Jeder Tag, jeden Monat, jedes Jahr neue Sounds


DD/MM/YYYY, Clara Clara im West Germany, 8.2.2010

Februar 9th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Jeder Tag, jeden Monat, jedes Jahr neue Sounds
DD/MM/YYYY, West Germany, 8.2.2010

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Montag, ein perfekter Tag um ins West Germany zu gehen. Vor allem immer dann, wenn es dort wieder eine jener aufregend jungen Bands aus fernen Ländern zu entdeckten gilt, die sich dort mit zuverlässiger Regelmäßigkeit die Klinke in die Hand geben. Diese Woche sah man dort DD/MM/YYYY aus Toronto, Kanada, zusammen mit Clara Clara, Lyon, Frankreich. Zufall dass beide Bands aus dem französisch sprechenden Raum kommen? Am Publikum ließ sich dies jedenfalls nicht messen. Englische Wörter und Satzfetzen dringen von allen Seiten ans Ohr.

Clara Clara haben ihr Equipment vor der Bühne aufgestellt, ein Keyboard, eine Bassanlage und dazwischen ein Drumset, dass sich nur im Stehen spielen lässt, da die Bassdrum neben der Snare nach oben zeigt und neben dem einem Becken wie eine Basstom gespielt wird. Zudem hängt sich Sänger und Schlagzeuger Francois Virot ein Headset um, über das er seine Vocals singt. Singt sei in diesem Falle jedoch übertrieben, shoutet ist treffender ausgedrückt. Clara Clara zählen nämlich zu den vielen neuen Bands, die abstrakt geschichtete Melodieführung mit explosiven Parts kombinieren, das gleichermaßen zum tanzen anregen soll, etwas, dass sich diesem aufgeklärt introvertiert-forschenden Publikum dennoch immer schwerer vermitteln lässt.

Clara Clara, West Germany 8.2.2010

Die Kunst besteht zudem darin, mit wenigen Mitteln viel herauszuholen. Verbleibt Amélie Lamberts Keyboard bei beständig nervösen gehaspelten Quinten, wechselt Bassist Charles Virot zwischen stark verzerrtem Groove und sanfteren Melodien. Kombiniert mit variierten, aber vehementen Schlagzeugparts beinhaltet dies so genug Abwechslung, um das musikalische Konzept Clara Claras nicht langweilig werden zu lassen.

Nach etwa 40 Minuten war die erste Lehrstunde in Sachen “mache aus wenig möglichst viel” rum, als man sich Hoffnung über eine Steigerung dessen machen durfte. Schließlich seien DD/MM/YYYY gerade “one of a crop of really good Toronto bands right now”, wie mir ein vertrauter Freund aus Toronto noch am selben Abend schrieb. Und man wurde nicht enttäuscht. Zwar hatte das West Germany (und auch ich) schon einige herausragende Akteure gesehen, gegen deren Eindruck jede andere Band nur noch wenig ausrichten dürfte, doch schlugen sich DD/MM/YYYY jetzt nicht minder schlecht.

Für eine Band, die scheinbar das ganze Jahr über auf Tour ist und jede Stadt für nur ein paar Stunden aus dem Fenster ihres kleinen Tourbusses zu Gesicht bekommt, legten DD/MM/YYYY eine entsprechende Routine an den Tag, entschuldigung, Nacht. Als Multiinstrumentalisten, verteilt auf doppelten Gesang /Schlagzeuger, Bass, Gitarre und Keyboards, hielten sie auch für erfahrene Bandspotter noch jede Menge Überraschungen bereit. Eine stringente Strophe/Bridge/Refrain Führung war nun gar nicht mehr auszumachen, abstrakte Schnitte, fixe Überleitungen und überbordende Vocals um so mehr.

DD/MM/YYYY – mal interpretiert als Formel für jeder Tag / jeden Monat / jedes Jahr, kletterten durch ein rasantes Set, vollgestopft mit kleinen Tricks und Licks, Harmonie- wie Rythmuswechseln auf das es einem das Gehirn kickte. Stets zu hundert Prozent engagiert sah man sich neuen Wilden gegenüber, die sich im elektronischen Gadgetwald herumschlugen. Die Performance war so detailreich, dass mal nur zwei Augenblicke demonstrativ beschrieben werden sollen: Keyboardplayer (verzeiht, dass ich den diesen Instrumenten zugeordneten Namen wie Tomas Del Botox- The Illuminatus! Rat King- snakes and ladders oder gordojojo- project x oscillator nicht mehr ermitteln kann ö), also, spielte mit rechts Akkorde, während er mit links auf dem ihm gegenüberliegenden Keyboard seitenverkehrt Bassläufe einspielte. Klar? Dann gings auch mal rüber zur Gitarre, während Gitarrist ans Schlagzeug und Schlagzeuger ans Keyboard usw. usf. Nur Bassist Mike Xton, dies lässt sich von MySpace ablesen, verblieb am Bass, mitsingend aber ohne Mikro.

Das andere Detail lag in der Beschuhung: Vordermann und Vocalpercussionist mit nur einem Schuh auf der Bühne stand. Man dachte sich wohl dass er sich den anderen ausgezogen hätte, doch dann fragte er das Publikum ob sie nicht so einen wo gesehen hätten!? Hallo, Schuh verloren? Ein anderer, nicht weiter zuordnungsbarer Stiefel stand wiederum auf einem der Amps. Witzig übrigens dann der Moment, als sich die Band bedankte mal wieder in Berlin spielen zu können…wer im Publikum denn Berliner sei?? Ouhhh, von den schätzungsweise hundert Gästen hoben sich gerade mal, na, vielleicht zehn Finger. Auch das war überraschend, oder doch nicht?

Wie dem auch sei, der Abend sparte nicht an Außerordentlichkeiten, und auch DD/MM/YYYY, die Band mit dem formal-mathematischen Kürzel ließen es zunehmend krachen. Erst hing das eine oder andere Mikro herunter, dann kippten Teile des Schlagzeugs um. Der akzentuierte Dichte schwamm nun zunehmendst Richtung durchschwitzter Ausgelassenheit, der Schlagzeuger mochte schon nicht mehr sitzen bleiben, bis zum Ende die ganze Band erschöpft am Bühnerand verteilt hockte und sich nur noch zu einer kurzen Zugabe herbeirufen ließ.

Die Luft des West Germanys war zu dem Zeitpunkt auch schon wieder verbraucht, der Balkon wegen Vereisung geschlossen und die kaputten Fenster notdürftig geflickt. Dennoch wusste man dass man sich auch auf das nächste Konzert hier wieder freuen darf, dass die Booker des West Germany in einem scheinbar unerschöpflichen Reservoir aktuellster Künstler schöpfen, und einem die Garantie versprechen, dass je außergewöhnlicher der Name, desto spannender die Band sein wird.

http://www.myspace.com/claraclaraband

http://www.myspace.com/ddmmyyyy

http://www.ddmmyyyy.net/



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