Ja, Platzangst – ein Ellenbogen wäscht den anderen


Hans Unstern und Ja, Panik 08.01.2010, Antje Oeklesund, Friedrichshain

Januar 17th, 2010 | 0 Kommentare ...  

Ja, Platzangst – ein Ellenbogen wäscht den anderen

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Hans Unstern ist zurzeit wohl der interessanteste Musiker in Berlin, den man in die Kategorie Singer/Songwriter stecken kann. Bei unzähligen Konzerten in verschiedener Besetzung, verschiedenen Kollaborationen, mit verschiedenen Bartfrisuren konnte man sich bereits von diesem Künstler, wahlweise mit oder ohne untermalender Band, überzeugen. Seine Lieder erzählen nie eine stringente Geschichte, keine Anekdoten aus dem Leben, keine sentimentalen Gefühlsgesänge – was bei Titeln wie „Paris“ oder „Lyon“ zu vermuten wäre. Eher folgen die Texte einem Dada-Konzept, ohne völlig in die Sinnentfremdung zu driften und erinnern damit teils an Schorsch Kameruns Sprech/gesang.

An diesem Freitag ist es sehr, sehr voll im Antje Oeklesund, das Unstern zu Recht zum fünften Mal eingeladen hat. Später hört man, es ist ausverkauft. Und dann betritt Unstern schon singend die Bühne und bündelt die Aufmerksamkeit im abgesehen von der Vielzahl an Menschen kargen Raum. Seine Band folgt ihm kurz darauf – gemeinsam beginnen sie aus einem Ba-ba-ba-Chor heraus das erste Lied „Anglet“. Kontrabass, Klavier, Schlagzeug und Percussion fügen sich mit der Gitarre Unsterns zu einem minimalen Orchester. Die Instrumentierung folgt dem überlegten, überphrasierten Gesang – mal im Crescendo, mal im Decrescendo, abgehackt oder antreibend, aufbrausend und abklingend. Als Zuschauer freut man sich, dass man mal wieder Musiker auf der Bühne erlebt, die sich sichtlich Mühe geben, eine, ja, eine gute Show abzuliefern. In Kombination mit den kurzen Filmen, die auf und hinter die Band projiziert werden, wird aus dem Konzert ein Kunststück.

Zwischendurch merkt man auf, als Unstern Worte singt, die man von Ja, Panik kennt. Sehr elegant verwandelt er „Als Habe Ich“ in einen eigenen Song, der auch ohne Aufgeregtheit und E-Gitarren auskommt. Ja, Panik geben an diesem Abend – kurz vor ihrer deutschlandweiten Tour – die zweite Band. Das mag ein Grund dafür sein, dass das selbsternannte „Audiovisual Laboratory“ aus allen Nähten platzt. Am Ende des Konzertes gesellen sich die Herren aus Österreich zu Hans Unstern und Band und geben diesem einen großartigen Abschluss. Zugaberufe werden leider nicht erhört.

Nach 30 langen Minuten des Wartens und Publikumhassens (vom Typ Student mit hässlichem Bart bis zu jungen Mädchen mit tiefem Ausschnitt und beim Im-Takt-Klatschen bewiesenem Rhythmusgefühl ist alles dabei) betreten Ja, Panik die Bühne.

Sie sind eine der wenigen aktuellen Bands, die wissen, wie man Texte auf Deutsch schreibt, ohne pathetisch, ulkig oder kitschig zu wirken – selbst mit eingeflochtenen Englischfragmenten. Und dazu spielen sie noch inspirierten Pop mit Klavier, der aus dem Wissen von X Jahren Musiksozialisiation schöpft ohne zu kopieren. Wunderbar! In den letzten paar Jahren ist keine vergleichbare Band auf die Bildfläche getreten und hoffentlich kommen jetzt niemandem 1000Robota in den Sinn. Das wäre eine Beleidigung.

Ursprünglich aus dem Burgenland in Österreich und damals noch unter dem Namen „Flashbax“ firmierend, haben sich Ja, Panik deutlich gemausert. Mit ihrem ersten selbstbetitelten Album und der Single „Zwischen 2 und 4“ wurden sie spätestens 2006 zu Wiener Lokalhelden. Ein Jahr später kam die zweite Platte „The Taste & The Money“ und in Folge 2009 nach einem Bandumzug nach Berlin „The Angst & The Money“, zu der nun eine Tour ansteht. In all diesen Jahren haben sich Ja, Panik textlich und musikalisch zu mehr Klarheit, mehr Schroffheit und zu mehr Einklang gewandelt.

Im Gegensatz zu der analogen Geräuschkulisse Hans Unsterns, werden bei dieser Band kontinuierlich laute Gitarren gespielt und geschrammelt, es wird auf und in die Tasten gehauen und auf das Schlagzeug eingeschlagen. Zwischendurch und immer wieder galante Melodien und eingängige Strukturen. Man kann sagen, das ist Punk mit Haltung, gefüttert von und gespeist mit Popdiskurs. Der wird durch Andreas Spechtls nonchalanten, passiv-aggressiven Gesang vollendet. Diese Herren wissen, was sie können.

Auch die Musikbox des AÖ wird miteinbezogen: der Schlagzeuger sitzt obenauf und der zweite Gitarrist darin – sein Zutun zum Konzert kann man über einen kleinen Bildschirm verfolgen. Zur „Pardon“ tritt er mit auf die Bühne, um einen Teil der Choreographie, die es im Video zum Song von der ganzen Band zu sehen gibt, vorzuführen. Kurz darauf verschwindet er wieder, kommt später nochmals heraus und spielt sich mit durch das Ende des langen, langen Konzerts, das durchgehend mit Energie und dem Sinn für gute Popsongs überzeugt hat.

An diesem Abend standen im Antje Oeklesund zwei Bands auf der Bühne, die Gespür für intelligente Texte und außergewöhnlich gute Musik bewiesen haben. Im Anschluss gehen Ja, Panik und Hans Unstern gemeinsam auf Tour in Deutschland, in Österreich und der Schweiz. Das Publikum war begeistert und mit Sicherheit füllt diese Kombination in Berlin auch wieder größere Venues. Es gibt Hoffnung auf mehr.

www.myspace.com/hansunstern

www.myspace.com/japanik



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