Interpol, Tenfold Loadstar


Interpol, Tenfold Loadstar Live at Knaack 27/10/2002

September 1st, 2002 | 0 Kommentare ...  

Interpol, Tenfold Loadstar
Interpol Photo by Christoph Voy © Dorfdisco 2002

Von Sebastian Riewe

An einem nassen und kalten Sonntagabend wie diesem mag man nicht sehr gern vor die Tür gehen. Erst recht nicht, wenn es zudem auch noch wie die Hölle windet. Gründe genug also, es sich zu Hause gemütlich zu machen, sich einzumümmeln und das Wochenende zu verdauen. Doch scheinen gute Kritiken seitens einschlägiger Magazine nach wie vor so manche Menschen hinter dem Ofen hervorzulocken, so dass sich schon sehr früh erste Schlangen musikinteressierter junger Leute bilden, die sich trotz widrigem Wetter von (angeblich) DER Band der Stunde überzeugen lassen wollen: Interpol.

Doch bevor es dazu kommt, kommt man bei noch relativer Bewegungsfreiheit in den Genuss von Tenfold Loadstar, einem deutschen Trio mit einer unspektakulär angenehmen Mischung aus weiblichem Gesang, anderthalb Gitarren, einem Schlagzeugkomiker und einer Menge Musik vom Band. Das tut zwar keinem weh, hat im Gegenteil sogar schöne Ansätze, doch nachdem sich die Band ebenso unkommunikativ wie die Gäste gibt, bleibt sehr wenig hängen und Tenfold Loadstar sind schnell vergessen.

Also, wieder zurück zum Wesentlichen. Was erwartet man live von einer Band, die mehr 80er-Verweise in sich vereinigt, als sie Akkorde spielen (können)? Bei denen Reizwörter wie Wave, Punk und NYC-Rock aufeinandertreffen? Will man wirklich eine Neuauflage von Joy Division? Natürlich hat ein jeder von uns die Band um Ian Curtis geliebt oder zumindest in gewissen Lebensphasen eine Affinität zu der atmosphärisch-düsteren Aggression aufgebaut, die ihre Musik ausgezeichnet hat. Gerade deshalb wäre doch ein Plagiat fehl am Platz.

Doch keine Bange, Interpol sind bei weitem kein Abklatsch, sie geben uns nur etwas zurück, was man seit den seligen Manchestertagen verloren geglaubt hatte: diese großartige Mischung aus bereits erwähnter Aggressivität, gepaart mit Melancholie und einer gehörigen Portion Coolness. Da stehen fünf Leute unterschiedlichen Alters und Stils auf der Bühne, alle, wie könnte es derzeit auch anders sein, beinahe uniform in schwarzen Anzügen, sie reden wenig miteinander und schon gar nicht mit dem Publikum und dennoch vermitteln sie viel mehr von ihrer Musik, als es die Vorband jemals könnte.

Allein Gitarrist Daniel Kessler schafft schon beim Opener “Untitled” mit nur zwei Tönen eine Atmosphäre, die über das gesamte Konzert hinweg keinen Deut nachlässt. Während das Zusammenspiel zwischen ihm und Carlos D. (Bass) so einige Parallelen zu 80er-Wave à la Chameleons zieht und mit Paul Banks ein erstaunlich junger und unscheinbarer Sänger auf der Bühne steht, dessen tiefe Tonlage beizeiten zwar sehr wohl an Curtis’ Stimme erinnert, ist Interpol andererseits ein eindeutiges Produkt der Jetztzeit. Vielleicht braucht es einfach diese 20 Jahre Abstand, um dermaßen abgeklärt die Vergangenheit zu bewältigen und sich mit jugendlicher Energie und Lässigkeit der Sache anzunehmen. Das mag schwülstig klingen, aber wer letztes Jahr die Chameleons im K17 gesehen und erlebt hat, wie das Original zur Farce wurde, wird vielleicht verstehen was ich meine.

Nach fast allen Stücken des hervorragenden Albums “Turn On The Bright Lights” (auf Labels/ Virgin), einem neuen und zwei EP-Tracks bleibt das Gefühl zurück, etwas Großartigem beigewohnt zu haben. Man kann sich glücklich schätzen, Interpol vielleicht zum letzten Mal in einem Club dieser Größenordnung gesehen zu haben, denn nun können eigentlich nur noch Hallen folgen. Auf dem Nachhauseweg hofft man noch insgeheim, das dies niemals der Fall sein wird…



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: