Kein Punk (2006)


Das 2. Berlin Festival in Paaren im Glien mit Echo and the Bunnymen, The Ravonettes, Klaxons u.v.a, 29.+30.7.2006.

August 6th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Kein Punk (2006)
Hübsch: Ravonettes at Berlin Festival, 29.07.2006 Photo © Dorfdisco 2006

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Livereviews müssten doch immer interessant sein für jene die nicht dabei gewesen sind. Ja wo waren sie denn? Zu heiss um rauszufahren? Na gut, ich quälte mich selbst noch nachmittags zuhause rum, bis so ein Anruf kam, wir sind in einer Stunde “da”. Das hiess dann um sieben! Um ein Festival (und da gibt es einfach zuviele Bands – auf jedem Festival) komplett mitzubekommen muss man schon Frühaufsteher sein. Bin ich ja nicht. Auch kein Zeltbewohner. Ich rausche doch lieber mit der eigenen Gurke an.

Also hatte ich gleich mal die erste Hälfte verpasst. Etwas ausgefranste Kreaturen klärten mich an Ort und Stelle auf dass diese Band ganz toll gewesen ist und diese auch, so Südstaatenrock, ziemlich gut, und überhaupt ist hier alles “zum anfassen”. Die Künstler kann man hier ganz persönlich treffen, und ich wusste gleich, dass dies auch leicht nach hinten losgehen kann.

Die erste Überraschung aber war der geringere Besuch als man erwarten durfte, was dann auch was nettes hatte. Man kennt sich und plaudert ganz anders als in der Stadt. Und so Bands wie The Ravonettes oder Echo and the Bunnymen relaxed auf ner Wiese zwischen 200 Leuten zu sehen ist dann auch fast Luxus. So wie dieser Reisebus, der in aller Munde war, der angeblich nie kam, aber dann doch irgendwann mal ganz langsam wie Phönix aus der Autoasche um die Ecke kroch, vorbeifuhr um sich dann 100 Meter weiter doch noch dazu entschied umzukehren, ganz langsam, und voller Luxus.

Soffy O, Foto Dorfdisco 2006

Soffy O, Foto Dorfdisco 2006

Aber zurück zum Festival. Wie ich so einlief – man muss sich das so vorstellen dass man auf dem Weg von schräg hinter der Bühne an einer mit Djs besetzten Honighütte vorbei muss, welche wiederum ihre Boxen volle Pulle Richtung Bühne hielt – war mein erstes Opfer im Zeugenstand Soffy O. Samt ihrer Allstartruppe von der Clubtanzgruppe quälten sie sich etwas orientierungslos in den frühen Abend hinein, was bei einem Sicherheitsabstand von 2.50 Meter vor der Bühne vielleicht auch nicht Wunder ist. Dahinter stand dann das handverlesene Publikum wie bei einer Musikbesichtigung der gesuchten Art.

Nach jedem Set – wurden eigentlich Zugaben gefordert? – ging es dann auf Wanderschaft rüber zur anderen Bühne, wo man komischerweise immer zum jeweiligen Soundcheck eintraf. Ein guter Kamerad berichtete mir sogar dass man diese Soundchecks schon bewertete, ja, ganz gut, professioneller als den vorhin usw. Und wie das auch so ist spielen auf den Nebenbühnen oft mal jene Bands die so ein Event unvergesslich machen. War man schon dankbar über jede mal nicht so absehbare und dafür umso inspirierendere Aktion rissen die Klaxons aus London den ganzen Tag in einem raus.

Vier soeben der Minderjährigkeit entflohenen Londoner Bengel kümmerten sich abgesehen von der Stimmigkeit ihrer Instrumente herzlich wenig um Soundcheck oder korrekt sitzenden Löchern in schwarzen Denims. Hielt ich mich zu Anfangs noch auf Distanz, schob es mich kurze Zeit später ganz nach vorne, und die Finger meiner linken Hand nestelten nervös an der Photapparattasche. Um mich herum flogen Fetzen richtig verstandener Verstandeslosigkeit, die Typen feierten sich, und Fans rüttelten am 0-cm vor der Bühne aufgestellten Geländer. Eine Mischung raveorientierter Sirenen, floppigem Schlagzeug, galloppierendem Bassläufen und ausgekratzten Rockriffs rockte zu Bruch überraschte mit unerwarteten Anfängen und Enden, reingehaltenen Gesangssätzen und moshte wie frische Kuhmilch fünf Uhr morgens. Nach nur 30 Minuten und vielleicht 10 erkennbaren Melodien diente die Gitarre auch nur noch als Fussabtreter auf Feedback. Die Saiten waren längst gerissen, und die Meute johlte.

Nahmens locker: Klaxons, Berlin festival 2006 - Photo © Dorfdisco 2006

Nahmen alles mit: Klaxons, Berlin festival 2006 - Photo © Dorfdisco 2006

Bei Gelegenheit quatschte ich kurz noch den wuscheligen Drummer in seinem pissgelben Poloshirt an, ob der Bassist heute wirklich erst 18 Jahre alt geworden wäre .. aber nein, das war ja nur Witz gewesen, um ihn was zu ärgern sozusagen … wir sind schon 20 bis 22! Aha.

Und danach? Stereo Total (wir tanzen im Vieregg), und besonders Zoot Woman (so platt wie möglich) nahmen sich danach aus wie zwei brave Gute Nacht Geschichten. Einzig die durchweg angesagten Forward Russia hielten mit ihrer überdrehten Rockperformance noch dagegen. Aber mir sagten sie einfach nichts, oder noch nicht. Die Party ging dann noch Aftershowmässig bis in den angegebenen Morgengrauen weiter, nur nicht mit den angekündigten Whitey oder Moshi Moshi sondern good ol’ Steve Morell und Emma Eclectic verpackten die letzten Hardcoredancer noch bis 4 Uhr morgens mit ihrem Sound.

Sonntag

Tag 2 begann bei mir wie immer mit klassischer Radioweckermusik, dessen besinnliche Orgelkompositionen mich darüber nachdenken liessen, was bei einem kommerziellem Festival heute eigentlich der Vater des Gedankens ist? Kaum eine inhaltsvolle Message mehr die einem Festival an sich Gewicht verleiht. Stattdessen Business, Marketing und eingetragene Markennamen als Festivaltitel. Wobei hier “Berlin” das Zauberwort ist. Hier feiert Berlin will man sagen und meint damit wohl die “Berlin Label Stage”, samt Tresenkräfte der 8mm Bar. Oder, geht es wieder nur um “gute Musik”, diesem Universalreinigungsbegriff, wo man nach 3 Stunden Dauerbeschallung ja doch nichts mehr voneinander unterscheiden kann? Um das zu verhindern müsste die musikalische Steigerungsrate jedesmal verdoppelt werden. Vielleicht der Grund warum andere Festivals am Ende ohne wirklich große Namen kaum auskommen.

Mittag. Photo: Tanja Krokos, 2006

Mittag. Photo: Tanja Krokos, 2006

Die Attraktivität des Berlin Festival’s würde dazu aber schon ausreichen dachte ich, und morgen wird der Laden dann alleine schon wegen der “Berlin Label Stage” rappelvoll sein. Aber Pustekuchen. Mir kamen es fast noch weniger vor, wobei mir nach Ankunft allerdings umso mehr zugetragen wurde: Daniel Benjamin heute mittag war ganz toll, die Islands auch, und die Mediengruppe hat wirklich lustig Laune gemacht. Oder anders herum: Shunt ey, ich hab heut nacht hier gezeltet und die neben mir haben noch ne ganze Stunde lang Zoot Woman gehört!!

Ich lief dann bei einer weiteren gute Laune Band namens Robocop Kraus zur Wiese ein. Kompetente Musikkenner kennen natürlich die musikalische Kompetenz dieser krausen Robocopper. Das Schlagzeug rappt im Offbeat, der Bass wirbelt, die Gitarre schnarrt und der Sänger hatte sich doch tatsächlich wie ein Mattenfänger unter die Leute gemischt wo es fast noch zur Polonaise Paarinese gekommen wäre. Solch ausgelassene Stimmungsheber aus Spaß and der Freud sind heute gefährliche Keimzellen unkontrolliert konterrevolutionärem Aufbegehrens! Man stelle sich nur vor das Publikum wäre in Reih und Glied von der Wiese abgekommen und unaufhaltsam in Richtung Umkleidekabine durchmarschiert! Oder stünden plötzlich auf der Bühne und skandieren: ihr könnt nach Hause fahrn nach Hause… Der Trend tendiert nämlich wenn nicht hallo-lustig-tanzig dann ins nichts, minimalistische, nur keine Angaben machen, wer weiss was wer denkt! Lieber ungenau bleiben, nichts umstürzen, vage und: musikalisch minimal!

Insofern sind solch am eigenen Selbstbewusstsein laborierende Gruppen wie The Aim of Design is to Define My Space krasse Ausnahme. Sollen regen Zulauf gehabt haben, habe ich aber nicht mitgekriegt. Stattdessen Chikinki. Die scheinen irgendwo in der Poppubertät einer Mädchenherzen brechender Teenieband und ernsthafterem Pop zu stecken. Im Nachherein kann ich mich nicht mal an ihre Musik erinnern. Egal. Stattdessen erschlug mich mindestens 3 mal “Ich fühl mich superfantastisch” von Franz Ferdinand in den Umbaupausen.

Ian McCulloch - Echo & the Bunnymen, Photo: Tanja Krokos 2006

Ian McCulloch - Echo & the Bunnymen, Photo: Tanja Krokos 2006

Blieben plötzlich nur noch Echo and the Bunnymen. Ich hatte sie ja ganz früher schonmal gesehen, als sie noch schon so alt waren wie die Klaxons heute und in den damals üblichen Hairdos (The Cure!) auftraten, und Ian McCulloch inmitten des Konzerts in Tränen ausbrach und dieses deshalb abgebrochen werden musste. Drogen munkelte man damals. Aber Anfang der 80ger war sowieso alles viel dunkler und düsterer, auch weil es weniger Möglichkeiten gab. Dadurch erhielten Bands und Auftritte auch mehr Gewicht. Heute machen die Bunnymen natürlich einen soliden Eindruck, irgendwie sah die Bühne sogar noch sauberer aus als am Nachmittag. Und wie es bei so Hauptacts üblich ist wurde auch die Lichtorgel nochmal ausgefahren und der Sound, der war auf einmal auch besser, größer und wichtiger.

Merkwürdigerweise hatten sich da schon einige Einkaufstaschenfans auf den Heimweg gemacht mit der Begründung, dass sie diese Band ja nicht kennen würden. Es fehlte nur der Zusatz “das wäre nur für Erwachsene”. Klar. Als nach dem besten Soundcheck aller Soundchecks erstmals Gregorianische Gesänge ertönten wurde ich sogleich an meinen Morgengedanken erinnert. Dann spazierten die Bunnies anstaltslos durch den Bühnennebel und stimmten ein Set ohne gymnastische Show oder sonstige Einlagen an. McCulloch, hielt sich dabei ausschließlich im Halbdunkel auf, und mit seinen Turnschuhen, baggy Jeans, Brille und Kaputzenjacke schien er mir einem Schlafsack näher als dem Mittelpunkt des Interesses. Aber um Äusserlichkeiten geht es dieser Musik wahrlich weniger. Die beiden verbliebenen Ur-Bunnies Ian McCulloch und Will Sergeant machen einfach schöne Musik, so zwischen New Order und U2, nicht zu kommerziell und mehr Indi vielleicht, zum Glück mal ohne Hysterie oder Hype Geschrei. Man kann sich ihrer einfach hingeben ohne Gefahr zu laufen von groß oder klein schief angeschaut zu werden.

Das hatten die Dorfbewohner von Paaren am Glien dann aber vielleicht doch etwas anders gehört. Punkt 00.05 Uhr, und kurz vor dem überraschenden Doors Cover Roadhouse Blues, schnitt man ihnen den P.A. Strom ab. Das hatte die Band gar nicht mitgekriegt. Erst als ihnen der plötzlich hektisch telefonierende und anschließend mit den Achseln zuckende Mischer ihnen dies mitteilte, tja, Ian grummelte noch was wo er denn hier wäre und dass jetzt die Zuschauer aufgefordert wären zu protestieren, als dann aber erst recht niemand wusste wie!? So ein minimal Protest wäre ja auch witzlos, es sei denn, man hätte so eine Polonaise Zombinese inszeniert… So schritten die Bunnies nach einem letzten Song schließlich mit sich selbst quatschend von dannen.

Resumee: mal sehen was nächstes Jahr kommt. Ich würde wieder hingehen. Irgendwo ist das Berlin Festival doch um genau jene Unwägbarkeiten interessanter als andere Festivals mit dem üblichen Bla Line-up vertreten durch hundert Festival Medienpartner.



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