Krach mit Niveau


Child Abuse/ Gary War – West Germany 16.01.2010

Januar 20th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Krach mit Niveau

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Tja, wie soll man denn diese Art von Musik bitteschön nennen? Industrial-Grindcore-Jazz? Oder ist das jetzt etwa schon Post-Death-Metal? Eigentlich aber sowieso unwichtig, denn Child Abuse machen mit dem was sie da tun einfach richtig viel Spaß.

Dafür, dass die drei New Yorker das erste Mal auf einer Berliner Bühne standen war es durchaus erstaunlich zu beobachten, wie sich ein knappes Dutzend hartgesottener Fans schon nach dem ersten Song zum (nicht immer ganz freiwilligen) Pogo-Tanzen zusammenfand. Besonders schön anzuschauen war dabei vor allem ein junger Mann, der vor lauter Begeisterung gleich mehrmals ehrfürchtig vor seinen Helden auf die Knie fiel.

Sänger Luke Calzonetti, in der Umbaupause noch mit drolliger Mütze und Nickelbrille, holte dann erstmal zu einem gepflegten Rundumschlag gegen diverse europäische Veranstalter aus und schleuderte ein paar deftige ‘Fuck You’-Sprüche in die Runde. Dann setzte man – wie es sich gehört – die angestrengt bösen Mienen auf, um sich so durch ein Set zu knüppeln, das vor allem durch ein unglaublich hohes musikalisches Niveau bestach.

Eigentlich kann man gar nicht anders als diese Band schon allein dafür zu mögen, dass unter ihren musikalischen Einflüssen so illustre Namen wie Death, Bela Bartok, Miles Davis oder Bootsy Collins zu finden sind; und natürlich für die Chick Corea – Coverversion.

Child Abuse überzeugen durch ihre kompromisslose Originalität übrigens ebenso wie durch spielerische Klasse. Oran Canfield ist am Schlagzeug ein Tier, Bassist Tim Dahl ein beeindruckender Flitzefinger und die rhythmischen Spielereien besitzen in diesem Genre (ja, welchem denn eigentlich?) wirklichen Seltenheitswert.

Auf eine E-Gitarre konnte man dabei problemlos verzichten, schließlich ist auch ein kleines Casio-Keyboard in der Lage ganz schön fiese Zerrsounds zu produzieren.

Dagegen wirkte der Kurzauftritt von Gary War, ebenfalls aus New York City, eher wie ein laues Lüftchen.  Aber irgendwie auch nicht schlecht dieser krachige Lo-Fi, demgegenüber sich Bands wie Wavves dann schon wieder fast zahm ausnehmen.  Als würden Amon Düül die frühen Pink Floyd durch den Indie-Fleischwolf drehen.  So klingt das dann wohl wenn die New Yorker Krach-Boheme den Krautrock für sich entdeckt.  Schade nur, dass dabei das was Nick Richardson im Wire ‘Pop for experimental music fans’ genannt hat, durch die Mauer aus Soundeffekten manchmal nur zu erahnen war. Eingängig geht halt anders.

Im vollen, aber nicht ausverkauften West Germany hatte sich an diesem Abend dann auch mal wieder die übliche Szene aus Informierten und Interessierten zusammengefunden, und ich war dann schon etwas verblüfft mit welcher einhelligen Begeisterung gerade Child Abuse abgefeiert wurden.

Wahrscheinlich erlebt man sie dann doch zu selten in dieser Stadt: Jene Bands, die neben Originalität und Können es eben auch verstehen, ihrem Publikum kräftig  in den Allerwertesten zu treten.

www.myspace.com/childabuse

www.myspace.com/garywargarywar



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