in einem absichtlich intimeren Rahmen. Das Zentral, wer mochte dort im letzten Jahr noch hin, war voll und guter Stimmung. Als Support gab es die kantigen Kölner Von Spar, die das Publikum auf Trab hielten.

Von Spar, frisch, laut, unbekümmert gegenüber Untergrund und auf der Bühne von drei auf fünf gewachsen haben mit den besten Neo-Funk zur Zeit. Sie kamen ihrer Sache nach und spielten auch ganz ordentlich. Ich sah zwar dauernd die frühen DAF vor mir, aber ok, das darf auch zur Ehre gereichen. Nein, die Jungs haben einen alten Oldtimer komplett zerlegt und mit frisch-blitzenden Chromkreisch ausgestattet. Sänger Thomas Mahmoud hat die breiten Reifen eingeborener Migrantenkinder und schreit es heraus wie schräge Kreissäge. Noch sind sie am besten in kleinen Clubs, und dies wird sich auch solange halten, solange sie so non-konformistisch wie möglich bleiben.

Liars haben da ein ganz anderes Problem. Ohne ein Stück von ihrem genialen Debut Album “They threw us… ” weil ohne die Ex-Liars member Pat Nature am Bass und Synthbox sowie Ron Albertson am Schlagzeug nehmenkeine Begrenzungen auf sich Abgestürzt in Persönlichkeitswahn kramen sie sich durch die Reste ihres alten Rufes als innovativ klingender Rock. Irgendwas muss Angus zu Kopf gestiegen sein, gekleidet in einem knielangem Nachthemd auf der Suche nach der Zeit. Die ausgelassen-fröhliche Stimmung derer Von Spar wich einer gedrückten, nicht-so-recht-wissen-was-jetzt-ist Stimmung. Wieder verliessen Leute den Raum wie vor drei Wochen im SO 36. Und was im SO noch durch Lautstärke und Bühnenshow gebügelt werden konne, war hier kaum mehr wiederzuerkennen. Der Sound dröhnte richtungslos und Aaron entschuldigte sich zwischendurch für eine weitere, schludrige Unterbrechung.

So sehr die Tage frischer Taten mit Pat Nature am Bass und Synthbox sowie Ron Albertson am Schlagzeug vergessen sind, so versessen ist die Band heute zu behaupten, dass dies nur ein weiterer (Fort-)schritt sei. Doch wo soll ein mittelalterliches Thema (Brocken Witch) zum Fortschritt verhelfen?

Andersherum, und mit viel gutem Willen soll man auch “das Gute” in den Liars von heute entdecken können. Als gereinigter Post-punk ihrer selbst suchen sie in dem was von ihrer selbst negiert übrig bleibt und treiben es als eine Art Liars-Hintergrundgeräusch auf die Spitze. Vielleicht wird es keine andere Band jemals geben die sich derartig selbst demontiert hat – nehmen wir Bob Dylan oder Lou Reed mal raus.

Oder liegt noch ein Sinn darin expressionistischen Krach als kontemplative Musik zu verstehen? Als Erben früherer Übertreiber wie Neubauten bzw. Birthday Party würden aber selbst die Liars nicht gelten wollen. Bleibt nur die Beziehung, in der der Abschied von Rock in der Band als mehr Rock gefeiert wird (“Fitz – this was a Rocker, hu?” – Angus, nach einer fast hörbaren Nummer). Doch von dem Witz einer sich selbst feiernden Szene aus der kein Gang über’n Friedhof wird, haben wir uns leider längst verabschiedet.

So war der Abend für die Liars gedacht, und Von Spar trugen den Pott davon.



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