Irgendwo über dem Regenbogen… das Berlin-Festival 2005


Das 1. Berlin Festival im Paaren im Glien mit The Undertones, Whitey, Animal Collective, Black Dice, Cobra Killer, Kissogram, Autonervous u.v.a., 4.6.2005

Juni 10th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Irgendwo über dem Regenbogen… das Berlin-Festival 2005
Whitey, Berlin Festival 4.6.2005 Photo dorfdisco

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Eigentlich bin ich kein Festivalgänger. Ich mag es nicht erst kilometerweit zu fahren um dann aus einer Menge Rockpilger heraus gnadenlos bunt zusammengewürfelte Bandpotpourries zu erspähen, an deren Sound ich mich nach drei Acts schon nicht mehr erinnern kann.

Dazu kommen meist lange Schlangen für überteuerte Getränke, die in schnell vermiesten Plastiktoiletten verschwinden, Wetterunwägbarkeiten und oder Schlammlöcher, die leicht mal von überforderten Ordnern mit Sherrifattitude bewacht werden. Wenn man doch mal auf so einem Festival landet sollte man entweder einen All-areas-backstage Ausweis besitzen oder auf Trip irgendwo in der hintersten letzten Ecke unter einem Baum am Radio verbringen bzw. auf einem vertrocknetem Stück Wüste campen.

Am 4.Juni bin ich trotzdem auf ein Festival gefahren. Der Grund dessen lag nicht an meiner Presseakkreditierung, sondern, sieht man mal vom Headliner Ian Brown ab, an dem überaus aussergewöhnlichen Programm. Ausserdem verordnete ich mir mal was Frischluft, was denn ja doch mal gut tun soll.

Angekündigt war ein Ausschnitt neuesten Amisound, solides von den Sternen und den Undertones, sowie einen ganzen Abend lang Berliner Szene auf einer extra Bühne. Es gehörte also schon gewissen Mut dazu da nicht hinzugehen. Was zum Beispiel hätte man verpasst wenn die Berliner Hütte abgebrannt wäre? Oder der White Trash Fast Food Imbissanhänger plötzlich gen Himmel entschwebt? Das ist natürlich nicht passiert, es wäre bei der ganzen fuck-your-mother-and-eat-our-burgers Attitude ja auch zu merkwürdig. Dafür passen sie mit der fahrbaren Hütte nun überall hin und können Berlin auch gleich ganz als das betrachten was es eigentlich längst ist: white trash.

So gesehen waren diejenigen, die auf das fast über-infrastrukturierte Gelände des Märkische Ausstellungs- und Freizeitzentrum’s kamen (oder war es ein Meerschweinkreuzungszentrum?) und einen perfektem Rasen vor der Hauptbühne sowie samt Seife und ausreichend Papierhandtüchern bestückten Toiletten erlebten so eine Art mit Zivilisation konfrontierte Pionierliga, die sich des Ungewissen grundsätzlich gewisser sind als zuhause kleben zu bleiben. Heisst, das Publikum war cool genug eine unpopuläre Entscheidung getroffen zu haben, auch wenn ich die Hälfte der Anwesenden schon von weitem an ihren Sonnenbrillen erkennen wollte.

In diesen Breitengraden unpopulär waren auch einige der angesprochenen Bands. Wer kennt schon Black Dice aus New York oder The Animal Collective? Nun scheinen beide Bands etwas gleiches zu haben, nämlich dass sie mit allerlei elektronischen Effektpedalen und akustischen Dengeleng ungefähr so klingen als hätten zwei Star Wars Roboter Festplattensex, exstatisches Kurzschlussgeschrei inbegriffen. Nuja. Es gab ja auch noch die Liars, das heisst, nein, die standen nur auf dem Programm und Sänger Angus konnte sich nicht so recht entscheiden ob sie sich nun verfahren hätten oder einer ihrer Bandmitglieder krank sei. Egal. Die Sons and Daughters waren ok, The Kills übertrieben dämlich und The Wedding Present habe ich vergessen.

Absoluter Nachmittagshighlight aber Whitey. Kann man unbeteiligter rumstehen und dazu völlig manischen Abgehsound in Trance fabrizieren? Ich denke Whitey ist so was wie Schamanismus der Postmoderne, I-pod und Schlafzimmergefühle inklusive.

Zwischendurch war ich dann mit Steve Morell was Eis essen und hatte mich dann in der Dorfscheune umgesehen. Die dort installierte Berlin Bühne kam ja schon einer Berliner Leistungsschau gleich. Ums kurz zu fassen: der Gewinner hiess Kissogram. Dassé und Poppe sind dermassen abgeklärt cool drauf ohne auch irgendwie exaltiert oder überheblich zu wirken dass es mir schon den Rücken runterlief. Und ich sag das nicht weil ich die als Fan auch als MP3 Download anbiete, sondern weil es so ist. Pasta.

Autonervous, Photo © Dorfdisco 2005

Autonervous, Photo © Dorfdisco 2005

Platz zwei: Autonervous. Schlagt mich aber mit Bettina Köster und Jessie Evans haben sich zwei aussergewöhnliche Persönlichkeiten gesucht wie gefunden. Beide Sängerinnen als auch Saxophonistinnen ergänzen sich wie Ying und Yang. Das ganze Set über passte jeder Ton, jede Bewegung. Wo Jessie mal zerbrechlich scheint wirkt Bettina druckvoll, wo Bettina sich die Haare rauft zupft Jessie am Saum, natürlich unchoreografiert. Musikalisch auf höchstem elektronischen No-no-no Dance Niveau züchten sie ihren eigenen Kult und ich vermute mal dass das auch in Zukunft jenseits jeder pauschalierten Geschmacksrichtung bleibt. Bedeutet: was der Bauer nicht kennt, das hört er nicht.

Auch top: Namosh! Aber der ist ja bekanntlich immer top, heisst Top-show, top-Klamotten und nichts von der Stange. Genauso wie The Nothings. Die können von mir aus jeden x-beliebigen Titel spielen, die Kombi aus Lobotomy, Shizuo, WT Norbert aka Tony Clash und Sinhard als den einzig mir bekannten fähigen Schlagzeuger der nebenbei auch noch Kneipenbesitzer ist, haben das was ich immer haben wollte: mit nur einem Song die Stimmung vom Friedhof zurück ins Geburtshaus zu befördern.

So wie die Undertones. Das, und den Satz wollte ich auch schon immer mal schreiben, ich das noch mal erleben durfte: My Perfect Cousin und Teenage Kicks. Wie lange hatte ich schon keinen epileptischen Sportanfall mehr gehabt? Ich fühlte mich noch einmal wie sechzehn (Fergal Sharkey Sängernachfolge Paul McLoone ist seines Jobs schon würdig), hüpfte vorne herum und zeigte gen Himmel wie alle anderen auch. Danke Berlin Festival, da muss ich doch gleich noch mal Buzzcocks hören.

Aber hey, es gab natürlich noch ‘zig andere Gruppen die ich Schlawiner mir verkniffen habe. Das ist ja das Gemeine an Festivals. Ging nicht anders. Ladytron z.B. sah ich mir bei Regen aus besagter Ferne irgendwo hinter einem doppelten Regenbogen an, The Sighs habe ich sträflicherweise immer noch nicht gesehen, dafür aber Cobra Killer zum 2ten Mal in 2 Wochen. Die waren etwas entnervt über allzu aufdringliche Handyfotografen, die es auf ihre Zehen abgesehen hatten! Gina, also eigentlich auch Annika, aber Gina hatte da schon die passende Antwort drauf mit den Worten, dass da an der Bar ein von Cobra Killer offiziell angestelltes Fotomodel stehen würde, welches sie nun an ihrer Stelle fotografieren können. Das hatte gesessen.

Ansonsten muss man sich nicht wundern wenn die Stimmung nicht gerade aus dem märkischen Sand aufsteigt. Weil ich mich aber wie Eingangs erwähnt nur ungern auf grösseren Festivals rumtreibe habe ich auch wenig Vergleich. Trotzdem sollten die Veranstalter des Berlin Festival’s nichts unversucht lassen für’s nächste Jahr trotz Marketingmist wieder ein ungewöhnliches wie innovatives Line-Up zusammen stellen. Nur den Headliner könnte man aktueller besetzen. Wer zum Quadrophon ist schon Ian Brown?



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