Jesus, wo warst du?


Die Swans in der Volksbühne, 13. Dezember 2010

Dezember 17th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Jesus, wo warst du?
Michael Gira, Swans. Photo: Tanja Krokos

Von Benjamin Cries

Ich hätte es besser wissen müssen. Morgens zum Ohren-Doc zwecks verbesserten Hörens und dann abends in die Volksbühne zum Konzert der Swans – das bleibt nicht ohne Folgen. Aber gut, was macht schon das leichte Rauschen im Geläusch angesichts dieser inneren Krach-Reinigung im Advent?

Michael Gira und seine Swans machen in der gut besuchten Volksbühne schon von der ersten Minute klar, dass ihnen Lautstärke mehr ist als nur ein Faktor unter vielen. Dass vielmehr brutaler Krach ein prägendes Element sein kann. Ihr prägendes Element. Ein weiteres Element: auf der Stelle treten bzw. hüpfen. Und sich festhängen. In einem lauten, druckvollen Intervall. Zwei Gitarren, ein tiefer Bass, 2 mächtige Schlagwerke. Glockenspiel, und Gong: Dasselbe Intervall. Brüllend. Nochmal. Und nochmal. In seinem Innersten wünscht sich der Zuhörer: nochmal. Die Swans erhören ihn. Repete. Jawoll.

Was Michael Gira weiter tut – ob nun vorweihnachtlich motiviert oder nicht: Er wirft sich in die Brust und beschwört Jesus. Wie ein Wanderprediger breitet er die Arme aus. Bittet, der solle nun hinab kommen. Klar, wer nach 13 Jahren Swans-Auszeit das neue Album „My Father Will Guide Me Up a Rope to the Sky“ betitelt, der denkt in diesen Kategorien. Mehr noch: Gira wünscht sich, das Publikum würde mit ihm den Gottessohn anrufen. Doch ein gutes Ostberliner Publikum tut wirklich viel. Es erscheint gutgelaunt und in großer Zahl. Es goutiert das leise Wirken des mit zwölfsaitiger Gitarre eröffnenden James Blackshaw. Es zertritt danach Plastikbecher im Takt. Es bleibt fast vollzählig bei der Stange, trotz – oder wegen – infernaler Lautstärke. Aber Jesus herab bitten? Am Montagabend? In die Volksbühne? Nein, das ist nicht drin. Der Wunsch bleibt unerfüllt.

Michael Gira nimmt es wie ein echter Swan: er lässt die Gitarre krachen. Nochmal. Und nochmal. Das mag nun nicht immer sonderlich aufregend sein – wie ja überhaupt zu viel oft mit Drones fehlende Spannungsbögen kaschiert werden sollen. Doch den Swans gelingt es, ihre schweren Bluesschlieren effektvoll zu schichten. Melodiebögen schälen sich aus dem Getöse. Ihre Kunst verführt zu lustvoller Isolation; sie ist exzellent allein und mit Ohrenstoppen versehen zu genießen.

Und um bei der Wahrheit zu bleiben: so markerschütternd wie bei ihren Epigonen SunnO dereinst war es ja nicht. Mein lieber Schwan, die waren laut!

www.myspace.com/swansaredead



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: